Bei der Linderung von Schmerzen hat sich der Placebo-Effekt als erstaunlich wirksam erwiesen. „Umfangreiche neurowissenschaftliche Forschungen haben gezeigt, dass die Placebo-Analgesie ein komplexes biopsychosoziales Phänomen ist, an dem verschiedene Mechanismen des Zentralnervensystems beteiligt sind, die die Schmerzwahrnehmung beeinflussen“, berichtet ein Team um Tamas Spisak von der Universität Duisburg-Essen. Selbst wenn wir nur eine Scheinbehandlung erhalten, schüttet unser Gehirn in Erwartung einer Schmerzlinderungen Opioide und weitere Botenstoffe wie Dopamin aus, durch die es uns tatsächlich besser geht.
Schmerzlindernde Erwartungen
Der Effekt ist so mächtig, dass er sowohl in Studien als auch im klinischen Alltag gezielt zum Einsatz kommt: Um die Wirkung einer Behandlung zu verstärken, erzeugen Behandelnde bei ihren Patienten positive Erwartungen, indem sie ihnen beispielsweise die Vorteile eines Medikaments oder einer Therapie genau schildern. Zudem können sich Menschen darauf konditionieren lassen, bestimmte Reize – etwa einen Geruch, eine Creme oder ein wirkstofffreies Medikament – mit einer Verringerung ihrer Schmerzen in Verbindung zu bringen. Dazu erhalten die Personen während der Lernphase unter der Scheinbehandlung schwächere Schmerzreize als ohne die Behandlung, sodass sich ihre Erwartung einer Schmerzlinderung verstärkt. Teils kommen während der Konditionierungsphase sogar echte Schmerzmittel zum Einsatz.
„Ob verbale Suggestion und Konditionierung allerdings auf den gleichen neuronalen Signalwegen beruhen, war bislang unklar“, schreiben Spisak und sein Team. Denn die meisten bisherigen Studien zur Placebo-Schmerzlinderung nutzen nur jeweils eine der beiden Methoden, sodass direkte Vergleiche nicht möglich waren. Nun haben die Forschenden die Daten aus 16 Studien mit insgesamt 409 Personen erneut ausgewertet. In fünf dieser Studien erhielten die Teilnehmenden zur Auslösung des Placebo-Effekts lediglich verbale Instruktionen, in elf Studien unterzogen sie sich zusätzlich einer Konditionierung. In allen Fällen wurden ihre neuronalen Reaktionen mit Hilfe von funktionaler Magnetresonanztomographie (fMRT) aufgezeichnet.
Wo der Placebo-Effekt im Gehirn wirkt
Bei der Analyse der Hirnscans stellten Spisak und seine Kollegen fest, dass zwar bestimmte Hirnregionen bei beiden Techniken eine Rolle spielen, die Konditionierung aber auch weitere Bereiche des Gehirns einbezieht. „Beide Techniken erhöhen die Aktivität während des Schmerzes im dorsolateralen präfrontalen und im inferioren parietalen Kortex“, berichten sie. Diese Bereiche stehen mit Aufmerksamkeit und bewusster Kontrolle in Verbindung. Bereiche wie die Insula, das Putamen und die primären sensorischen Areale, die an der Schmerzwahrnehmung beteiligt sind, waren dagegen in beiden Fällen weniger aktiv.
„Das Hinzufügen von Konditionierung verstärkt die Aktivierung von Regionen, die mit der Kontextrepräsentation und der Schmerzmodulation assoziiert sind und verringert die Aktivität in schmerzwahrnehmenden Regionen“, so die Forschenden. „Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die beiden Strategien auf teilweise unterschiedlichen Mechanismen im Gehirn beruhen.“ Zudem stellten sie fest, dass die Kombination aus verbaler Suggestion und Konditionierung eine stärkere Schmerzlinderung ermöglichte als die verbale Methode allein.
„Durch die Identifizierung unterschiedlicher neuronaler Signalwege kommen wir dem Verständnis näher, welche Mechanismen in verschiedenen klinischen Situationen aktiviert werden können“, sagt Spisaks Kollegin Ulrike Bingel. „Künftig könnte uns dieses Wissen dabei helfen, gezieltere Strategien zu entwickeln, um die körpereigenen schmerzlindernden Systeme von Patientinnen und Patienten zu unterstützen und Behandlungsergebnisse zu verbessern.“
Quelle: Tamas Spisak (Universität Duisburg-Essen) et al., Nature Communications, doi: 10.1038/s41467-026-74743-0





