Schätzungen zufolge sind rund ein Drittel der Menschen in westlichen Industrieländern von Einsamkeit oder sozialer Isolation betroffen. Soziale Isolation tritt dann ein, wenn ein Mensch objektiv betrachtet nur wenige Beziehungen und Kontakte hat. Wer dagegen einsam ist, fühlt sich subjektiv allein oder ausgeschlossen und leidet darunter – unabhängig von seiner tatsächlichen sozialen Situation. Schon länger ist bekannt, dass Betroffene beider Zustände ein erhöhtes Risiko für Depressionen und andere mentale Leiden haben. Aber auch körperliche Erkrankungen und ein früher Tod treten bei ihnen häufiger auf.
Langzeitstudie mit mehr als 277.000 Teilnehmenden
Aber was bedeutet dies konkret für uns als Individuum und unsere Lebensqualität? Das haben nun Forschende um Xuan Wang von der Fudan-Universität in China und der Tulane Universität in New Orleans genauer untersucht. Dafür werteten sie Daten von 277.489 Teilnehmenden der britischen Langzeitstudie UK Biobank aus. Diese Erwachsenen zwischen 40 und 69 Jahren waren zu Beginn der gut 13 Jahre langen Untersuchungszeit gesund und litten weder an mentalen noch an körperlichen Krankheiten.
Das Team ermittelte anhand der Studiendaten, wie viele Testpersonen unter Einsamkeit und/oder sozialer Isolation litten. Dann untersuchten sie, wie lange die Betroffenen gesund blieben und ob sie früher an mentalen Krankheiten wie Depression oder Ängsten sowie an körperlichen Leiden wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, neurodegenerative Erkrankungen oder chronischen Atemwegsleiden erkrankten.
Sechs gesunde Jahre weniger
Das Ergebnis: “Soziale Isolation und Einsamkeit haben eine signifikante Auswirkung auf unsere krankheitsfreie Lebenserwartung“, berichtet Seniorautor Lu Qi von der Tulane University in New Orleans. Einsame und sozial isolierte Menschen Leben verlieren im Schnitt sechs gesunde Jahre ihres Lebens. Denn sie leiden früher und häufiger an mentalen Erkrankungen wie Depression oder Ängsten, aber auch an chronischen körperlichen Krankheiten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes bis hin zu Krebs.
„Wir haben dabei festgestellt, dass Männer stärker von den Folgen der Einsamkeit betroffen sind“, berichtet Qi. Anfangs gesunde männliche Testpersonen mit Einsamkeit und sozialer Isolation hatten während der Studiendauer im Schnitt 2,4 gesunde Jahre weniger ohne körperliche Erkrankung und 5,8 Jahre weniger ohne mentale Leiden. Den Frauen mit Einsamkeit und Isolation fehlten im Schnitt 1,7 gesunde Jahre ohne physische Krankheiten und 3,7 gesunde Jahre ohne mentale Erkrankungen.
Kann eine gesunde Lebensweise helfen?
Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Eine gesunde Lebensweise mit viel Bewegung, ausgewogener Ernährung, ausreichend Schlaf und Verzicht auf das Rauchen kann die negativen Folgen der sozialen Isolation zumindest in Teilen ausgleichen. Von sozialer Isolation Betroffene verlieren mit einem gesunden Lebensstil weniger gesunde Jahre als ohne diesen, wie das Team feststellte.
Interessant jedoch: Gegen die gesundheitlichen Folgen der Einsamkeit hilft die gesunde Lebensweise offenbar nicht. Einsame Testpersonen verloren unabhängig von ihrer Lebensweise etwa genauso viele gesunde Lebensjahre. „Das legt nahe, dass Menschen mit sozialer Isolation von einer Veränderung des Lebensstils profitieren und dies eine wirksame Intervention sein kann“, schreiben Wang und seine Kollegen. Bei Menschen mit Einsamkeit scheint dies hingegen nicht zu funktionieren.
Warum das so ist und welche biologischen Mechanismen dahinterstecken, ist bislang ungeklärt. Hier seien weitere Studien nötig, so die Forschenden. Zusammengenommen bestätigen ihre Ergebnisse aber erneut, dass Einsamkeit und soziale Isolation mehr als nur ein gesellschaftliches Problem sind: Sie beinträchtigen auch unsere physische und mentale Gesundheit.
Quelle: Xuan Wang (Fudan University, China) et al., Nature Communications, 2026; doi: 10.1038/s41467-026-74498-8





