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Pferde bei Wind und Wetter: Was Verhaltensforschung über ihre Bedürfnisse verrät
Erde & Umwelt

Pferde bei Wind und Wetter: Was Verhaltensforschung über ihre Bedürfnisse verrät

Kälte, Regen, Wind oder Sonne: Wann suchen Pferde eigentlich Schutz? Wissenschaftliche Studien zeigen, dass ihr Verhalten komplexer ist, als ein Blick aufs Thermometer vermuten lässt. · Foto: © profizelt24.de

Ein Pferd, das bei Frost auf der offenen Weide steht, während wenige Meter entfernt ein Unterstand frei zugänglich ist, wirkt aus menschlicher Sicht schnell erklärungsbedürftig. Umgekehrt suchen manche Pferde schon bei vergleichsweise milden Temperaturen Schutz, sobald Regen und Wind zusammenkommen. Solche Beobachtungen zeigen, weshalb die Lufttemperatur allein wenig darüber aussagt, wie belastend eine Wetterlage für ein Pferd tatsächlich ist.
Autor
Externer Autor
01. September 2026
Lesezeit
6 Minuten
Rubrik
Erde & Umwelt

Verhaltensforschung macht diese Unterschiede messbar. Besonders aufschlussreich sind Untersuchungen, in denen Pferde selbst zwischen geschützten und ungeschützten Bereichen wählen können. Sie zeigen: Nicht „kalt“ oder „warm“ allein bestimmt das Verhalten. Niederschlag, Wind, Sonneneinstrahlung, Luftfeuchtigkeit, Fellzustand und individuelle Eigenschaften wirken zusammen. Für die Haltung ist deshalb weniger die Frage interessant, ob Pferde grundsätzlich einen Unterstand „brauchen“, sondern unter welchen Bedingungen sie ihn tatsächlich nutzen können und wollen.

Nasses Fell verändert die Bedeutung von Kälte

Pferde in Unterstand

Regen scheint Pferde mehr zu stören als Frost. Doch warum suchen sie bei mildem, nassem Wetter Schutz, während sie bei Minusgraden oft draußen bleiben? — © profizelt24.de

Pferde können sich an ein beträchtliches Spektrum klimatischer Bedingungen anpassen. Das Winterfell erhöht die Isolation; zudem beeinflussen Körperhaltung, Bewegung, Futteraufnahme und Stoffwechsel die Wärmebilanz. Wie gut diese Mechanismen funktionieren, hängt jedoch von weiteren Faktoren ab. Ein Review zu den Grundlagen der Pferdewohlbeurteilung nennt neben Umgebungstemperatur unter anderem Luftfeuchtigkeit, Niederschlag, Windgeschwindigkeit und Sonneneinstrahlung als relevante mikroklimatische Größen. Auch Körperkondition, Futteraufnahme, ein nasses Fell sowie Zugang zu Schatten oder Schutz beeinflussen die thermische Situation.

Gerade Niederschlag macht deutlich, warum das Thermometer allein irreführen kann. In einer norwegischen Untersuchung mit 22 ausgewachsenen Pferden konnten die Tiere zwischen dem Außenbereich sowie einem beheizten und einem unbeheizten Schutzbereich wählen. Bei trockenem Wetter unter null Grad wurden sie in 88 Prozent der Beobachtungen draußen registriert. Bei milderen Temperaturen in Verbindung mit Wind und Regen waren es dagegen nur 52 Prozent. Zittern wurde in dieser Studie bei milden Temperaturen mit Regen oder Schneeregen beobachtet. Die Untersuchung zum freiwilligen Aufsuchen von Schutz zeigt damit besonders anschaulich, dass „wärmer“ nicht zwangsläufig „weniger belastend“ bedeutet.

Dahinter steht ein physikalisch plausibler Zusammenhang: Wird das Fell nass und kommt Wind hinzu, verändern sich die Bedingungen für die Wärmeabgabe. Eine trockene, windstille Frostlage ist deshalb nicht ohne Weiteres mit einer feuchten und windigen Wetterlage einige Grad über dem Gefrierpunkt gleichzusetzen.

Tabelle Pferde und Witterung

Auch im Sommer ist Schatten nicht nur eine Temperaturfrage

Pferde im Unterstand

Nicht nur Hitze macht Pferden zu schaffen: Auch direkte Sonneneinstrahlung beeinflusst ihr Verhalten. — © KI-generiert / profizelt24.de

Im Sommer verschiebt sich das Problem von der Begrenzung des Wärmeverlusts zur Abgabe überschüssiger Wärme. Dabei zählt wiederum nicht allein die gemessene Lufttemperatur. Direkte Sonnenstrahlung, Luftfeuchtigkeit und Luftbewegung beeinflussen, wie stark das Tier thermisch beansprucht wird. Eine wissenschaftliche Übersicht zu Hitzestress und Thermoregulation bei Pferden beschreibt entsprechend mehrere Wege des Wärmeaustauschs und macht deutlich, weshalb einzelne Temperaturgrenzen nur begrenzte Aussagekraft besitzen.

Interessant ist, dass ein Unterstand im Sommer noch eine zweite Funktion haben kann. In einer schwedischen Untersuchung erhielten acht Warmblutpferde Zugang zu zwei unterschiedlich gestalteten Schutzbereichen. Fünf bevorzugten den stärker geschlossenen Unterstand mit Dach und teilweise abgedeckten Seiten gegenüber einer lediglich überdachten Variante. Dort zeigten die Tiere weniger Hautzucken und Ohrenschlagen – Verhaltensweisen zur Insektenabwehr. Die Studie fand zugleich, dass stärkere Luftbewegung die Wahrscheinlichkeit eines Aufenthalts im Unterstand verringerte.

Das ist für die Interpretation entscheidend. Ein Pferd kann Schatten suchen, weil direkte Strahlung unangenehm wird; es kann einen geschützteren Raum aber auch wegen der dortigen Insektensituation wählen. Umgekehrt kann Wind im Sommer erwünscht sein, während er bei nassem Winterwetter die Attraktivität eines geschützten Bereichs erhöht. „Witterungsschutz“ bezeichnet deshalb keine einzige, unter allen Bedingungen gleich wirkende Eigenschaft.

Schutzbedarf zeigt sich häufig in Kombinationen

Mehrere Untersuchungen weisen in dieselbe Richtung: Besonders aussagekräftig sind Kombinationen von Wetterfaktoren. Eine Feldstudie zum Schutzsuchverhalten von Hauspferden stellte etwa eine deutlich stärkere Nutzung bei regnerischem und windigem beziehungsweise verschneitem und windigem Wetter fest. Insgesamt wurde der Unterstand unter vielen anderen Wetterbedingungen nur selten genutzt. Bei Schnee und Windgeschwindigkeiten über 4,9 Metern pro Sekunde lag die Nutzung in dieser Untersuchung dagegen bei bis zu 62 Prozent der Beobachtungen.

Dass ein Schutzbereich an einem trockenen Tag leer bleibt, ist deshalb kein Beleg dafür, dass er für die Tiere bedeutungslos wäre. Sein Wert kann gerade darin liegen, bei bestimmten Kombinationen von Niederschlag, Wind, Strahlung oder Insektenaufkommen verfügbar zu sein.

Bei der Beobachtung auf der Weide lohnt es sich entsprechend, mehrere Größen gemeinsam zu betrachten:

· Nicht nur Temperatur, sondern gleichzeitig Niederschlag, Wind und direkte Sonneneinstrahlung erfassen.

· Unterscheiden, ob Pferde einen Unterstand betreten, im Windschatten daneben stehen oder gezielt Schattenflächen nutzen.

· Fellzustand, Schur und gegebenenfalls Decken berücksichtigen, weil sie die Wärmebilanz beeinflussen.

· Individuelle Unterschiede nicht vorschnell als Fehlverhalten interpretieren; Studien zeigen Unterschiede unter anderem in Zusammenhang mit Rassetyp, Fell und Körperkondition.

· Bei Gruppenhaltung prüfen, ob theoretisch vorhandener Schutz von den einzelnen Tieren tatsächlich erreichbar und nutzbar ist.

Wahlmöglichkeiten liefern mehr Information als bloße Anwesenheit

Aus Sicht der Verhaltensforschung ist die Wahlmöglichkeit besonders wertvoll. Erst wenn sowohl eine freie Fläche als auch ein geeigneter Schutzbereich zugänglich sind, kann das Tier sein Verhalten an wechselnde Bedingungen anpassen. In der norwegischen Winterstudie entschieden sich die Pferde je nach Wetter nicht nur unterschiedlich häufig für draußen oder drinnen; bei zunehmend nassem und windigem Wetter wechselten sie auch eher vom unbeheizten in den beheizten Bereich.

Das spricht gegen eine starre Vorstellung vom „richtigen“ Aufenthaltsort. Schutz ist nicht gleichbedeutend damit, dass ein Pferd möglichst lange darin stehen sollte. Ein Tier, das bei trockenem Frost freiwillig draußen bleibt, kann ebenso situationsgerecht handeln wie eines, das sich bei Regen und Wind zurückzieht.

„Für die praktische Planung ist deshalb nicht die möglichst vollständige Abschirmung der Weide der Ausgangspunkt, sondern die Frage, welche räumlich klar nutzbare Alternative das Pferd bei wechselnder Witterung tatsächlich hat“, erklärt Alexander Engel von Profizelt24. „Ein Unterstand erfüllt diese Funktion nur dann sinnvoll, wenn seine Öffnung, die geschützte Fläche und seine Position auf der Weide zusammenpassen und die Tiere zwischen Schutzbereich und Freifläche wechseln können.“

Diese konstruktive Perspektive lässt sich von der verhaltensbiologischen Aussage sauber trennen: Die Forschung zeigt, wann und unter welchen Bedingungen Pferde Schutz suchen. Wie ein konkreter Unterstand konstruiert und dimensioniert werden muss, hängt zusätzlich von Tierzahl, Nutzung, Standort und Bauform ab.

Vom beobachteten Verhalten zur Gestaltung der Weide

Pferde im Unterstand

© KI-generiert / profizelt24.de

Für die Praxis folgt daraus zunächst kein Plädoyer für ein bestimmtes Haltungssystem. Natürliche Elemente können ebenfalls Schutzfunktionen übernehmen, sofern sie unter den jeweiligen Bedingungen tatsächlich wirksam und erreichbar sind. Auch die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen weist darauf hin, dass Pferde bei extremer Witterung Schutz aufsuchen können müssen, wenn sie über längere Zeit auf Weide oder Auslauf ohne Stallzugang gehalten werden. Die institutionellen Hinweise für Pferdehalter ordnen Unterstände entsprechend als eine Möglichkeit des Witterungsschutzes ein.

Wo baulicher Schutz vorgesehen wird, sollte seine Funktion aus den konkreten Belastungen am Standort abgeleitet werden. Für einen mobilen Unterstand bedeutet das beispielsweise, nicht allein auf die überdachte Quadratmeterzahl zu schauen. Relevant ist ebenso, aus welcher Richtung Schlagregen und vorherrschende Winde eintreffen, wie weit direkte Sonne in die geschützte Fläche reicht und ob sich im Inneren ein ungünstiges Mikroklima entwickelt.

Die konstruktive Lösung muss außerdem zur tatsächlichen Nutzung passen. Bei mobilen Varianten kann die Versetzbarkeit auf der Fläche ein eigener Planungsfaktor sein. Unterschiedliche Größen mobiler Pferdeunterstände veranschaulichen, dass die Bauform nicht unabhängig von verfügbarer Schutzfläche und Zugang betrachtet werden kann. Die konkrete Eignung für eine Pferdegruppe lässt sich daraus allein allerdings nicht ableiten; sie muss für Standort, Tierzahl und Nutzung geprüft werden.

Verhaltensforschung liefert dafür keine universelle Bauanleitung. Sie verändert aber die Fragestellung. Statt vom Menschen aus zu definieren, welches Wetter „schlecht“ sein müsste, lässt sich beobachten, unter welchen Bedingungen Pferde tatsächlich ihre Position verändern, Schatten aufsuchen oder sich gegen Wind und Niederschlag abschirmen. Gerade die scheinbar widersprüchlichen Situationen – draußen bei Frost, geschützt bei mildem Regen – sind dabei besonders aufschlussreich. Sie zeigen, dass Witterung für Pferde kein einzelner Messwert ist, sondern ein Zusammenspiel mehrerer Umweltfaktoren. Ein sinnvoll gestalteter Schutzbereich trägt diesem Umstand vor allem dadurch Rechnung, dass er eine echte Wahl lässt.

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