Der Urvogel Archaeopteryx galt lange als das entscheidende Bindeglied zwischen Dinosauriern und Vögeln. Doch inzwischen haben Paläontologen viele weitere Fossilien von Urvögeln und gefiederten Dinosauriern entdeckt. Diese Funde haben den Vogelstammbaum neu sortiert. Demnach waren gefiederte Dinosaurier wie Microraptor gui oder Anchiornis und der Urvogel Archaeopteryx zwar eng mit Vogelvorfahren verwandt und gehören zusammen mit diesen zur Gruppe der Paraves. Aber sie bilden ausgestorbene Seitenäste im Stammbaum -Sackgassen der Evolution.
Doch eine Frage ist strittig: Wie oft und wann haben sich Flügel und Flugfähigkeit innerhalb der Paraves entwickelt? Einige Paläontologen sehen die Ähnlichkeiten zwischen Microraptoren und Vögeln als ererbte Merkmale – Anlagen, die alle Angehörigen dieser Gruppe besaßen, die aber nur bei einigen weiterentwickelt wurden, bei anderen sekundär wieder verloren gingen. Andere sehen in den Übereinstimmungen jedoch bloße Konvergenzen. Demnach entwickelten Microraptoren und frühe Vögel ihre Flugfähigkeit unabhängig voneinander. Dies erklärt auch, warum nicht alle Paraves fliegen konnten.
Eine neue Art geflügelter Dinosaurier
Jetzt schafft ein neuer Fossilfund aus China mehr Klarheit. Ein Team um Xuri Wang von der Chinesischen Akademie der Geowissenschaften hat in der für ihre Fossilfunde berühmten Provinz Liaoning einen zuvor unbekannten Vertreter der geflügelten Dinosaurier entdeckt. Das Fossil stammt aus der frühen Kreidezeit vor rund 110 bis 120 Millionen Jahren und ist nahezu vollständig erhalten. Neben Knochen und Zähnen sind auch Abdrücke der Federn an den Gliedmaßen und am Schwanz des Dinosauriers konserviert.

Fossil des Norellraptor barsboldi und Details seiner Anatomie. — © Andrea Cau et al./ Nature Communications (2026)
Der neuentdeckte Flügeldino ist rund 57 Zentimeter lang und besaß ähnlich wie der Microraptor an allen vier Beinen und am Schwanz lange, kräftige Federn. Die Form der Federn, Anpassungen am Brustbein und den Armen legen nahe, dass auch dieser zweibeinig laufende, gefiederte Dinosaurier Anpassungen ans Fliegen besaß, wie die Paläontologen berichten. Möglicherweise konnte auch er, wie der Microraptor, schon als eine Art Vierflügel-Gleiter kleinere Strecken fliegen.
Enger Verwandter des Microraptors
Doch wie passt der Norellraptor barsboldi getaufte Fund in den Stammbaum? Und was verrät dieser Dinosaurier über die Entwicklung des Fliegens bei den Vogelurahnen? Um das herauszufinden, haben Wang und seine Kollegen 194 Merkmale des Norellraptors einer vergleichenden Stammbaumanalyse unterzogen. Diese ergab: Das neue Fossil ist am engsten mit dem Microraptor und dem 2017 ebenfalls in der Liaoning-Provinz entdeckten Zhongjianosaurus verwandt. Er gehört demnach zum engeren Kreis der Microraptorini.
Gleichzeitig enthüllen die Merkmalsvergleiche aber auch: Diese Microraptorini teilen zwar rund 30 Prozent ihrer Merkmale mit den echten Vogelvorfahren. Dennoch haben diese Übereinstimmungen keinen gemeinsamen Ursprung – sie müssen unabhängig voneinander entstanden sein, wie Knochen- und Gewebeanalysen ergaben. „Die zeitliche Abfolge der flugrelevanten Neuerungen unterscheidet sich bei beiden Abstammungslinien konsistent“, berichten Wang und seine Kollegen.

Zeitstrahlen für die Entwicklung verschiedener Merkmale bei Vogelvorfahren (Avialae) und Microraptorinen. Unten Position einiger Merkmale bei Norellraptor. — © Andrea Cau et al./ Nature Communications (2026)
Gleiche Merkmale, andere Reihenfolge
Das bedeutet: Gefiederte, fliegende Dinosaurier wie Microraptor und Norellraptor haben zwar ähnliche Anpassungen ans Fliegen entwickelt wie die echten Vogelvorfahren. Diese Merkmale entstanden aber nicht in der gleichen Reihenfolge. So verkürzten die Microraptorini erst ihre Fingerknochen, bevor ihre Handknochen verschmolzen und sich ihr Brustbein verlängerte. Bei den Vogelvorfahren war die Verkürzung der Fingerknochen dagegen der letzte Schritt, wie das Team berichtet. Auch das Wachstum der Jungvögel und ihrer Knochen folgte unterschiedlichen Mustern.
„Diese Ergebnisse widerlegen die Annahme einer gemeinsamen evolutionären Entwicklung dieser beiden Stammbaumlinien“, schreiben Wang und sein Team. „Stattdessen stützen sie die Hypothese, dass die geflügelten Formen innerhalb der Paraves auf mehrere, voneinander unabhängige Anpassungen zurückgingen.“ Demnach entwickelten die Microraptorini ihre Flugfähigkeit parallel zu Archaeopteryx und den mit ihm eng verwandten Vogelvorfahren.
Dies bestätigt einige frühere Studien, nach denen Archaeopteryx und die Vorfahren der Vögel ihre Flugfähigkeit parallel zu der anderer Dinosaurier entwickelten. Wer jedoch wo genau an der Wurzel des Vogelstammbaums stand, ist weiterhin strittig.
Quelle: Xuri Wang (Chinese Academy of Geological Sciences, Beijing) et al., Nature Communications, 2026; doi: 10.1038/s41467-026-77804-6





