„Persönlichkeit” ist ein attraktiver Name für ein Phänomen, das Tierforscher bislang eher wissenschaftlich trocken als „ Verhaltenssyndrom” oder „Reaktionstyp” bezeichnet haben. Doch seit Biologen sich an den Begriff Persönlichkeit wagen, wächst das Interesse an dieser Forschungsrichtung lebhaft. Jana Uher, Psychologin an der FU Berlin, die Persönlichkeitsunterschiede bei Menschenaffen erforscht, bezweifelt allerdings, ob der Begriff immer zurecht verwendet wird. „Ich fürchte, dass das Pendel nun in die Gegenrichtung ausschlägt und manche Tierforscher dazu neigen, jede Art von individuellem Unterschied im Verhalten voreilig als ‚Persönlichkeit‘ zu bezeichnen.” Dies führe jedoch in die Irre, denn viele Unterschiede sind ihrer Meinung nach „nur zufällig und nicht bedeutsam”. Es sei nur dann sinnvoll, von Persönlichkeit zu sprechen, „wenn sich ein Tier mit seinen individuellen Verhaltensmustern dauerhaft von seinen Artgenossen unterscheidet”.
Anders als in der Psychologie, wo Persönlichkeitseigenschaften vor allem mit Fragebögen ermittelt werden, müssen sich Forscher bei Tieren darauf beschränken, Verhalten zu beobachten. „Bei der Interpretation dieser Beobachtungen müssen wir uns davor hüten, die Dinge durch die menschliche Brille zu sehen”, warnt Jana Uher. „Es ist möglich, dass Tiere ganz andere Persönlichkeitseigenschaften haben als Menschen, weil das Leben an sie ganz andere Anforderungen stellt.” Als Beispiel nennt sie etwa die Jagdneigung – eine Persönlichkeitseigenschaft, die bei Hunden unterschiedlich stark ausgeprägt ist.
„Unterscheiden sich in einer Tierpopulation zwei Gruppen beispielsweise in ihrer Aggressivität, ist dies noch kein ausreichender Hinweis auf Persönlichkeitsunterschiede”, sagt Uher. „Als Psychologin verstehe ich unter Persönlichkeit komplexe Verhaltensmuster mit mehreren Facetten.”




