Etwa drei Prozent der Erwachsenen in Deutschland sind alkoholkrank. Das sind zweieinhalb Millionen Süchtige. Viele wollen aussteigen, doch selbst nach einer mehrmonatigen Entwöhnungskur in einer Klinik ist die Rückfallrate mit fast 70 Prozent innerhalb eines Jahres sehr hoch.
Mediziner und Psychologen am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen haben eine neue Behandlungsform entwickelt, die wesentlich erfolgreicher ist. „ Mit unserem ambulanten Konzept sind nach einem Jahr noch 77 Prozent der Patienten trocken”, bilanziert Hannelore Ehrenreich. „ Mehr als die Hälfte lebt auch nach Ende der zweijährigen Therapie abstinent, viele sogar seit mehr als zehn Jahren.” Die Medizinerin hat die Ambulante Langzeit-Intensivtherapie für Alkoholkranke (ALITA) Mitte der Neunzigerjahre aus der Taufe gehoben. Mehr als 180 Patienten haben sie und ihr Team seitdem betreut.
Die Göttinger Forscher muteten dabei sich und ihren Patienten einiges zu, was für viele Suchtexperten bis heute strikt tabu ist. Beispielsweise mussten sich die Teilnehmer bereit erklären, in den ersten drei Monaten täglich ein sogenanntes Alkohol-Aversivum zu schlucken. Dieses Medikament stoppt den Abbau von Alkohol im Körper, und es entstehen große Mengen von Acetaldehyd, einem Stoff, der normalerweise schon in deutlich kleineren Dosen für einen heftigen „Kater” sorgt. Wer zum Glas greift, muss deshalb mit unangenehmen Reaktionen rechnen: Sein Kopf läuft rot an, das Herz beginnt zu rasen. Weitere mögliche Folgen sind Übelkeit, Erbrechen, Angstattacken oder sogar Ohnmacht.
Außerdem mussten die Patienten in der drei Monate währenden Anfangsphase von ALITA täglich zu einem 15-Minuten-Gespräch erscheinen und eine Urinprobe abgeben, die dann auf mögliche Alkoholspuren untersucht wurde. Außergewöhnlich war auch die sehr engmaschige Betreuung. Der Diplom-Psychologe Henning Krampe, der zusammen mit Ehrenreich das Konzept entwickelt hat, spricht von „ aggressiver Nachsorge”. Wenn ein Patient nicht zum vereinbarten Gespräch in der Klinik erschien, hakten die Betreuer, von denen stets sechs oder sieben abwechselnd einen Patienten versorgten, per Telefon nach oder machten einen Hausbesuch.
Bis zum Jahr 2005 haben die Göttinger Forscher im Rahmen eines Pilotprojekts Alkoholabhängige betreut. „Damit haben wir als Forscher den wichtigen ersten Schritt getan”, meint Henning Krampe. „Jetzt sind die Kostenträger im Gesundheitsbereich am Zug, das Angebot auch den Patienten zur Verfügung zu stellen.” Doch so erfolgreich das Konzept ist: Es findet sich niemand, der die Kosten von 18 000 Euro übernimmt. Das Problem: Die Suchtentwöhnung findet in Deutschland gewöhnlich abgeschottet in Kliniken statt – Krankenkassen und Rentenversicherungsträger teilen sich die – wesentlich höheren – Kosten. Neuerungen setzen sich nur schwer durch: Nur wenige Einrichtungen bieten derzeit überhaupt eine ambulante Betreuung an, und auch lange nicht so intensiv wie bei ALITA. Auskünfte über solche Programme erteilen die örtlichen Suchtberatungsstellen. Dr. Ulrich Fricke
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Kontakt
Prof. Hannelore Ehrenreich Division Klinische Neurowissenschaften Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin Hermann-Rein-Strasse 3 37075 Göttingen www.alita-olita.de (nur Informationen zum Therapie-Konzept, kein eigenes Therapie-Angebot mehr)
Internet
Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren: www.dhs.de
Al-Anon-Familiengruppen – für Angehörige Suchtkranker: www.al-anon.de
Lesen Johannes Lindenmeyer LIEBER SCHLAU ALS BLAU Beltz, Weinheim 2005, € 29,90





