Es begann harmlos. Der Chefarzt bekam schwärmerische Briefe, auf der Treppe fand er kleine Geschenke. Dann bewarb sich die Absenderin, Krankenschwester an derselben Klinik, um eine Stelle als seine Haushälterin. Als sie im Krankenhaus eine Urlaubspostkarte des Arztes entdeckte, deutete sie die als geheime Botschaft und Beweis seiner Gegenliebe.
Die Liebeskranke intensivierte ihre Nachstellungen, nahm Kontakt zu seiner Ehefrau und den Kindern auf, bezeichnete sich in Briefen als „eigentliche Mutter” seiner Kinder. Der Arzt leitete juristische Schritte ein, aber die liebestolle Krankenschwester ignorierte sämtliche Auflagen des Gerichts und stellte dem Angebeteten weiter nach.
Derlei besitzergreifende Liebe kann zu einer therapiebedürftigen Störung werden, wenn sie einem unerreichbaren Gegenüber gilt: einem Popstar, Fotomodell oder einem Menschen aus dem persönlichen Umfeld, häufig mit höherem sozialen Status oder einer Autorität wie Chefarzt, Priester oder Professor. Ist der/die Liebende wahnhaft überzeugt, dass die eigenen Gefühle erwidert werden, weil er/sie Blicke und Gesten der geliebten Person (auch am Fernsehbildschirm) als Beweis dafür interpretiert, ist eine „Paranoia erotica” erreicht: Sie wird immer mehr als ernsthafte Erkrankung anerkannt.
Die Ursachen für diesen Wahn sind für die Wissenschaft nach wie vor ein Rätsel. Schon die Antike kannte den „amor insanus”, und im Französischen wird die Störung treffend als „l’Amour de la tête” – Liebe des Kopfes – bezeichnet, denn meist bleibt sie rein platonisch, ohne sexuelle Komponente. Eine extreme Variante ist das „Phantom loving syndrome”, die Überzeugung, von jemandem geliebt zu werden, der bereits tot ist.
Die Paranoia erotica galt lange als typisches Frauenleiden und wurde noch Mitte der fünfziger Jahre als Wahn sexuell unbefriedigter Frauen definiert. Auf Englisch heißt sie denn auch schlicht „Old maid’s insanity” – Altjungfernwahn. Diese Sicht hat sich inzwischen als Vorurteil männlicher Psychiater herausgestellt. Zwar überwiegen weibliche Patienten, aber auch Männer entwickeln den Liebeswahn.
Bei den Straftaten aus Liebe sind die Männer sogar deutlich überrepräsentiert. Das mittlerweile auch in Deutschland diskutierte „stalking” – das Verfolgen des Opfers – geht meist auf das Konto von Männern: Sie lauern der Angebeteten auf, belästigen sie und dringen sogar in ihre Wohnung ein. Bei Zurückweisung versuchen Männer eher, ihr Liebesobjekt mit Gewalt zu „überzeugen”.
Die Forschung geht beim Liebeswahn von einem Zusammenspiel aus Anlage, Persönlichkeit und Umwelt aus. Die Behandlung konzentriert sich zum einen auf Medikamente (neuere so genannte atypische Neuroleptika). Sie gelten zusammen mit einer Psycho- und Soziotherapie als Erfolg versprechend. Die Soziotherapie soll dem Betroffenen helfen, neue soziale Kontakte zu knüpfen, um so die Konzentration auf das Liebesobjekt allmählich abzubauen. Halten die Patienten die Therapie durch, liegt die Heilungsrate bei 50 Prozent. Unbehandelt kann der Liebeswahn Jahrzehnte schwelen.
Auch die inzwischen 49-jährige Krankenschwester konnte sich mit dieser kombinierten Therapie von ihren Wahngedanken lösen – vorübergehend. Der umschwärmte Chefarzt blieb nur drei Jahre unbehelligt. Dann nahm der Wahnsinn wieder seinen Lauf.
Eva Tenzer





