Spenden unter Hormoneinfluss
Er und seine Kollegen sind diesem Phänomen deshalb nun genauer nachgegangen. Die Forscher wollten wissen: Kann sich das Bindungshormon Oxytocin womöglich auf die Spendenbereitschaft für Flüchtlinge auswirken? Um das zu überprüfen, befragten sie 183 deutsche Studierende im Alter zwischen 21 und 24 Jahren mithilfe eines Fragebogens zu ihrer persönlichen Einstellung gegenüber Flüchtlingen und ließen sie anschließend eine Spendenaufgabe am Computer absolvieren. Dabei wurden die konkreten Spendenanliegen von 50 hilfsbedürftigen Menschen vorgestellt – 25 davon kamen aus Deutschland, 25 weitere waren Flüchtlinge. Mit einem Startguthaben von 50 Euro mussten die Probanden nun für jeden Fall gesondert entscheiden: Wollten sie eine Summe zwischen null und einem Euro spenden? Spendeten sie nicht, durften die Teilnehmer das restliche Geld behalten. Das Besondere: Vor dem Spendentest bekam eine Hälfte der Studierenden Oxytocin über ein Nasenspray verabreicht, die andere Hälfte erhielt lediglich ein Scheinmedikament und diente als Kontrollgruppe.
Wie würde sich der Botenstoff auswirken? Es zeigte sich: Bei Testpersonen, die im Fragebogen eine tendenziell positive Einstellung gegenüber Migranten bewiesen hatten, verdoppelten sich unter dem Einfluss des Oxytocins die Spenden für Flüchtlinge ebenso wie die für Einheimische. Bei Probanden mit einer eher abwehrenden Haltung gegenüber Flüchtlingen hatte das Oxytocin hingegen keinerlei Effekt. In dieser Gruppe fiel die Spendenneigung auch unter Hormoneinfluss gegenüber allen Bedürftigen sehr gering aus. “Offensichtlich verstärkt Oxytocin die Großzügigkeit gegenüber Bedürftigen; fehlt diese altruistische Grundhaltung, vermag die Gabe des Hormons sie jedoch nicht von allein zu erzeugen”, sagt Hurlemann.
Effektvolle Kombination
Die Wissenschaftler fragten sich, ob es trotzdem ein geeignetes Mittel gibt, um Menschen mit einer tendenziell fremdenfeindlichen Haltung zu mehr Altruismus zu motivieren: Könnte möglicherweise die Vorgabe sozialer Normen ein Ansatzpunkt sein? Um das zu testen, präsentierten die Forscher Probanden in einem weiteren Durchgang zu jedem Fallbeispiel das durchschnittliche Spendenergebnis ihrer Vorgänger, die sich großzügig gegenüber Flüchtlingen gezeigt und für sie sogar mehr gespendet hatten als für einheimische Bedürftige. Außerdem bekam die Hälfte der Teilnehmer erneut Oxytocin verabreicht. Das erstaunliche Ergebnis: “Durch die kombinierte Darreichung von Hormon und sozialer Norm spendeten auch Personen mit einer an sich negativen Grundeinstellung bis zu 74 Prozent mehr für Flüchtlinge als in der vorangegangenen Runde. Die Spenden für Einheimische nahmen hingegen nicht zu”, berichtet Erstautorin Nina Marsh von der Universität Bonn. Als Folge reichte das Spendenaufkommen der Fremdenskeptiker bis auf nahezu 50 Prozent an das der altruistischen Gruppe heran.





