Die Zukunft des Autofahrens beeinflusst er bereits – nun will er auch noch Bildungsgeschichte schreiben: Während Sebastian Thrun für Google das selbstfahrende Auto aus den Startlöchern katapultierte, liebäugelte er bereits damit, auch das US-Hochschulwesen zu revolutionieren. „Ich möchte Bildung demokratisieren”, verkündete der Stanford-Professor ganz nebenbei in einem bdw-Interview in Heft 8/2012 („Ein Unfalltod hat mein Leben verändert”). Sein radikales Ziel: eine Universitätsausbildung via Internet zu minimalen Kosten für jeden. Der erste Schritt war die Webseite Udacity.com, auf die Thrun gemeinsam mit zwei Kollegen im Januar 2012 ein paar flott aufbereitete Online-Kurse stellte – gratis.
Schlagartig und global löste Thrun bei Wissensdurstigen Euphorie aus. So belegten 160 000 Studenten aus 190 Ländern den Internet-Kurs „Einführung in Künstliche Intelligenz”, den Thrun auch in persona auf dem Stanford-Campus unterrichtet. „Wir haben jede Menge Reaktionen von Leuten erhalten, die sich bei uns bedankten und sagten, wir hätten ihr Leben verändert”, freut sich Thrun.
Von dieser Resonanz ermutigt, besorgte der gebürtige Solinger über 20 Millionen Dollar Startkapital und beschäftigt heute, gerade mal ein Jahr später, bei Udacity.com 45 Mitarbeiter. Sie betreuen eine täglich steigende Zahl von Online-Lernern – derzeit sind es mehr als eine Million. Damit die auch dabeibleiben, gibt es seit Kurzem Tutoren, um die Lernenden live und online zu betreuen. Dadurch hat Thrun die Abschlussquote seiner Kurse von zunächst nur 10 Prozent auf 85 Prozent erhöht. Dass nicht geschummelt wird, garantiert eine externe Prüfungsfirma, die das Examen online abnimmt und via Web-Kamera überwacht.
Thruns Ansatz beeindruckt. Auch der kalifornische Gouverneur Jerry Brown ist von der Idee begeistert und bat den Google-Vizepräsidenten jüngst um Hilfe für die kriselnden Hochschulen. Probleme gibt es etwa beim California State University System, dem US-weit größten mit 23 öffentlichen Hochschulen. „Über 50 Prozent aller Studienanfänger fallen durch unsere Einstufungstests in Mathematik und Englisch”, moniert Ellen Junn, Provost der San José State University.
Mit einer Internet-Infrastruktur à la Udacity könnten Studienanfänger akademisches Einsteigerwissen verpasst bekommen – und das günstig. So kosten die jüngst gemeinsam mit der mathematischen Fakultät der San José State University für Online entwickelten drei Algebra- und Statistik-Grundkurse nur 150 Dollar Gebühr pro Kurs – statt 2000 Dollar für das Campus-Äquivalent. Jeder, der den Internet-Kurs besteht, kann sich dies für einen Universitätsabschluss an der San José State anrechnen lassen.
So weit sind andere noch nicht. Zwar gründeten die zwei Elite-Hochschulen Harvard und MIT im Mai 2012 mit der Initiative „ edX” eine ähnliche Internet-Plattform. Doch den Teilnehmern wird diese Leistung für ihre universitäre Ausbildung nicht anerkannt. „ Momentan wachen aber viele Hochschulen auf und fragen sich, ob der Status quo überhaupt Sinn macht”, kommentiert Thrun. „Das kann nur gut ausgehen.”
Damit es ein richtiges Happy End gibt, brauchen die Online-Universitäten eine vernünftige Finanzierung. Thrun setzt auf Verträge mit Firmen, die sich frühzeitig Talente sichern wollen: durch gesponserte Kurse etwa in 3D-Grafikprogrammierung oder HTML5. Google, Microsoft und Autodesk sind bereits an Bord. Zudem gestattet Thrun mehr als 350 Firmen Zugang auf die Lebensläufe seiner derzeit rund 3000 arbeitssuchenden Online-Lerner. Wenn es zu einer Anstellung kommt, erhält Udacity eine Prämie. Mehr als 30 Studenten haben so bereits einen Job gefunden. Désirée Karge ■





