Bis zu drei Prozent der älteren Westeuropäer leiden an Unterschenkelgeschwüren, die der Volksmund etwas martialisch als „ Offene Beine” bezeichnet. Bei vielen scheint trotz jahrelanger Bemühungen jegliche ärztliche Kunst an ihre Grenzen zu stoßen. Unerträgliche Schmerzen und stinkende offene Wunden gehören dann zum Alltag. Jetzt haben Bochumer Dermatologen diese Patienten einmal genauer unter die Lupe genommen. Ihr Fazit: Viele Ärzte erkennen nicht, was hinter den schlecht heilenden Wunden steckt.
Bei den meisten Patienten lösen Venenschwächen und Krampfadern im Bereich der Wade die Krankheit aus. Als Folge staut sich vor allem oberhalb des Fuß-Innenknöchels verbrauchtes Blut. Die dortige Haut wird dadurch schlecht mit Nährstoffen versorgt und regeneriert sich kaum noch. Schließlich stirbt sie ganz ab, und es entsteht ein offenes Unterschenkelgeschwür (Ulcus cruris) von mehreren Zentimetern Durchmesser.
Werden die Krampfadern entfernt und der Bluttransport durch Kompressionsstrümpfe oder -verbände unterstützt, heilt die Wunde meist innerhalb weniger Wochen ab. Aber eben nicht immer – bei fast jedem Vierten schließt sich die Haut auch nach einem Jahr nicht.
„Wir haben bei 83 Prozent dieser Patienten, bei denen die herkömmliche Therapie nicht gefruchtet hat, noch andere Störungen entdeckt. Die waren bis dahin wohl verborgen geblieben”, sagt Markus Stücker, Oberarzt an der Klinik für Dermatologie der Ruhr-Universität Bochum. „Dabei ließen sie sich zum Beispiel mit speziellen Ultraschall-Verfahren recht einfach aufspüren. Aber viele Ärzte verfügen nicht über die notwendigen Geräte.” Bei zwei Dritteln der Patienten fanden die Bochumer Mediziner zusätzlich zur Venenschwäche verengte Arterien. Sie erschweren die Nährstoffversorgung im Unterschenkel. Bei diesen Patienten konnte durch ein spezielles Gehtraining oder Infusionen mit gefäßerweiternden Prostaglandinen die Durchblutung deutlich verbessert werden. Bei schwereren Fällen mussten die verstopften Beinarterien gedehnt oder durch einen Bypass überbrückt werden.
Bei 15 Prozent der Patienten entdeckten die Bochumer Dermatologen eine Entzündung der Venen, die vor allem in Verbindung mit Autoimmunkrankheiten wie Rheuma oder Darmentzündungen auftritt. Gegen diese Krankheiten hilft oft Kortison. Und tatsächlich konnte das Hormon das Unterschenkelgeschwür zurückdrängen – obwohl es normalerweise die Wundheilung eher beeinträchtigt. Immerhin bei einem Fünftel der Patienten wurde das Geschwür durch einen schlecht behandelten Diabetes begünstigt. Hohe Blutzuckerspiegel schädigen langfristig die fein verästelten Nerven und Blutgefäße. „Nachdem wir die wahren Ursachen erkannt und behandelt hatten”, fasst Markus Stücker seine Ergebnisse zusammen, „ist bei etwa 70 Prozent unserer Patienten das Geschwür innerhalb von drei Monaten abgeheilt. Eine richtige Diagnostik gleich zu Beginn hätte ihnen viel Leid und den Krankenkassen unnötige Kosten erspart.”
Dr. Ulrich Fricke




