Seit Ötzi am 19. September 1991 am Tisenjoch entdeckt wurde, haben über 400 Wissenschaftler die älteste Feuchtmumie der Welt untersucht. Das Archäologiemuseum Bozen zeigt in seiner Wanderausstellung, die jetzt erstmals in Deutschland zu sehen ist, den aktuellen Stand der Forschung und Rekonstruktionen von Ötzis Waffen, Werkzeugen und Kleidern.
Nein, Ötzi hätte es nicht besser machen können. Denn in nur drei Stunden stellt Wulf Hein einen steinzeitlichen Pfeil her mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln. Das notwendige Holz hat der Archäotechniker neben der Autobahn gefunden. Das ist zwar nicht steinzeitgerecht, schmunzelt Hein, aber dort wird heutzutage der Wollige Schneeball ein Strauch mit schnurgeraden und biegsamen Ästen häufig angepflanzt. Mit Hilfe einer Feuersteinklinge stutzt der gelernte Schreiner den Schaft zurecht. Eine Graugans (bei Ötzi wars wahrscheinlich ein Adler) musste Federn lassen die werden längs gespalten und mit selbst gemachtem Birkenpech sowie einem Brennnesselfaden am Holz befestigt.
Birkenpech war der Klebstoff der Steinzeit, erklärt der 44-Jährige. Um ihn herzustellen, wird die weiße dünne Birkenrinde in einem luftdicht abgeschlossenen, teilweise in der Erde vergrabenen Keramik-Doppeltopf anderthalb Stunden lang von oben erhitzt. Durch dieses Verschwelen verdunsten die flüchtigen Inhaltsstoffe der Rinde und kondensieren, da sie nicht entweichen können, am kühleren Boden des Gefäßes zu flüssigem Teer. Dieser wird etwa eine Stunde lang eingekocht. Das Ergebnis ist ein zäher, aber elastischer Brei: das Birkenpech (siehe www.dueppel.de/lexikon/holzteer.htm).
Der steinzeitliche Zwirn entsteht aus Brennnesselstängeln, die zuvor fünf bis zehn Tage lang im Wasser aufgeweicht wurden. Rösten nennt der Fachmann diesen Vorgang des kontrollierten Verrottens der den Nachbarn von Wulf Hein nicht lange verborgen blieb. Denn: Aufgeweichte Brennnesseln verbreiten einen stark säuerlichen Geruch. Im Wasserbad werden die verholzten Teile der Stängel von Bakterien ausgefressen, so dass am Schluss nur noch die Langfasern übrig sind. Sie werden so lange über einen Holzklotz geschlagen, bis sie sich voneinander lösen. Anschließend können sie zu einem Faden gezwirnt werden.
Die Pfeilspitze besteht aus Veroneser Feuerstein einem sehr harten, aber aufgrund seines hohen Siliziumdioxid-Gehalts auch spröden Material. Mit Hilfe eines Geweihhammers wird ein geeignetes Stück abgeschlagen und in die gewünschte Form gebracht.
Redaktion: Bettina Gartner
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