„Der Hörsaal war fast leer”, bedauert Peter Eyerer vom Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie in Pfinztal bei Karlsruhe. Nur 35 Ingenieurstudenten saßen vor ihm auf den Bänken. Zehn Jahre zuvor hatten dort noch 180 Platz genommen. „ Ich mußte etwas tun.” Der Professor entwickelte ein Programm namens TheoPrax, das Theorie mit der Praxis verknüpft und Schüler wie Studierende dafür gewinnen soll, sich mit realen Industrieaufträgen zu beschäftigen – von der Literaturrecherche bis hin zur Machbarkeitsstudie. Mit Erfolg: „Drei Viertel der Teilnehmer sind begeistert. Manche Schüler konnten wir direkt für Technikberufe gewinnen.” Inzwischen besuchen Eyerers Vorlesung im fünften Semester – mit obligatorischem TheoPrax-Teil – wieder mehr als 80 Studenten.
Eyerers Initiative ist kein Einzelfall mehr. Gegen den Mangel an Nachwuchskräften macht die ganze Ingenieurbranche mobil. Ins Schußfeld gerät dabei zunehmend der Schulunterricht: „Physik und Chemie gehören zu den unbeliebtesten Schulfächern”, sagt Michael Kuss-mann, Leiter des Bereiches Technik und Bildung beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Der VDI fordert daher einen eigenständigen Technikunterricht. „Um zu technischen Lösungen zu kommen, hat man weit mehr zu berücksichtigen als die Naturgesetze” , sagt Kussmann. „Wir müssen den Schülern zeigen, daß Technik Teil unserer Kultur ist und daß man mit Technik die Welt gestalten kann. Wenn wir diese Botschaft den Jugendlichen vermitteln, interessieren sie sich auch wieder mehr für technische Berufe”, ist Kussmann überzeugt.
Die Berufschancen von jungen Ingenieuren sind derzeit blendend. Schon jetzt reichen die Absolventenzahlen insbesondere bei den Elektroingenieuren nicht aus, um die offenen Stellen zu besetzen. Die Schere öffnet sich weiter: Nur noch halb so viele Schüler entscheiden sich für eine Ingenieurausbildung wie vor zehn Jahren. Nicht nur den angewandten Wissenschaften, auch der Grundlagenforschung fehlt der Nachwuchs. Rainer Kassing von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) befürchtet, daß ein normaler Forschungsbetrieb in der Physik bald nicht mehr möglich ist: „Gegenwärtig bilden wir in Deutschland jedes Jahr 1700 Doktoranden aus – haben aber bereits zuwenig Physiker. In einigen Jahren werden es nur noch 500 sein. Dann wird es katastrophal.”
Diese Entwicklung könnte Deutschlands Wohlstand in den Grundfesten erschüttern. Denn „nahezu die Hälfte unserer Exporterlöse stammen aus Technologieprodukten”, weiß Kussmann. Prof. Joachim Treusch, Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Jülich, verdeutlicht die Kraft des Wirtschaftsmotors „Forschung”: „Ein Ingenieur, ein Physiker oder ein Chemiker trägt sechs- bis siebenmal mehr zum Bruttoinlandsprodukt bei als der Durchschnitts-Arbeitnehmer – mindestens 300000 Mark jährlich.”
Seit 2000 wenden sich die Wissenschaftsorganisationen verstärkt der Öffentlichkeit zu. Über Ausstellungen wie „Der Stein der Weisen” im September in Bonn, über populäre Physik-Experimental-Shows, bis hin zu Vorlesungen für Kinder soll die Faszination der Physik vermittelt werden. „Wenn Naturwissenschaften wieder in sind, entscheiden sich auch mehr Jugendliche für eine Physikausbildung”, hofft Kassing. Bis es soweit ist, sieht der Physik-Professor nur eine Lösung: Green Cards für Physiker. Auch für Ingenieure und Chemiker wird der Fachkräfte-Import gefordert. Nicht ohne Probleme wie VDI-Mann Kussmann sagt: „Wir holen jetzt Leute rein. Und wenn wir unseren Nachwuchs hochgezogen haben, sollen die ausländischen Fachkräfte wieder gehen. Ob das funktioniert?”
Peter Eyerer, der TheoPrax-Initiator, läßt sich von der Green-Card-Diskussion nicht beirren und glaubt an den eigenen Nachwuchs: „Zwar ist TheoPrax mit 41 abgeschlossenen Projekten nur ein Pflänzchen in der deutschen Bildungslandschaft. Doch in acht Städten haben wir bereits Kompetenzzentren aufgebaut, in denen Firmen mit Schüler- und Studentengruppen zusammenarbeiten.”
Solche Pflänzchen stehen neuerdings nicht mehr alleine. Auch andere Forscher ergreifen die Initiative, um das Studium von Naturwissenschaften und Technik wieder attraktiv zu machen – etwa in Göttingen. Weil beim Experimentallabor XLAB Schulen und Universität Hand in Hand arbeiten, lernen Schüler die Naturwissenschaften über zeitgemäße Experimente kennen. „Die Uni-Assistenten beherrschen die Experimente, haben die technische Ausrüstung und das aktuelle Fachwissen. Die Lehrer dagegen haben den Vorteil, die Theorie ansprechend vermitteln zu können”, erklärt die Initiatorin Eva-Maria Neher. Die Schulen wären mit dieser Aufgabe überfordert. „Lehrer haben weder Zeit noch Ausrüstung für moderne Experimente. Darum haben Schüler meist eine ganz falsche Vorstellung von Naturwissenschaften.” Noch ist XLAB einzigartig in Europa. „Doch Schulen und Bildungsministerien beobachten genau, wie erfolgreich wir sind.” Neher ist zuversichtlich, so ihrem Ziel näher zu kommen: „Die Bevölkerung soll Naturwissenschaften wieder genauso spannend finden wie Sport.”
Marcel Falk




