Ich bin die Null, und ich liebe es, mich zu verstecken. Ich bin ein wahrer Meister darin und finde das richtig aufregend. Besonders dann, wenn ich eigentlich sichtbar bin, mich aber trotzdem keiner sieht. Jahrhundertelang hat mich niemand entdeckt. Es gab immer wieder Momente, in denen die Menschen mich hätten sehen können, ja, in denen sie mich hätten sehen müssen – wenn sie nur die Augen aufgemacht hätten.
Einen besonderen Kitzel bereiteten mir die Philosophen und Pseudophilosophen. Sie haben mich zum Thema gemacht. Denn sie dachten tiefsinnig über das Nichts nach. Aber dann argumentierten sie ebenso scharf- wie blödsinnig: Man kann doch nicht das „ Nichts” durch „etwas” darstellen. Völlig falsch! Das Gegenteil ist richtig: Man muss das Nichts durch ein Zeichen darstellen, sonst kann man weder darüber reden noch damit rechnen.
Die Babylonier hatten schon vor 4000 Jahren ein wunderbares Zahlensystem. So etwas wie unser Dezimalsystem, nur nicht zur Basis 10, sondern zur Basis 60. Das war perfekt. Zumindest fast perfekt. Sie verwendeten nämlich nur 59 Ziffern. Sie hatten Zeichen für 1 und 10, aus denen sie alle Zahlen zusammensetzten – nur keine 60, wie es richtig gewesen wäre. Denn ich, die Null, fehlte. Und das hatte tiefgreifende Folgen.
Warum? Ganz einfach: Stellen Sie sich vor, Ihnen würde jemand 205 Euro schulden. Wenn es mich, die Null, nicht gäbe, könnten Sie diesen Betrag nur so schreiben, dass Sie zuerst eine 2 schreiben, dann eine Lücke lassen und dann die 5 schreiben. Ihr Gegenüber würde natürlich sagen: „Ich schulde Ihnen nur 25 Euro, denn zwischen der 2 und der 5 ist gar keine Lücke, sondern die Zahlen sind nur nicht ganz dicht aneinander geschrieben!” Offenbar gäbe es ohne Null Verwirrung ohne Ende. Das würde den Juristen zwar Arbeit verschaffen, aber die sollten sich lieber mit anderen Problemen beschäftigen!
Und die Römer? Das System ihrer Zahlen mit seinen Is und Vs und Ms ist für das Rechnen vollkommen unbrauchbar. Dafür hatten die Römer den Abakus. Der arbeitet schon mit so einer Art Dezimalsystem. Denn die verschiedenen Stäbe, auf denen die Steinchen oder Perlen sitzen, repräsentieren die Einerstelle, die Zehnerstelle, die Hunderterstelle und so weiter. Eine Zahl wird dargestellt, indem man die entsprechenden Steinchen in die Mitte des Abakus schiebt. Wenn alle Steinchen außen sind, stellt das im Prinzip die Null dar. Aber gemerkt hat’s damals keiner!
Dabei hätten die Römer nur ans andere Ende der Welt schauen müssen. Die Maya in Mittelamerika hatten schon längst ein Zahlensystem mit Null, und zwar ein System zur Basis 20. Dazu brauchten sie 20 Ziffern, von der 1 bis zur 19 – und die Null. Die Maya verwendeten das schönste Zeichen für mich, die Null: eine wunderschöne Muschel. Aber in Europa hat das niemand mitbekommen: Amerika war damals mindestens so unerreichbar wie die Null.
Die Augen aufgemacht und mich gesehen haben die Inder. Wann das genau war, weiß man nicht. Aber als ich entdeckt wurde, war es plötzlich selbstverständlich, mich zu benutzen. Ein kleiner Kringel, und alles war klar! Im 7. Jahrhundert begann mein Siegeszug. Die Araber brachten mich nach Spanien, und von dort eroberte ich Mitteleuropa. Heute werde ich auf der ganzen Welt völlig selbstverständlich benutzt. Jetzt, nachdem man mich kennt und ich allgegenwärtig bin, kann sich niemand mehr vorstellen, wie es ohne mich war.
Ich wurde und werde unterschätzt. Beim Addieren und Subtrahieren bin ich tatsächlich harmlos. Ich tue keiner Zahl etwas – nichts verändert sich durch mich. Deswegen nimmt mich auch niemand ernst. Meine wahre Power zeigt sich erst bei den anderen Rechenarten: Beim Multiplizieren mache ich alles null und nichtig. Und wenn man es wagen würde, durch mich zu dividieren, würde das Zahlensystem aus den Fugen geraten. Deshalb ist das auch verboten.




