Wenn Annette von Droste-Hülshoff in “Die Judenbuche” von einer Frau berichtet, die blutrünstig durch das Dorf rennt, läßt dies manchen Leser erschaudern. Nicht so Ulrich Knoop. Er weiß um die wirkliche Bedeutung solcher “amis faux” – falscher Freunde in klassischen Romanen oder Prosa, die man zu kennen glaubt, deren Wortsinn aber früher ein anderer war. “Bis vor etwa 100 Jahren hieß blutrünstig, daß die betreffende Person aus einer Wunde blutet”, erklärt Knoop, der die Liste ähnlicher Beispiele beliebig fortsetzen könnte. So ist in Theodor Fontanes “Effi Briest” von einem blöden Blick die Rede – gemeint ist eine gewisse Kurzsichtigkeit.
Rund 8000 erklärungsbedürftige Begriffe hat Ulrich Knoop mit der Hilfe von Schülern und Studenten als Testlesern in 50 der meistgelesenen klassischen Werke aufgespürt. Für 2500 davon konnte er bislang in mühsamer Detektivarbeit die ursprüngliche Bedeutung herausfinden. “Ich will mit diesem Projekt Brücken bauen”, sagt der Germanist und Experte für Sprachgeschichte. Er hofft, damit auch mehr junge Menschen für die Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts zu begeistern.
Der Erfolg scheint ihm Recht zu geben. Seine Studenten sind mit Feuereifer dabei, wenn es in Knoops Vorlesung auf die Suche nach falschen Freunden geht. “Auch an den Schulen, die wir besucht haben, waren die Schüler sehr interessiert und neugierig”, freut sich Ulrich Knoop. Ob er, wie geplant, in drei Jahren das erste deutschsprachige Klassiker-Wörterbuch – gedruckt, auf CD-ROM und zugänglich im Internet – veröffentlichen kann, steht jedoch in den Sternen. Der Grund: Geldnöte. “Die weitere Finanzierung des Projekts ist derzeit ungewiß”, klagt Knoop.
Ralf Butscher





