An einem schönen Sommertag nahmen mich Christoph und Maria mit zum Eiscafé. Nachdem jeder zwei Kugeln ausgewählt hatte, setzte ich mich auf eine Bank, um gemütlich mein Eis zu schlecken. Die Kinder gingen lieber auf dem Bürgersteig auf und ab. Dabei achteten sie darauf, immer mitten auf die Fliesen des Gehwegs zu treten und nicht auf die Fugen zu kommen.
Das wurde ihnen bald langweilig. Nun machten sie so große Schritte, dass sie nur auf jede zweite Fliese traten.
Plötzlich rief Maria: „Ich mache doppelt so große Schritte. Ich trete nur auf jeden vierten Stein!”
„Das sind keine Schritte mehr, das sind schon richtige Sprünge!” Für Maria war diese Korrektur von Christoph ein Ansporn, und sie sprang tatsächlich auf jede vierte Fliese. Zum Glück war das Eis schon aufgegessen.
Außer Atem kam sie wieder zurück. „Jetzt machen wir es so: erst eine Fliese, dann zwei, dann vier, dann acht und so weiter. Immer das Doppelte.”
„Und wie willst du acht Fliesen weit springen?”, war Christophs berechtigter Einwand.
Maria war nicht aufzuhalten: „Ich springe nicht – ich fliege!”
Sie nahm unsere erstaunten Mienen nicht wahr und antwortete vollkommen überzeugt: „Papa hält mich.”
Gut. Dann ging es los. Von der ersten Fliese auf die zweite, von da auf die vierte und von dieser auf die achte. Dann musste ich helfen. Maria flog auf die 16. Fliese, dann auf die 32., auf die 64. und schließlich auf die 128. Fliese. Dann war nicht nur ich außer Puste, sondern zum Glück auch der Bürgersteig zu Ende.
Maria war begeistert: „Das war spitze!”
Christoph blieb nüchtern und wiederholte noch mal die Zahlen: „ 1, 2, 4, 8, 16, 32, 64, 128. Mit sieben Schritten beziehungsweise Flügen bist du bei 128. Mit Einer- oder Zweierschritten hätte das ewig gedauert.”
Maria war bei einem ganz anderen Gedanken: „128 ist eine schöne Zahl!”
„Was heißt ‚schön‘? Zahl ist Zahl”, maulte Christoph.
„Nein, schau mal: In 128 kommen die 1, die 2 und die 8 vor. Lauter Zahlen aus unserer Reihe.”
Christoph wollte das nicht gelten lassen. „Dann wäre 124 aber besser. Da kommen die Ziffern in der richtigen Reihenfolge vor. Oder 1248 – das wäre noch besser.”
Doch Maria blieb dabei: „Das sind keine Zahlen, die man beim Verdoppeln erhält. Ich finde die 128 toll!”
Nun musste ich den Kindern etwas gestehen. „Ihr wisst, dass ich immer über euch und eure mathematischen Abenteuer schreibe. Und ausgerechnet heute schreibe ich die Kolumne Nr. 128.”
„Echt?”, rief Maria, während Christoph nur „krass!” sagte.
Jetzt holte Maria Luft: „Papa, ich muss dir auch mal was sagen. Ich finde, du sollst nicht immer über uns schreiben. Die Leute müssen nicht alles über uns wissen.”
Ausnahmsweise war Christoph ihrer Meinung: „Zumal es auch nur deine Sicht ist. Wie wir wirklich sind, erfährt ja niemand.”
Ich konnte ihnen entgegenkommen: „Ihr habt mich durch viele der 128 Folgen begleitet. Danke dafür. Ohne euch wären manche Geschichten langweilig gewesen.”
„Sie wären gar nicht da gewesen.” An Selbstbewusstsein mangelte es Christoph nicht.
„Aber jetzt ist damit Schluss. Die 128. Folge ist meine letzte.”
Beide schauten mich entgeistert an: „Echt?”
„Versprochen.”
Maria murmelte: „Eigentlich doch schade.”





