Wie gut können Sie inzwischen lesen und schreiben, Frau Mattes?
Einzelne Wörter kann ich lesen und schreiben, auch kurze Sätze. Aber an zusammenhängenden Texten scheitere ich. Deshalb habe ich auch noch nie ein Buch gelesen oder einen Brief geschrieben.
Wie war Ihre Schulzeit?
Ich bin in eine Dorfschule gegangen. Damals war es üblich, dass ein Lehrer mehrere Klassen unterrichtet. Dennoch blieben meinem Lehrer meine Lese- und Schreibdefizite nicht verborgen. Er hat mich in eine Ecke des Klassenzimmers gesetzt und in Ruhe gelassen. Förderkurse gab es nicht. Meine Eltern bemerkten erst, als ich schon zehn Jahre alt war, dass ich ganz schlecht lese und schreibe. Sie besaßen einen landwirtschaftlichen Betrieb. Wenn ich von der Schule kam, musste ich mit meinen vier Geschwistern auf dem Feld arbeiten. Da blieb keine Zeit zum Üben. Nach acht Jahren habe ich die Schule ohne Abschluss verlassen.
Haben Sie anschließend gearbeitet?
Ja, ich hatte Glück und konnte als Haushaltshilfe arbeiten.
Ist niemandem aufgefallen, dass Sie nur wenig lesen und schreiben können?
Ich habe mich eben durchgemogelt, bin bloß mit meinem Ehemann einkaufen gegangen. Wenn es ums Schreiben ging, war meine Ausrede immer die vergessene Brille. Ich lebte ständig in der Angst, dass mein Handicap entdeckt würde. Erst durch den Kurs an der Volkshochschule in Karlsruhe hat sich meine Situation verbessert. Heute kann ich mehr lesen und schreiben und offen über mein Problem sprechen.




