Wenn der Biochemiker Stanley Prusiner etwas hasst, dann Journalisten. Nie gab er ein Interview. Nie äußerte er sich vor der Kamera zu seiner Arbeit. Am 6. Oktober 1997 musste er dann doch klein beigeben. Als Prusiner an jenem Montag sein Institut an der Universität in San Francisco betrat, sah er sich einer Meute von Journalisten und einer Phalanx von Fernsehkameras gegenüber. „Prof. Prusiner, erklären Sie bitte in fünf Sätzen Ihre Forschungsergebnisse!” rief man dem Mann zu, der Prionen als Ursache für den Rinderwahn erkannt hatte. Der Grund für den Rummel um seine Person: Das Nobelpreiskomitee in Stockholm hatte soeben bekannt gegeben, dass er den Nobelpreis für Medizin erhalten würde.
Eine extrem lästige Situation für den Öffentlichkeitsscheuen. Aber er teilt diese Erfahrung mit den meisten seiner preisgekrönten Kollegen. Jahr für Jahr wiederholt sich das Bild: Ein glücklich lachender, etwas verlegener Mann – nur selten ist es eine Frau – steht in seinem Labor, in der Hand ein Sektglas. Um ihn herum Mitarbeiter, die ihm zuprosten. Während ein Blitzlichtgewitter über ihm niedergeht, blickt er steif in die Kameras und hat Schwierigkeiten, seine Arbeit verständlich zu erklären. Der Laureat, der auf diese Weise ins Rampenlicht gestellt wurde, ist mit seiner neuen Rolle erst mal total überfordert.
Der Frankfurter Biochemiker Hartmut Michel, der 1988 geehrt wurde, hätte am liebsten alles rückgängig gemacht: „Der Nobelpreis bringt öffentliche Anerkennung. Aber das bedeutet auf der anderen Seite derart viel Rummel und nichtwissenschaftliche Verpflichtungen, dass man gerne darauf verzichten würde. Ich kann mir das Leben ohne Nobelpreis genauso gut vorstellen.”
Kein Nobelpreisträger kommt darum herum, sich sofort nach dem Bekanntwerden der Öffentlichkeit zu stellen. Außer er ist krank wie Rudolf Mößbauer, der als 32-jähriger Research Fellow am California Institute of Technology in Pasadena gerade an einer Grippe laborierte, als die Nachricht von seinem Nobelpreis um die Welt ging. Die Institutsverwaltung, schon geübt im Abschirmen von Nobelpreisträgern („die hatten dort sieben Stück”) schaltete sofort Mößbauers Telefonleitung ab und ließ zwei Polizeiautos vor seinem Haus vorfahren, so dass niemand an ihn herankam. „Ich konnte mich also in Ruhe erholen, bevor ich wieder ins Institut ging”, erinnert er sich.
Dass einer der geehrten Forscher das öffentliche Interesse gleich genießt, ist die Ausnahme. Gerd Binnig, der zusammen mit Heinrich Rohrer das Raster-Tunnel-Mikroskop erfand – beide wurden 1986 ausgezeichnet – gehört dazu. Auch heute noch denkt er gern an die ersten Wochen nach der Preisverleihung zurück: „Ich empfand diese Phase als ganz lustig, weil man einmal in eine völlig andere Welt eintauchen konnte. Das war eine nette Erfahrung für mich.” Auch der in New York lebende gebürtige Dresdner Günter Blobel, der 1999 mit dem Medizinpreis geehrt wurde, wusste die Gunst der Stunde zu nutzen. Er lud seine umfangreiche Verwandtschaft zur Preisverleihung nach Stockholm ein, um dort im Clan genüsslich zu feiern.
Doch zu dem ungewohnten öffentlichen Interesse gesellt sich oft der Neid der Kollegen. Hinter vorgehaltener Hand wird getuschelt: War die Entdeckung nicht nur ein Zufallsergebnis? Haben nicht Mitarbeiter wertvolle Hilfen gegeben und gehen nun leer aus? Hartmut Michel spricht offen darüber: „Es gibt immer Kollegen, die den Nobelpreis nicht bekommen haben, obwohl sie ihn auch verdient hätten. Ich empfinde das mitunter als Problem. Ich glaube, dass bei diesen Kollegen leicht das Gefühl entstehen kann, ungerecht behandelt worden zu sein. Ich persönlich stecke das weg, aber ich bemerke es.”
Auch Klaus von Klitzing, der den Preis 1985 für seine grundlegenden Arbeiten zur Natur des Magnetismus bekam, ist sich dieses Problems bewusst: „Als ich die Nachricht vom Nobelpreis erhielt, war eine meiner ersten Reaktionen, dass ich an die Leute dachte, die sich ebenfalls Hoffnungen gemacht hatten. Die vielleicht mitgearbeitet hatten, aber nicht berücksichtigt wurden. Oder die ganz nahe dran waren und sich nun ärgerten.”
Doch auch wenn der Geehrte unumstritten ist, mit der entspannten Suche nach Erkenntnis ist es nun vorbei. An einen Nobelpreisträger stellt jeder hohe Ansprüche. Fehler verzeiht man kaum noch. Gerd Binnig, der erst 38 war, als er den Physikpreis erhielt, kann ein Lied davon singen: „Ich verspürte eine ganze Zeit den Druck, mich noch einmal beweisen zu müssen. Ich bemerkte, dass mir die Arbeit keinen Spaß mehr machte, und es ging auch nichts mehr voran. Man muss sich erst einmal eingestehen, dass man dieses Problem überhaupt hat, erst dann kann man anfangen, sich davon zu lösen.” Dabei hatte Binnig Glück, weil er ein paar Jahre später seine nächste geniale Entdeckung vorstellte, das Kraftmikroskop.
Der Erwartungsdruck lastet wohl auf jedem der preisgekrönten Forscher. Abblocken mag zwar eine Chance sein, sich Ansprüchen von außen zu verschließen. Doch was die eigenen Ansprüche angeht, funktioniert dieses Mittel nur unzureichend. So verwundert es nicht, dass manche Preisträger ihr Arbeitsgebiet verlassen haben und sich einem völlig anderen Thema zuwandten. So auch die beiden, die in den sechziger Jahren als die wichtigsten Exponenten deutscher Naturwissenschaft galten: Manfred Eigen und Rudolf Mößbauer.
Für Eigen war es logische Konsequenz, sich von der Chemie zur Molekularbiologie zu orientieren. „Es ist nicht so, dass man sagt: Ich will jetzt mal was ganz anderes machen, sondern wir sind generell daran interessiert, wie die Natur aussieht. Und so wird man automatisch zur nächsten Frage geführt.”
Bei Rudolf Mößbauer, der unmittelbar nach seiner Doktorarbeit den nach ihm benannten und mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Effekt – eine hochgenaue Messmethode – entdeckte, verlief der weitere Lebensweg wenig geradlinig: „Zunächst blieb ich bei der Physik. 1964 ging ich zurück nach Deutschland und beschäftigte mich mit chemischen Anwendungen, in der nächsten Periode mit der Biologie. Anschließend arbeitete ich fünf Jahre lang als Direktor des Laue-Langevin-Instituts in Grenoble. Das war reines Wissenschaftsmanagement. Danach begann ich über Neutrinos nachzudenken”, ein Themenkomplex, der ihn bis heute beschäftigt. Auch Kollege Klaus von Klitzing hat mitunter das Bedürfnis, den Forschungszweig zu wechseln: „Mit Sicherheit werden die Probleme in Zukunft bei den biologischen Systemen liegen. Wenn man das mal handfester in den Griff bekommt, steige ich vielleicht auch noch ein. Man muss flexibel genug sein, um auf neue Dinge zu reagieren.”
Der jetzt in Frankfurt forschende Hartmut Michel ist sich bewusst, dass die Kollegen einen Nobelpreisträger belauern: „Eine gewisse Erwartungshaltung im Kreis der Kollegen ist sicher vorhanden. Da wird vielleicht gesagt: Jetzt hat er einmal einen großen Treffer gelandet und danach nie mehr etwas zustande gebracht. Doch ich kann dem nur entgegnen: Lieber nur einmal etwas Hervorragendes leisten – das ist mehr, als sein ganzes Leben lang nur Durchschnitt zu sein.”
Der Nobelpreis kann aber auch ein Polster sein, das Probleme abfedert. Zum Beispiel bei Brian Josephson. Nach seinem Preis von 1973 wechselte er von der Physik zur Parapsychologie. Seine umstrittenen Aktivitäten auf diesem Gebiet, die andere Kollegen Ruf und Stellung gekostet hätten, kann er ungestört verfolgen, weil er von Ansehen und Geld zehrt, das ihm der Preis brachte (bild der wissenschaft 10/1997, „Der Nobelpreisträger als Parapsychologe”). Auch Sir John C. Eccles, weltberühmter Hirnforscher, wagte sich unter dem Schutz des noblen Ruhms (Nobelauszeichnung: 1963) bis an die Grenze zur Absurdität vor, als er seine umstrittenen Gedanken zur Natur der menschlichen Seele veröffentlichte. Nicht zu vergessen der Chemiker Linus Pauling, das Ausnahmegenie, das die Auszeichnung zweimal erhielt: 1954 den Chemie- und 1962 den Friedensnobelpreis. In seinen späten Jahren versteifte er sich auf extreme Thesen über die Wirksamkeit von Vitamin C, die Fachkollegen nicht nur widerlegten, sondern vielfach auch belächelten.
Das Leben eines Nobelpreisträgers besteht nicht nur aus der wissenschaftlichen Karriere. Die plötzliche Prominenz tangiert auch das Privatleben. So hat der Partner eine neue Rolle zu spielen, auf die er nicht vorbereitet ist. Die Auskunft von Hartmut Michel ist bezeichnend: „Meine Frau hat damit sicherlich ihre Probleme, aber sie hat diese Rolle akzeptiert.” Bei Gerd Binnig waren die Probleme größer, er trennte sich von seiner damaligen Frau. Anders Klaus von Klitzing: „Ich verhalte mich genauso wie früher. Manche meinen, ein Nobelpreisträger darf nicht Rasen mähen oder den Abfall rausbringen. Aber ich sage mir: Das habe ich vorher gemacht, und das mache ich auch jetzt. Und ich sorge ganz bewusst dafür, dass sich meine Frau nicht zurückgesetzt fühlt.”
Dass der Ruhm durch den Nobelpreis aber auch angenehm sein und man ihn sinnvoll nutzen kann, zeigt Günter Blobel. Er setzt seine Prominenz dafür ein, Spenden für den Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche zu sammeln, und er stiftete im Juni 2000 einen großen Teil seines Preisgeldes für diesen Zweck sowie für die jüdische Synagoge in Dresden. Außerdem engagiert er sich für öffentliche Forschung: „Ein Nobelpreis bringt auch die Verpflichtung mit sich, der Bevölkerung die Wissenschaft näher zu bringen.”
Kompakt
• Der Nobelpreis zerrt den Wissenschaftler in eine völlig neue, ihm oft unangenehme Welt. • Der Erwartungsdruck von Kollegen und Öffentlichkeit vor allem auf junge Laureaten ist enorm.
Brigitte Röthlein





