Gunter Hille lag mit seinem Segelboot in den Mangrovensümpfen von Papua-Neuguinea. Draußen tobte seit drei Wochen ein Wirbelsturm, und Hille sinnierte, womit er sich beschäftigen sollte. Wie schön wäre es, dachte der Hobby-Segler, wenn es an Bord ein elektronisches Buch gäbe, in dem Hunderte von Klassikern elektronisch abrufbar wären.
Das war 1990. Wieder zu Hause, machte sich Hille – damals noch Informatiker an der Universität Hamburg – an die Realisierung seines Traums. Er digitalisierte deutschsprachige Literatur-Klassiker von Andersen über Goethe und Nietzsche bis Wieland und bot sie kostenlos im Internet an. Heute ist das Gutenberg-Projekt (http://www.informatik.uni-hamburg.de/gutenb/gutenb.htm) die größte deutschsprachige Literatursammlung im Internet und wird nur noch vom amerikanischen Gutenberg-Projekt (http://promo.net/pg/) übertroffen, dessen Gründer Michael Hart seit 1971 englischsprachige Klassiker ins Netz einspeist.
Mittlerweile führt Gunter Hille das Projekt, das nach Johannes Gutenberg, dem Erfinder des Buchdrucks benannt ist, mit seiner Internet-Dienstleistungsfirma ABC.DE weiter, unterstützt von seinen Mitarbeitern und vielen freiwilligen Helfern, die am laufenden Band Texte digitalisieren und per E-Mail nach Hamburg übermitteln. Inzwischen ist der Bestand auf gut 13000 Dokumente angewachsen, darunter 1000 Märchen und ebenso viele Gedichte.
Das Vorurteil, die Deutschen seien zunehmend lesefaul, straft das Gutenberg-Projekt Lügen: Seit Monaten explodieren die Abrufzahlen. Doch der überwältigende Erfolg hat auch eine Kehrseite. Hilles Firma muß je nach abgerufener Datenmenge eine Volumengebühr an den Netzbetreiber bezahlen. Mittlerweile sind das mehrere tausend Mark im Monat.
Um einen Teil der Kosten wieder hereinzubekommen, gibt Hilles Firma eine CD-ROM (ISBN 3-9805334-0-9, DM 39,80) mit über 1000 Texten aus dem deutschen Gutenberg-Bestand heraus.
Die Verlage beobachten Hilles Aktivitäten mit Argwohn. Zwar befinden sich in der Computer-Bibliothek nur Werke von Autoren und Übersetzern, die mindestens 70 Jahre tot sind und deren Urheberrechte damit erloschen sind, doch die Verlage stehen auf dem Standpunkt, daß bereits das Verlegen eines Goethe-Klassikers eine eigenständige publizistische Leistung ist. Das Scannen oder Abtippen eines solchen Buches sei deshalb eine Verletzung des Urheberrechts.
Gunter Hille sieht das Gutenberg-Archiv dagegen nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zum gedruckten Buch. Er ist davon überzeugt, daß viele, die bisher keine klassische Literatur gelesen haben, durch sein Angebot angesprochen werden. Hille: “Ich glaube, daß durch Gutenberg die Buchverkäufe langfristig steigen werden.”
Bernd Müller





