Prof. Reinhard Kurth will die Verkrustung am Berliner Robert-Koch-Institut aufbrechen. Sein Modell könnte Vorbild zur Reform anderer Bundesinstitute sein.
bild der wissenschaft: Das Bundesgesundheitsamt, BGA, wurde 1994 aufgelöst. Doch das dort angesiedelte Robert-Koch-Institut blieb erhalten. Hat der damalige Gesundheitsminister Horst Seehofer vor dem berühmten Namen kapituliert?
Kurth: Keineswegs. Keines der ehemaligen BGA-Institute wurde damals geschlossen, da sie alle spezifische Aufgaben wahrzunehmen haben. Zudem haben wir eine staatliche Organisation wie das Robert-Koch-Institut nötiger denn je, um endlich auch in Deutschland auf Knopfdruck abfragen zu können, wie viele Masern- oder Gelbsuchtfälle es im letzten Jahr gab, wie viele davon tödlich verliefen und von welcher Dunkelziffer ausgegangen werden muß. Solche Erkenntnisse brauchen wir nicht nur für Infektionskrankheiten, sondern auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs. Aufgabe des Robert-Koch-Instituts ist es weiterhin, neue Krankheitsentwicklungen zu erkennen und entsprechende Forschung zu initiieren sowie die dazugehörende Politik- und Medizinberatung. Darüber hinaus obliegt uns die weitere Erforschung von Infektionskrankheiten, die Epidemiologie nicht übertragbarer Krankheiten sowie die biologische Sicherheit der Gentechnik.
bild der wissenschaft: Horst Seehofer hat Sie gefragt, ob Sie das Robert-Koch- Institut (RKI) kommissarisch übernehmen wollen, um ihm eine zeitgemäße Struktur zu verpassen. Diesem Wunsch hätten Sie sich auch entziehen können.
Kurth: Etwas gestalten zu können, übt auf mich größten Reiz aus – ob in der Wissenschaft oder im Wissenschaftsmanagement. Nach der Auflösung des Bundesgesundheitsamtes wurde in das Robert-Koch-Institut auch das ehemalige BGA-Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie sowie das AIDS-Zentrum eingegliedert. Das RKI wurde also deutlich größer, ohne daß man sich aus Zeitgründen zunächst über die zukünftige Ausrichtung dieser neuen Einheit vertieft Gedanken machen konnte. Dies zu tun, reizte mich.
bild der wissenschaft: Und was taten Sie?
Kurth: Wesentlich war eine umfassende Bestandsaufnahme – sowohl für den wissenschaftlichen Betrieb als auch für den Verwaltungsapparat. Die wissenschaftliche Leistung des Robert-Koch-Instituts wurde dazu vom unabhängigen Wissenschaftsrat beurteilt. Das war eine historische Weichenstellung, denn bis heute arbeiten in Deutschland selbst große Bundesinstitute ohne Begutachtung von außen. Ich fürchte, daß all diese Institute – vorsichtig ausgedrückt – Gefahr laufen, nicht optimal zu arbeiten.
bild der wissenschaft: Sie meinen, daß da manches im argen liegt?
Kurth: Ich würde es begrüßen, wenn der Wissenschaftsrat alle Bundesinstitute evaluieren würde, ähnlich wie er es mit den Forschungsinstituten gemacht hat, die auf der sogenannten Blauen Liste stehen.
bild der wissenschaft: Wie lief die Beurteilung des Robert-Koch-Instituts ab?
Kurth: Nachdem viele Fragen schriftlich beantwortet werden mußten, kam der Wissenschaftsrat zu einer ausführlichen Befragung nach Berlin. Darauf entwikkelte er in mehreren Etappen ein Gutachten, das den Begutachteten immer wieder zur Stellungnahme übermittelt wurde. Ende November 1997 wurde das Gutachten des Wissenschaftsrats veröffentlicht…
bild der wissenschaft: …der beispielsweise empfahl, sich vom hierarchischen Denken zu verabschieden…
Kurth: …und mehr Freiheit für die wissenschaftlichen Projektgruppen und die Bündelung der klassischen Amtsaufgaben forderte. Gleichzeitig wurde die Verwaltung durch eine externe Organisationsuntersuchung begutachtet: Sämtliche Bereiche des RKI wurden leidenschaftslos angeschaut.
bild der wissenschaft: Leidenschaft verspürten Sie aber bei den Institutsangehörigen.
Kurth: Wir hatten viele, viele Diskussionen mit den Mitarbeitern, die selbst ordnerweise Vorschläge einreichten. Manche dieser Vorschläge haben wir aufgegriffen, andere ließen sich nicht realisieren. Um die Mitarbeiter auf die grundlegenden Veränderungen einzustimmen, hielten wir viele Seminare ab, führen manche sogar bis heute durch. Transparenz in dem, was verändert werden mußte, war und bleibt unverzichtbar für Akzeptanz.
bild der wissenschaft: Gekündigt wurde niemandem?
Kurth: Ich hatte die Vorgabe, keine betriebsbedingten Kündigungen auszusprechen. Wer neu aufbauen will, hat es in dieser Hinsicht beim öffentlichen Dienst schwerer als in der Wirtschaft. Um in weniger belastbaren Mitarbeitern dennoch einen Veränderungswillen zu verankern, griffen wir auch auf externe Wirtschaftstrainer zurück. Ihre Aufgabe war es, den Mitarbeitern klarzumachen, daß uns nur die Fähigkeit zur Veränderung davor bewahrt, zu Dinosauriern zu werden und letztlich auszusterben.
bild der wissenschaft: Welche Umstrukturierungen waren für Sie am wichtigsten?
Kurth: Der Abbau von unnötigen Hierarchien. Früher gab es zum Beispiel am RKI 63 Fachgebiete, jetzt sind es noch 12. Die neu eingerichteten Arbeitsgruppen, in denen auf Zeit wissenschaftliche Projekte bearbeitet werden, besitzen kaum noch eine Hierarchie. Der Projektgruppenleiter kann direkt mit mir oder meinen Stellvertretern verhandeln und die Interessen seiner Gruppe vertreten. Wichtig ist weiterhin, daß wir jetzt eine Qualitätskontrolle für unsere Arbeit haben – intern durch den Forschungsrat und extern durch einen Wissenschaftlichen Beirat. Beides gab es früher nicht. Darüber hinaus können wir ab 1999 Nachwuchsgruppen bilden, in denen jüngere Wissenschaftler auf fünf Jahre gefördert eigenständig wissenschaftliche Aufgaben bearbeiten können.
bild der wissenschaft: Sie glauben, daß nach diesen strukturellen Veränderungen ein neuer Geist durch das Robert-Koch-Institut weht?
Kurth: Sicherlich ist es richtig, daß eine Strukturveränderung nur dann erfolgreich ist, wenn die Mitarbeiter sie annehmen. Deshalb müssen wir die Umsetzung begleiten durch eine Führungsmannschaft von gleichgesinnten, hochmotivierten und fähigen Mitarbeitern. Vorteil der Zusammenlegung von Fachgebieten ist, daß man mit der Leitungsfunktion besonders leistungsbereite und belastbare Mitarbeiter betrauen kann. Durch den Abbau von Hierarchien taut auch mancher Mitarbeiter auf und entwickelt Eigeninitiative. Natürlich gibt es Dinge, die zäher ablaufen, als man sich das wünschen würde. Das liegt in der Natur der Sache. Um die Sache nach vorne zu bringen, kümmere ich mich bei Neueinstellungen im wissenschaftlichen Bereich um jede Stellenbesetzung persönlich.
bild der wissenschaft: Ganz schön aufwendig.
Kurth: Das geht nur mit einer 80-Stunden-Woche.
bild der wissenschaft: Dennoch werden Sie allein es nicht schaffen, das RKI zu reformieren.
Kurth: Schon ein solcher Versuch wäre aus mehreren Gründen töricht. Leitende Mitarbeiter des Bundesgesundheitsministeriums wie auch des RKI arbeiten an der Reform genauso engagiert wie meine Wenigkeit. Die Neustrukturierung des RKI betrachte ich als eine Art wissenschaftliches Experiment. Nichts ist sakrosankt: Wenn wir Korrekturbedarf sehen, dann wird korrigiert. Möglicherweise muß bei zunehmender Erfahrung in einzelnen Bereichen wieder manches geändert werden. Wenn das Ganze scheitern sollte, wäre die Konsequenz, zu akzeptieren, daß an einem solchen Bundesinstitut überhaupt keine Forschung im modernen Stil betrieben werden kann. Eine solche Entwicklung kann ich mir jedoch nicht vorstellen.
bild der wissenschaft: Wie stellt sich für Sie die Situation der wissenschaftlich arbeitenden Bundesinstitute dar, die Sie über das Robert-Koch-Institut hinaus zu beurteilen vermögen?
Kurth: Man muß unterscheiden zwischen dem, was notwendig wäre, und dem, was politisch wie auch arbeitsrechtlich machbar ist. Es gibt Institute, die nach meinem Dafürhalten geschlossen werden sollten, um sie dann neu aufzubauen. Selbst in Schweden – unter einer sozialdemokratischen Regierung – ist das schon geschehen. In Deutschland ist es dagegen nicht machbar. Nicht einmal die Max-Planck-Gesellschaft, bei der größte Flexibilität vorherrschen sollte, sieht sich in der Lage, zügig Institute zu schließen. Und von Bundesinstituten sollte man nicht mehr verlangen als von der reinen Wissenschaft.
bild der wissenschaft: Eine Begutachtung der Bundesinstitute ist aber das mindeste, was Sie empfehlen?
Kurth: Ich denke in der Tat, daß man dies tun sollte. Loben, was gut ist, und kritisieren, was verbessert werden kann. Das Hierarchiedenken hat sich in den Bundesinstituten bis heute ausgesprochen gut gehalten, dieses Festklammern an Kästchen. Es wäre vernünftig, die nicht selten atomisierte Struktur aufzuheben und größere Organisationseinheiten zu schmieden, schon allein, weil sie flexibler sind. Ich hoffe, daß die Bundesregierung hier aktiv wird.
Reinhard Kurth (Jahrgang 1942) ist Arzt und Professor für Virologie. Seit Oktober 1996 leitet Kurth (oben im Profil zwischen den Büsten von Paul Ehrlich und Robert Koch) als Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen bei Frankfurt kommissarisch noch das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) für Infektionskrankheiten und nicht übertragbare Krankheiten. Dort arbeiten 600 Menschen, darunter 180 wissenschaftliche Mitarbeiter, die bis zu dessen Auflösung 1994 beim Bundesgesundheitsamt angesiedelt waren. Als erstes Bundesinstitut überhaupt hat der Wissenschaftsrat vor kurzem das Robert-Koch-Institut durchgecheckt; seine Empfehlungen wurden weitgehend umgesetzt.
Wolfgang Hess / Reinhard Kurth





