„Nichts als Spekulation und Fiktion” , schimpft Prof. Karl Zilles. Der Direktor des Düsseldorfer Vogt-Hirnforschungsinstituts und des Jülicher Instituts für Medizin ärgert sich über Dr. Sandra Witelson. Die kanadische Neurowissenschaftlerin hatte die Ergebnisse ihrer Untersuchung an Albert Einsteins Gehirn als „Meilenstein” proklamiert: Sie habe Einsteins Genialität lokalisiert.
1955 hatte der Pathologe Thomas Harvey dem Erfinder der Relativitätstheorie kurz nach dessen Tod im Princeton Hospital, New Jersey, das Gehirn entnommen – mit der Erlaubnis von Einsteins Sohn. Doch dann wusste er in den folgenden 40 Jahren nichts damit anzufangen, außer es von allen Seiten zu fotografieren, in 240 würfelförmige Blöcke zu zerteilen und diese, in Formalin eingelegt, bei sich zu Hause im Regal zu horten. Als sich 1999 Sandra Witelson von der McMaster University in Ontario/Kanada die Hirnblöckchen vornahm, entdeckte sie eine anatomische Besonderheit: Bei Einstein waren zwei Hirn-Furchen, die Sylvische und die Zentralfurche, miteinander verwachsen und der untere Scheitellappen dadurch um 15 Prozent größer als beim Bevölkerungsdurchschnitt. Witelson schloss daraus: Da es sich beim Scheitellappen um die für das mathematische Denken und räumliche Vorstellungsvermögen zuständige Region handele, sei diese anatomische Auffälligkeit ein untrügliches Indiz für Einsteins Genialität.
Witelsons Untersuchung rief ein weltweites Medienecho und eine Kontroverse in der Wissenschaft hervor. „Im Scheitellappen ist eine Reihe ganz unterschiedlicher Leistungen lokalisiert”, wehrt Karl Zilles ab. „Dazu zählt auch das räumliche Vorstellungs- und Orientierungsvermögen. Aber: Was hat das mit Einsteins außerordentlichen Leistungen zu tun?” Schon beim Lesen und Rechnen sind außer dem Scheitellappen noch viele andere Hirnregionen involviert.
Prof. Folker Hanefeld von der Abteilung Neuropädiatrie des Göttinger Universitätsklinikums meint, die bei Einstein gefundene Abweichung sei eher eine Erklärung für dessen frühkindliche Sprachentwicklungsstörung (siehe Beitrag „Genial daneben”) als für seine Genialität als Physiker.
Zilles hält es generell für problematisch, aus Einzelfalluntersuchungen allgemeine Schlüsse zu ziehen. Außerdem bemängelt er, dass die Anatomen zwangsläufig nur tote Gehirne analysiert hätten: „Das menschliche Gehirn zeichnet sich durch seine neuronale Plastizität aus: Die neuronalen Verbindungen verändern sich im Laufe eines Menschenlebens ständig. Wenn man eine außerordentliche Leistungsfähigkeit lokalisieren will und hierfür das Gehirn eines Verstorbenen untersucht, muss man sicherstellen, dass der zum Zeitpunkt seines Todes die entscheidenden Leistungen überhaupt noch erbringen konnte. Bei Einstein, der seine Relativitätstheorie Jahrzehnte vorher entwickelte, ist dies fraglich.”
Trotzdem haben Forscher immer wieder versucht, von einem toten Gehirn auf seinen hochbegabten Besitzer zu schließen. Als Begründer der „Elitegehirnforschung” gilt der Hirnanatom Franz Joseph Gall. Er legte in Wien um 1800 eine Sammlung von Schädeln berühmter Zeitgenossen an und entwickelte eine Lehre vom Schädelbau wissenschaftlicher und künstlerischer Genies. Kernthese: Die Brillanz des Denkers spiegele sich in Beulen des Gehirns wieder und die Dicke des Schädels entspreche der Intelligenz seines Trägers.
1924 zerlegte der deutsche Hirnforscher Oskar Vogt das Gehirn Lenins auf Wunsch der sowjetischen Regierung in 30 000 Schnitte und analysierte es in jahrelanger Arbeit mikroskopisch. Er glaubte die „außergewöhnliche Assoziationsfähigkeit” Lenins an der besonderen Zellarchitektur seines Gehirns ablesen zu können.
Vom heutigen Forschungsstandpunkt aus gesehen sind diese Ergebnisse Humbug. Genialität lässt sich nicht an Größe oder Gewicht des Gehirns festmachen. Darin sind sich die Forscher inzwischen einig.
Doch was Genialität überhaupt ist, darüber streiten sie sich weiter. „Der Geniebegriff ergibt sich aus dem gesellschaftlichen Kontext”, meint zum Beispiel Prof. Udo Schuhmacher vom Institut für Anatomie der Universität Hamburg-Eppendorf. „Denn ob der Besitzer eines Gehirns als genial bezeichnet wurde, hing weniger von objektiven Kriterien ab als vielmehr vom Zeitgeist der jeweiligen Epoche.” Anika Fiebich




