Text: Michael Zick
„Das Geld muss richtig hart erarbeitet werden, bei uns gibt es keine Mitnahmeeffekte”, konstatiert Rudi Beer zufrieden. Und der verantwortliche Projektmanager für Forschung und Wissenschaft der Landesstiftung Baden-Württemberg ist konsequent: „Falls die Geförderten sich nicht an die vereinbarten Projektziele halten sollten, haben wir Ausstiegsmöglichkeiten.” Sprich: Die Stiftung kann auch mal den Geldhahn zudrehen.
Bereits mehrfach hat die Stiftung – selbst von Regierungsstellen – bewilligte Gelder zurückgefordert, wenn diese nicht der Satzung entsprechend verwendet wurden. Vom Gießkannenprinzip politischer Gefälligkeiten hält Beer erst recht nichts: „Eine Stiftung muss eine Strategie haben. Man muss deshalb auch Nein sagen können, selbst wenn das für sinnvolle Einzelprojekte bitter ist.”
Das allem übergeordnete Ziel der in Deutschland einmaligen Einrichtung ist die Zukunftsfähigkeit des Landes Baden-Württemberg. Dazu werden mit jährlich rund 50 Millionen Euro Projekte in den Bereichen Forschung, Bildung und Soziale Verantwortung gefördert und – nicht selten – erstmals angestoßen. Von 2001 bis Ende 2005 hat die Stiftung für weit über 1000 Vorhaben insgesamt 311 Millionen Euro bereitgestellt – Geld, das sonst nicht vorhanden gewesen wäre.
Begonnen hat die Erfolgsstory 1983, als unter dem damaligen Ministerpräsidenten Lothar Späth die unterschiedlichen industriellen Landesbeteiligungen in einer Holding zusammengefasst wurden. 1996 kam ein Teil des Immobilienbesitzes des Landes hinzu. Im Februar 2001 spülte der Verkauf der fusionierten baden-württembergischen Energieversor- gungsunternehmen einen riesigen Erlös auf die Konten der Holding. Insgesamt hütete das Land damit einen Schatz von rund 2,8 Milliarden Euro.
Beizeiten hatten sich die Verantwortlichen auf Drängen des damaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel überlegt, wie man das schöne Geld im Ländle halten könnte. 2000 mündete dies in die Einrichtung der Landesstiftung, die laut Satzung „ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke … verfolgt”. Ohne diese Konstruktion hätte Baden-Württemberg 50 Prozent der Verkaufserlöse an den Bundesfinanzminister abführen müssen. So aber entstand eine der größten Stiftungen privaten Rechts, die mit der ebenfalls baden-württembergischen Robert Bosch Stiftung alljährlich um den zweiten Platz der Rankingliste der ausgeschütteten Fördermittel rangelt. Spitzenreiter ist unangefochten die Volkswagenstiftung.
Mit der renommierten Robert Bosch Stiftung „kommen wir nicht ins Gehege”, grenzt Beer sich ab, „die haben eine andere Ausrichtung”. Die Landesstiftung setzt ihre Schwerpunkte klar in Forschung und Bildung. Für diese beiden Bereiche werden rund 70 Prozent des jährlichen Etats ausgegeben. Rund 30 Prozent fließen hauptsächlich in Projekte unter dem Stichwort „Soziale Verantwortung”.
Nach dem Motto „die Stärken stärken” wurden in den ersten Jahren speziell Forschungseinrichtungen gefördert, die mit den international Besten mithalten konnten, um das Land hier an der Spitze zu halten. Daraus leiteten sich Schwerpunkte ab bei den optischen Technologien, den Nanowissenschaften, der Mikrosystemtechnik und bei praktischen Gesundheitsthemen (Allergologie), aber auch bei der Grundlagenforschung zu adulten Stammzellen, RNA- und Protein-Biochemie.
Inzwischen hat ein neues Gutachten den Blickwinkel etwas verschoben. In diesem Gutachten wurde in internationalen Veröffentlichungen nach den Themen gefahndet, die weltweit besonders intensiv erforscht werden. In einem zweiten Schritt wurde die Stellung der baden-württembergischen Forschung in diesen Bereichen untersucht. Über die so entstehende Schablone wurde schließlich das Raster der wirtschaftlichen Kompetenz im Lande gelegt.
Aus den Deckungsbereichen „entstanden zwölf Themen, die mittelfristig besonders interessant sind”, resümiert Rudi Beer. Dabei wurde teils Bisheriges bestätigt – so stehen optische Technologien, Nanowissenschaften und Mikrosystemtechnik weiterhin obenan. Hinzu kamen Initiativen für Energie- und Umweltforschung sowie Gesundheit. Beer: „Unsere Zielsetzung ist ganz klar die Stärkung der Wissenschaft und damit die Erhöhung des Potenzials an Ideen und Köpfen in diesem Land, was letztendlich auch der Wirtschaft zugute kommt.”
Wegen klammer Kassen allerorten wird das klassische Forschungsfeld „Grundlagenforschung mit Anwendungsperspektive” seit Jahren etwas stiefmütterlich behandelt. Dies aber, so Beer, „ ist der Bereich, der letztlich für die Wirtschaft dramatisch wichtig ist”. Und er scheut einen großen Vergleich nicht: „Die Japaner haben es falsch gemacht – die haben Milliarden in die Endprodukte investiert.” Der Blick allein auf Produkte führe aber schnell ins Abseits, denn daraus entstünden keine Innovationen. „ Nur wenn man die grundlegenden Fragen geklärt hat, kann man darauf aufbauen und neue Entwicklungen kreieren”, ist Beer überzeugt und setzt die Stiftung deutlich ins rechte Licht: „Wenn es uns nicht gäbe, würde da eindeutig zu wenig passieren.”
Das zahlt sich aus: Die Stiftung hat inzwischen acht Patente angemeldet. Eine Entwicklung in der Stammzellforschung, „nach der seit 30 Jahren weltweit vergeblich gesucht wird”, steht gerade zur Patentierung an – ein Marker für Hautzellen.
Wenn der Aufsichtsrat der Stiftung die Vorschläge der Geschäftsführung gutgeheißen hat, werden die Programme öffentlich ausgeschrieben. Bewerben kann sich jede Forschungseinrichtung, vorausgesetzt, sie sitzt in Baden-Württemberg. Zur Begutachtung holen sich die Stuttgarter Stiftungsmanager fünf bis zwölf ausgewiesene Experten, die nicht in Baden-Württemberg arbeiten und oft sogar aus dem Ausland stammen. Entschieden wird einzig nach wissenschaftlicher Exzellenz der Anträge.
Die Projekte laufen in der Regel über drei, maximal über sechs Jahre. Der Fortgang der Arbeiten wird über einen Meilensteinplan und Zwischen-Evaluierungen streng überprüft. „Notfalls steuern wir relativ rasch nach”, so Beer – im Extrem bis zur Kündigung des Vertrags. Aber das war in den sechs Jahren des Bestehens noch nicht nötig.
Vor die Wissenschaft haben die Götter Lernen und Bildung gesetzt. Hier setzt die Stiftung ihren zweiten Schwerpunkt: mit klassischen Bildungsprogrammen. 35 000 Kindergarten-Kinder – um nur ein Beispiel zu nennen – kamen in den Genuss von gezielter Sprachförderung, immerhin ein Drittel davon waren Deutsche. „Das ist schon heftig”, meint Pressechefin Iris Berghold und reklamiert für die Stiftung hier eine Vorreiterrolle in Deutschland.
Eine solche sieht sie auch beim Baden-Württemberg-Stipendium, das den internationalen Austausch zwischen Studenten, Schülern und jungen Berufstätigen zum Ziel hat. Ebenso ganz vorne sieht sie das Land dank der Stiftung bei der frühen Förderung von Kindern: Mit der „Stiftung Kinderland” können viele wichtige Dinge auf den Weg gebracht werden. Und die Kinder, die heute an den Kindergärten im Land über die naturwissenschaftlich-technischen Modellprojekte erreicht werden, sind möglicherweise die Forscher von morgen.
Angesichts des bislang Erreichten erscheint der Slogan der Stiftung „Wir stiften Zukunft” nicht vermessen. Rudi Beer sieht die Zukunft der Stiftung denn auch „rosig”: Die Aufgaben sind da, das Geld ist sicher angelegt. Und Milliarden vor dem Fiskus gerettet – da freut sich nicht nur der Schwabe. ■




