Es war eine Sensation, eine völlig unerwartete Entdeckung: Hirnzellen, die Bewegungen steuern, reagieren auch auf deren puren Anblick! Es geschah vor gut zehn Jahren: Im italienischen Parma leitete eine Gruppe um den Neurologen Giacomo Rizzolatti die elektrischen Signale einzelner Zellen aus dem Großhirn von Rhesusaffen ab. In der Region, in der normalerweise Handlungen geplant werden, dem prämotorischen Kortex, stießen sie dabei auf Nervenzellen, die nicht nur feuerten, wenn der Affe etwa seine Arme selbst bewegte, sondern auch, wenn er eine Person oder einen Artgenossen bei genau dieser Bewegung beobachtete. Dieser „ Echoeffekt” trat aber bloß auf, wenn der Affe eine zielgerichtete Bewegung wie den Griff nach einer Banane sah. Beim Anblick isolierter, unplanmäßiger Aktivitäten blieben die Zellen stumm. Es lag auf der Hand, diese Neuronen als „Spiegelneuronen” zu bezeichnen, da sie die Handlungen und Intentionen des anderen anscheinend widerspiegeln.
EIn Nobelpreis für Rizzolatti?
Rasch fing die Forschergemeinde an, diese „Elementarteilchen” der Hirnaktivität auch beim Menschen am Werk zu vermuten und ihnen geradezu phänomenale Leistungen zuzuschreiben. Es war, als hätte man einen universalen Mechanismus aufgedeckt, der schlagartig enthüllt, wie Individuen sich in andere Individuen hineinversetzen. Spiegelneuronen wurden plötzlich als Schlüssel zum Verständnis jeder Form von zwischenmenschlicher Übertragung angepriesen: Nachahmung, Einfühlung, Sprache, Kultur und Moral. Bis heute kennt die Begeisterung keine Grenzen. „Spiegelneuronen werden für die Psychologie tun, was die DNA für die Biologie getan hat”, prophezeit der indische Hirnforscher Vilayanur S. Ramachandran, während Joachim Bauer, Professor für psychosomatische Medizin in Freiburg/Breisgau, nur darauf wartet, „dass Rizzolatti endlich den Nobelpreis bekommt”. In Wissenschafts-Blogs im Internet werden übersinnliche Phänomene wie die Telepathie auf die Spiegelzellen zurückgeführt, ja sogar die Verständigung per Gebet mit einem Schöpfergott.
Kein Wunder, dass erste Stimmen bereits vor dem Aufkommen eines neuen Hirnmythos warnen. Die Entwicklungspsychologin Alison Gopnik von der University of California in Berkeley weist beispielsweise darauf hin, dass einzelne Spiegelzellen bislang nur bei Affen dingfest gemacht werden konnten. Bei Menschen misst man die Hirnströme nur in medizinischen Ausnahmefällen per Draht im Gehirn. Die meisten Studien zum Spiegelneuronensystem des Menschen verwenden bildgebende Verfahren wie die Kernspintomographie (siehe zum Beispiel „Spiegel-Aktivität im Gehirn”, Seite 33). Dabei muss man mit einer Auflösung im Millimeter- und Zentimeterbereich zufrieden sein. „Wir erhalten Informationen über die gemittelte Aktivität von Hunderttausenden von Neuronen”, betont Gopnik. Man finde Hirnbereiche, die Energie verbrauchen, wenn ein Mensch sieht, wie ein anderer eine bestimmte Tätigkeit vollführt, und solche, die anspringen, wenn der Mensch selbst das Gleiche tut. „Die bisherigen Ergebnisse erlauben lediglich den Schluss, dass diese beiden Aktivitätsmuster sich bis zu einem gewissen Grad überlappen.”
Zwar hatte der kanadische Physiologe William Hutchison 1999 einer Patientin, die bei Bewusstsein einer Hirnoperation unterzogen wurde, mit ihrem Einverständnis Mikroelektroden eingepflanzt, die Signale einzelner Neuronen maßen. Dabei fanden sich im „Schmerzzentrum” des Großhirns, dem vorderen zingulären Kortex, nicht nur Neuronen, die feuerten, wenn die Patientin in den Finger gestochen wurde. Eine ganz bestimmte Nervenzelle produzierte auch dann elektrische Lebenszeichen, wenn die Frau mit ansehen musste, wie der Arzt sich selbst in den Finger stach – das vermutlich erste und bisher einzige wissenschaftlich identifizierte menschliche Spiegelneuron! Doch als Hutchison die „ angezapften” Neuronen mit elektrischen Strömen stimulierte, spürte die Patientin nichts. Der Physiologe schließt daraus, dass solche Nervenzellen Wahrnehmungen nicht im Alleingang bewerkstelligen, sondern nur als „Rädchen” in einem Getriebe aus großen kortikalen Zellverbänden.
Und dann sollen sie auch noch für Nachahmung, Sprache und Kultur verantwortlich sein? Es stimmt die Psychologin Alison Gopnik besonders misstrauisch, dass den Spiegelzellen auch solche Leistungen zugeschrieben werden, zu denen ihre eindeutig gesicherten Besitzer, die Rhesusaffen, gar nicht fähig sind: „ Makaken besitzen weder Sprache noch Kultur, und sie sind nicht in der Lage, sich in ihresgleichen hineinzuversetzen. Sorgfältige Experimente haben gezeigt, dass sie außerstande sind, die Problemlösung eines Vorbildes systematisch nachzuahmen.” Selbst unsere nächsten Verwandten im Tierreich, die Schimpansen, haben große Schwierigkeiten, komplexe Handlungen anderer Affen nachzuäffen.
Nach der gängigen Vorstellung sind Spiegelneuronen von der Evolution eingesetzte, vererbte Erkenntnisinstrumente, die uns die Gabe verleihen, den mentalen Graben zu überqueren, der uns von den anderen trennt. Aber laut Gopnik weisen die Ergebnisse der Hirnforschung darauf hin, dass sich alle höheren Funktionen des Nervensystems unter dem Einfluss von Erfahrung und Lernen ausprägen. Wenn ein Affe eine Hand bewegt, hat er mit Sicherheit das Bild seiner bewegten Hand vor Augen. Das kann nur bedeuten, dass eine Assoziation zwischen dem Konzept „die Hand bewegen” und dem Bild der bewegten Hand entsteht. Es verlange den Nervenzellen nicht viel ab, mit der gleichen Aktivität auf die Handbewegung eines anderen Affen zu reagieren, meint Gopnik. „Der Affe benötigt lediglich die Fähigkeit, die Ähnlichkeit zwischen seinem eigenen Körper und dem anderer Affen zu erkennen”, stößt der Biologe Yehouda Harpaz aus dem britischen Cambridge ins gleiche Horn.
Für den größten Trugschluss der Spiegelzellen-Theoretiker hält Gopnik indes die naive Überzeugung, dass eine spezifische Kategorie von Zellen die Basis für eine spezifische Kategorie der Erfahrung bilden soll, sodass man etwa ohne „ Kantendetektor-Zellen” im visuellen System keine Kanten sehen könnte. Doch so einfach sind die Aufgaben im Gehirn nicht verteilt. Außerdem legt das Konzept der Spiegelneuronen die irrige Vorstellung nahe, dass einzelne Zellen eine eigenständige und autarke Form der Intelligenz besitzen, gibt Harpaz zu bedenken. De facto ist aber jedes Neuron in ein Geflecht von Hunderttausenden „Artgenossen” eingebettet. Um den Ablauf einer geistigen Funktion im Gehirn nachvollziehen zu können, muss das Erregungsmuster eines gigantischen Netzwerks verstanden werden, was noch weit außerhalb unserer Möglichkeiten liegt.
Das Problem wiegt umso schwerer, als wir heute wissen, dass viele psychische Funktionen in hohem Maße durch den Kontext und komplexe Außenfaktoren beeinflusst werden. Ein Mensch, der Zeuge fremden Leides wird, verfällt nicht mechanisch unter dem Einfluss seiner Spiegelzellen in den „Mitleidmodus”. Es hängt oft von subtilen Bewertungen ab, ob die Not des anderen auf uns überspringt, zum Beispiel davon, ob der seinen Kummer selbst verschuldet hat. Das ist eine Intelligenzleistung, die kein Spiegelneuron für sich alleine erbringen kann.
Grossmutterzellen? Ein Trugschluss
Mit ähnlichen Argumenten haben sich einige Wissenschaftler bereits gegen das Konzept der „Großmutterzellen” ausgesprochen: Demnach sollte es Nervenzellen geben, die auf den Anblick eines bekannten Menschen, zum Beispiel der eigenen Großmutter, reagieren und die Erkenntnis „Das ist Oma” verkörpern. Aber das Konzept der Großmutterzelle lässt sich nur schwer mit der unermesslichen Vielfalt der materiellen Welt vereinbaren. Denn für jeden Gegenstand und jede Person, die wir wahrnehmen, müsste es ein solches Neuron geben – wobei das Gehirn schnell an die Grenzen seiner Hardware-Ausstattung stoßen würde.
Tatsächlich sind auch einige Phänomene, die bereits auf das Wirken der Spiegelneuronen zurückgeführt wurden, gar nicht durch diesen Mechanismus zu erklären. Das Sprachverstehen ist ein hervorragendes Beispiel, betont Greg Hickok, Direktor des Zentrums für Kognitive Neurowissenschaften an der University of California in Irvine. Das Entschlüsseln einer sprachlichen Äußerung soll beim Hörer angeblich Spiegelzellen in der gleichen Region aktivieren, mit der er die Äußerung selbst produziert: im Broca-Zentrum im linken Stirnlappen. Eine Beschädigung des Sprachproduktionsapparates müsste somit auch die Fähigkeit, sprachliche Äußerungen zu verstehen, in Mitleidenschaft ziehen. Das ist aber nicht der Fall. Denn Menschen, die infolge einer Verletzung im Broca-Zentrum keine Sätze mehr bilden können, haben keinerlei Probleme mit dem Sprachverständnis.
Andere Wissenschaftler führen den Autismus, eine Form der Beziehungsarmut und des Einkapselns in eine eigene Welt, auf eine Störung des Spiegelneuronensystems zurück (siehe „Gut zu wissen: Autismus”, Seite 37). Doch eine Forschergruppe um die Neuropsychologin Antonia Hamilton vom Darthmouth College in den USA hat vor Kurzem bewiesen, dass autistische Kinder zielgerichtete Bewegungen genauso gut imitieren können wie gesunde Kinder, teils sogar besser. Ein weiteres Beispiel dafür, dass der Spiegelneuronen-Mythos in sich zusammenbricht, sobald man Experimente macht.
Dieser Mythos richte wohl keinen großen Schaden an, konzediert Alison Gopnik. Es sei vielleicht sogar vorteilhaft für die Wissenschaft, dass die Menschheit im 21. Jahrhundert ihre Mythen aus der Gehirnforschung bezieht und nicht aus dem Walten von Göttern und Dämonen. „Dennoch erwarten wir von der Wissenschaft und vom Wissenschaftsjournalismus, dass sie uns der Wahrheit näher bringen, während der Mythos der Spiegelneurone genau das Gegenteil erreicht.” ■
Rolf Degen ist Psychologe und wohnt in Bonn. Der regelmäßige bdw-Autor hat gerade das Buch „Das Ende des Bösen” veröffentlicht.
Rolf Degen
Ohne Titel
· Spiegelneuronen sind eine aufregende Entdeckung, aber in ihnen die Basis für Imitation, Altruismus, Sprache und Kultur zu sehen, ist übertrieben.
· Das Prinzip, einzelne Nervenzellen für komplexe Denkleistungen verantwortlich zu machen, ist zum Scheitern verurteilt.
Ohne Titel
Beim anblick von Mundbewegungen eines Menschen (oben) und eines Affen (Mitte) werden beim menschlichen Beobachter (rechts) motorische Zentren mit erregt, beim Betrachten eines bellenden Hundes (unten) nur Sehzentren.
Ohne Titel
Giacomo Rizzolatti (links) und seinem Forscherteam ist die Entdeckung der Spiegelneuronen zu verdanken. Der Neurologe Vilayanur S. Ramachandran (Mitte) schrieb ihnen als einer der ersten höchste Bedeutung für die Psychologie zu. Doch nun argumentiert die Entwicklungspsychologin Alison Gopnik (rechts), dass es von der spontanen Imitation zum Lernen am Modell ein weiter Weg sei. Kulturelle Leistungen könnten nicht das Werk einzelner Neuronen sein.





