Der Nachname beeinflusst die Partnerwahl, während bei der Entscheidung für Wohnort und Beruf der Vorname eine Rolle spielt. Glauben Sie nicht? US-Psychologen sind davon überzeugt.
„Was liegt an einem Namen? Was wir Rose nennen, duftete unter jedem andern Namen genauso süß”, schwört Julia verliebt. Sie entscheidet sich für Romeo, obwohl er den Namen einer Familie trägt, die mit ihrer eigenen verfeindet ist. Doch Namen sind keineswegs einerlei. Sie beeinflussen wichtige Entscheidungen – sogar die, wen man heiratet. Diesen unglaublichen Befund haben amerikanische Psychologen mit mehreren Studien belegt. Dabei haben sie keineswegs exotische Namen untersucht, die die Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe verraten, sondern ganz banale Namen.
Ein Name – und mit ihm sein Träger – kommt besonders gut an, wenn er dem eigenen gleicht. Herausgefunden haben das Wissenschaftler um John Jones von der United States Military Academy in West Point, der mittlerweile an der psychologischen Fakultät des Dixie State College of Utah arbeitet. Sie analysierten die Heiratsregister von drei amerikanischen Südstaaten aus dem 19. Jahrhundert. Dabei konzentrierten sie sich auf die fünf häufigsten Namen unter weißen Einwohnern: Smith, Johnson, Williams, Jones und Brown. Es zeigte sich Erstaunliches: Wenn ein Mister Smith eine Braut mit einem dieser fünf Namen freite, hieß sie in 47 Prozent der Fälle ebenfalls Smith. Männer mit einem der vier anderen Namen entschieden sich dagegen nur zu 19 Prozent für eine Miss Smith. Auch sie erwählten mehr als doppelt so oft eine Braut mit dem gleichen Namen, als der Zufall erwarten ließe.
Nun könnte dieses verblüffende Resultat banale Gründe haben: Vielleicht wurden ja bevorzugt Cousins oder andere Verwandte geheiratet. Oder die Beteiligten fanden es praktisch, einen Partner mit gleichem Nachnamen zu ehelichen.
Doch weitere Studien machen solche Erklärungen unwahrscheinlich. Das Team um Jones achtete dabei nicht auf die vollständigen Nachnamen, sondern nur auf die ersten Buchstaben. Heraus kam: Zwischen 1823 und 1965 heirateten in Liberty County im Bundesstaat Florida 3079 Paare. Hätten sie sich ohne Rücksicht auf ihren Namen gefunden, müssten – statistisch gesehen – 6,9 Prozent den gleichen Anfangsbuchstaben haben. Tatsächlich sind es aber 8,7 Prozent – etwa ein Fünftel mehr. Es ist kaum anzunehmen, dass Menschen bewusst einen Partner mit gleichem Anfangsbuchstaben suchen – wozu sollte das gut sein?
Kritiker solcher Studien haben vermutet, dass sich manche Anfangsbuchstaben in bestimmten Volksgruppen häufen und deren Angehörige bevorzugt untereinander heiraten. Sollten beispielsweise vor allem lateinamerikanische Namen mit G beginnen, bräuchte man sich nicht zu wundern, dass besonders viele Träger solcher Namen gemeinsam vor den Traualtar traten. Doch anders als heute, lebten in Florida seinerzeit kaum Exil-Kubaner oder andere ethnische Minderheiten.
Beim Heiraten spielt offenbar ein Mechanismus mit, von dem die Ehewilligen nichts ahnen. Jones und seine Kollegen nennen ihn „ implicit egotism” („unbewusste Ichbezogenheit”): Menschen, die eine hohe Meinung von sich haben, übertragen das auf den eigenen Namen und sogar auf dessen Buchstaben, vermutet Jones. Selbst die abstrakten Sprachsymbole werden als positiv empfunden.
Diese zunächst abstrus klingende Idee ist inzwischen gut belegt. Vor etwa 20 Jahren ließ der Psychologe Jozef Nuttin von der Katholischen Universität Leuven in Belgien Versuchspersonen angeben, wie sehr sie bestimmte Buchstaben mochten. Sie bevorzugten diejenigen, die in ihrem eigenen Namen vorkamen – besonders die Initialen. Diese seltsame Vorliebe wurde in über einem Dutzend Ländern nachgewiesen. Besonders teuer ist den Menschen der eigene Name offenbar, wenn ihr stolzes Selbstbild in Gefahr gerät. Sie kompensieren, indem sie die eigene Person aufwerten.
Es ist leicht, Menschen in diese Lage zu bringen: Man bittet sie vor dem eigentlichen Experiment, ihren größten Nachteil bei der Partnersuche zu Papier zu bringen. Nach dieser Einleitung bat die Jones-Gruppe männliche Studenten um ihre Meinung zu einer Frau ähnlichen Alters, die sich in einer angeblichen Internet-Kontaktanzeige präsentierte. In Wirklichkeit war die Webseite präpariert – die Frau mäßig hübsch, die Angaben zu ihrer Person nichtssagend. Entscheidend war ihr angeblicher Name: In jedem zweiten Fall war er dem Namen des Studenten angepasst. Ein Larry Murray etwa bekam eine „Stacey Mur” vorgeführt.
Er und andere Versuchspersonen mit diesen Initialen fanden Stacey deutlich attraktiver als die andere Hälfte der Probanden, bei der die Abkürzung des Nachnamens nicht mit den eigenen drei Anfangsbuchstaben übereinstimmte. Murray und Konsorten fanden die Kandidatin meist begehrenswert und sympathisch und wollten sie gerne kennenlernen.
Andere Studenten, denen die anfängliche Attacke auf ihr Ego erspart blieb, ließen sich vom Pseudonym der Fremden nicht beeindrucken. Doch im Gegensatz zum Laborversuch ist ein großes Selbstbewusstsein im normalen Liebesleben die Ausnahme, meinen die Forscher: „Viele Situationen, in denen Leute auf einen möglichen Partner treffen, sind ihrer Natur nach bedrohlich.” Wer geht schon völlig cool zur ersten Verabredung?
Namen entscheiden aber nicht nur über die Liebe des Leben mit. In einer Reihe von Untersuchungen fanden Jones & Co heraus: Sie beeinflussen auch die Wahl des Wohnorts. So heißen in Florida wesentlich mehr Frauen „Florence” als per Zufall zu erwarten wäre.
Das kann nicht daran liegen, dass Lokalpatrioten ihre Töchter staatstragend taufen. Denn das Phänomen tritt auch dann auf, wenn nur zugezogene Frauen berücksichtigt werden: Beim Nachzählen in mehreren US-Staaten waren die Besitzerinnen von passenden Vornamen um 18 Prozent überrepräsentiert. In Virginia und Georgia lebten sogar 36 Prozent mehr Virginias und Georgias.
Auch beim Beruf redet der Name ein entscheidendes Wörtchen mit. Amerikaner, deren Vorname mit „De” beginnt („Denis”, „Dena” ), werden deutlich häufiger Zahnarzt (dentist) als Rechtsanwalt (lawyer) – die hören dafür eher auf Namen mit „La” („Lawrence”, „ Laura”). Die Ähnlichkeiten sind 83 Prozent häufiger, als sie eigentlich sein dürften. In einer Studie mit Geologen begannen 177 Vornamen mit G, aber nur 128 mit T, obwohl „T”s in der Bevölkerung häufiger anzutreffen sind.
Selbst für Unternehmen hat die unbewusste Ichbezogenheit ihrer Kunden Folgen. Das fand der Marketingprofessor Miguel Brendl von der Business-School Insead im französischen Fontainebleau heraus. In seiner Studie bevorzugten Studenten Schokoriegel, deren Markenname mit dem gleichen Buchstaben wie ihr eigener Vorname begann. Eine Tonya mochte zum Beispiel Twix am liebsten. Bei der Bewertung stuften die Versuchspersonen solche Riegel im Vergleich mit 17 anderen im Schnitt anderthalb Plätze höher ein. Sollten sie sorgfältig über die Gründe ihrer Riegel-Vorliebe nachdenken, verschwand der Einfluss des Namens. Aber mal ehrlich: Kein Schoko-Fan steht lange grübelnd vor dem Süßwaren-Regal.
Jedenfalls lohnt es sich für Molkerei-Unternehmen durchaus, so zu heißen wie das halbe Land und Buttermilch, Pudding oder Zweikammer-Joghurts unter dem eigenen Namen zu vermarkten: „Alles Müller … oder was?” ■
?Jochen Paulus
Ohne Titel
Menschen mit demselben Nach- namen finden auffällig oft zueinander – das zeigt eine Statistik verheirateter Paare mit den fünf häufigsten amerikanischen Nachnamen. Tatsächlich ehelichte fast die Hälfte der Herren Smith eine Dame mit diesem Mädchennamen (47 Prozent). Psychologen erklären das durch eine „ unbewusste Ichbezogenheit”: Der eigene Name löst demnach angenehme Gefühle aus.





