Vier Zentimeter Spielraum hat der Mann für seinen Seelenfrieden. So viel darf ein erigierter Penis vom Durchschnittswert – hierzulande sind es 15,4 Zentimeter – abweichen, um noch als normal zu gelten. Nichts fürchten viele Männer mehr als den Vergleich nackter Tatsachen. „Etwa die Hälfte der Männer ist unzufrieden mit der eigenen Penislänge, obwohl sie der Norm entspricht”, sagt Frank Sommer, Professor an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit. Rund vier Dutzend Mannsbilder sitzen jede Woche in seiner Sprechstunde, um über ihre Sexualität zu sprechen, aber auch über Abgeschlagenheit, Vorsorge und dicke Bäuche. Sommer hat den ganzen Mann im Blick. Er ist der einzige Arzt weltweit, der sich als Universitätsprofessor um das Wohl und Wehe des Mannes kümmert.
„MÄNNERGESUNDHEIT”: EIN FREMDWORT
Dabei ist Sommers Sonderstellung symptomatisch: Während Frauen im Gesundheitswesen längst als eigene Zielgruppe gelten, spielt das starke Geschlecht dort kaum eine Rolle. Zwar werden Medikamentenstudien meist mit Männern durchgeführt – nicht zuletzt wegen des schwankenden Hormonlevels von Frauen während des Zyklus –, davon abgesehen hat die Medizin die Männer aber selten im Blick. Für die Erforschung von Prostatakrebs wird in Deutschland ein Zehntel von dem ausgegeben, was die Erforschung von Brustkrebs kostet. In medizinischen Bibliotheken stößt man auf das Stichwort „Männergesundheit” wesentlich seltener als auf „ Frauengesundheit” – obwohl 80 Prozent der Forscher Männer sind. „ Sie wollen nicht in den Spiegel schauen, nicht ihre Schwachstellen sehen”, sagt Sommer. Um mehr über die Hintergründe zu erfahren, haben die Stiftung Männergesundheit und die Deutsche Gesellschaft für Mann und Gesundheit im vergangenen Jahr einen Männergesundheitsbericht herausgegeben – den ersten in Deutschland. Er verrät, wie es bestellt ist um den deutschen Mann, wie gut er versorgt wird und was er selbst für seine Gesundheit tut.
Schnell wird klar, warum der Mann an Missachtung krankt: Er behandelt sich selbst stiefmütterlich. „Für den Mann ist der Körper ein Mittel zum Zweck”, sagt Sommer. „Frauen leben in ihrem Körper, Männer benutzen ihn.” Mann bestellt lieber Schnitzel als Salat, wartet bereitwilliger in der Autowerkstatt als beim Arzt, geht öfter ins Fußballstadion als zur Vorsorgeuntersuchung. Nur jeder Fünfte kümmert sich um Prävention, bei den Frauen ist es fast die Hälfte.
Dabei hat der Mann die Vorsorge nicht minder nötig. Äußerlich hat er zwar eine Rossnatur: Seine Haut ist um ein Viertel dicker als die der Frau, seine Körpermasse besteht zu 15 Prozent mehr aus Muskeln. Genetisch gesehen aber hinkt der Mann der Frau hinterher. Seinem Y-Chromosom fehlt ein Beinchen. Während bei den beiden X-Chromosomen der Frau alle genetischen Informationen doppelt vorhanden sind, mangelt es beim männlichen XY-Paar an der Sicherheitskopie. „Wenn bei einem Mann das X-Chromosom gestört ist, kann das Y-Chromosom unter Umständen nicht einspringen”, sagt Sommer. Nicht nur das genetische Erbe, auch das kulturelle Erbe setzt den Männern zu. „Hartnäckig hält sich bei vielen das Vermächtnis aus der Frühzeit, sich als Jäger am besten mit Handzeichen verständigen zu können”, schmunzelt Sommer. Probleme werden totgeschwiegen. Allein der Besuch beim Arzt gilt bei vielen als Eingeständnis von Schwäche. Aus Angst vor einer unangenehmen Diagnose ignorieren viele Männer die Warnsignale ihres Körpers, mit 40 Jahren nicht weniger als mit 80 Jahren, wie unter anderem die internationale Studie „Global Study of Sexual Attitudes and Behaviours” zeigte. Dabei sind Männer, die offen über ihre Schwächen und Probleme sprechen, nachweislich glücklicher und leben länger, wie Sommer betont.
DIE QUITTUNG: BLAULICHT UND SIRENE
Die Folgen der männlichen Vogel-Strauß-Taktik in Zahlen: Im Rettungswagen liegen bei zwei von drei Fahrten Männer. Einmal im Krankenhaus, verbleiben Männer im Schnitt dort 15 Prozent länger als Frauen. In Kliniken für chronisch Kranke trifft man sie doppelt so oft. Außerdem haben Männer ein um 33 Prozent höheres Risiko, an Fettleibigkeit zu erkranken, bei Diabetes sind es fast 50 Prozent. Und: Zwischen 40 und 50 Jahren kriegen sie fünf Mal so häufig einen Herzinfarkt wie gleich alte Frauen.
77,3 Jahre wird der 2009 geborene deutsche Mann laut Statistischem Bundesamt im Durchschnitt alt. Frauen leben im Mittel 5,2 Jahre länger. Genetisch erklärbar ist von dieser Zeitspanne nur etwa ein Jahr. Der Rest geht auf das Konto von ungesunder Ernährung, Fettleibigkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bewegungsmangel, Rauchen, riskanten Hobbys und Stress. Mit der Industrialisierung – als Arbeitsunfälle und Schichtarbeit häufiger wurden, als die Konkurrenz zunahm, als die Großfamilie zur Kleinfamilie wurde und der Mann immer mehr unter Druck geriet – begann sich die Altersschere zwischen den Männern und den Frauen zu öffnen. Vorher wurden beide Geschlechter etwa gleich alt.
Heute klagt in Sommers Sprechstunde rund ein Viertel der Männer über Abgeschlagenheit. Seit 2000 ist in Deutschland die Zahl der Fehltage am Arbeitsplatz bei Männern aufgrund psychischer Erkrankungen um 20 Prozent gestiegen. Der Mitherausgeber des Männergesundheitsberichts Matthias Stiehler nimmt an, dass Männer ebenso häufig wie Frauen an Depressionen leiden. Erkannt werden sie bei ihnen jedoch kaum: Als die Deutsche Gesellschaft für Mann und Gesundheit männliche und weibliche Schauspieler in Arztpraxen über dieselben depressiven Symptome klagen ließ, wurde die Diagnose Depression bei Frauen dreimal häufiger gestellt als bei Männern. Sowohl Ärztinnen als auch Ärzte sehen Depression vor allem als Frauenproblem.
DREIFACHES DEPRESSIONSRISIKO
Die Dunkelziffer der depressiven Männer versinkt in Alkohol, Drogen und Gewalttätigkeit. Drei Viertel aller Selbstmorde werden von Männern verübt – meist aus einer Depression heraus. Depressionen erschüttern die Männer auch in ihrer Männlichkeit. 90 Prozent der stark depressiven Männer leiden unter Erektionsstörungen. Umgekehrt steigt das Risiko einer Depression auf das Dreifache, wenn es hapert mit der Potenz. Das ist das Ergebnis einer Umfrage unter 4500 Männern in Köln.
Etwa zwei Drittel aller Männer haben im Laufe ihres Lebens mitunter Schwierigkeiten, eine Erektion zu haben oder zu halten. Anders als viele Säugetiere, darunter die nahe Affenverwandtschaft, hat der Mann keinen Penisknochen als Versteifungshilfe. Stattdessen muss ein ausgeklügeltes Pumpen- und Ventilsystem für die Standfestigkeit sorgen. Die Erektion beginnt, wenn ein erotischer Reiz den Parasympathikus anregt, einen Teil des Nervensystems, der sich nicht willentlich steuern lässt. Der Parasympathikus schickt Signale über das Rückenmark in die Nerven der glatten Muskeln, die am Penis ansetzen. Sie sind angespannt und straffen die Adern des Penis, sodass nur wenig Blut in seine Schwellkörper gelangt.
Durch das Liebeskommando aus dem Gehirn wird in der Muskulatur ein Enzym aktiv, das Kalzium-Ionen aus den Zellen treibt und die Muskeln erschlaffen lässt. Erst ein schlaffer Penis kann steif werden. 40 Mal so viel Blut wie sonst wird durch die geöffneten Adern in seine Schwellkörper gepumpt. Der Blutschwall drückt kleine Venen im Penis ab, sodass dem Blut der Rückweg versperrt ist. Zudem hilft die Beckenbodenmuskulatur, den Blutstau so lange wie nötig zu halten. Stress und Ängste, aber auch Erkrankungen wie Diabetes, Arteriosklerose, Bluthochdruck, Übergewicht und Alkoholabhängigkeit können das komplexe Zusammenspiel von Nervenreizen, Botenstoffen, Blutzirkulation und Muskeln durcheinanderbringen. Sind Nerven und Arterien beschädigt, gelangt nicht mehr genügend Blut in den Penis. Die Erektion bleibt aus. Solche Erektionsstörungen können eine Belastung sein – aber auch eine wichtige Warnung. Im Penis befinden sich die feinsten Gefäße des Körpers. Wenn sich Kalk und Fett ablagern, gehen die Gefäße im Penis als Erste zu. „Etwa vier bis acht Jahre nach den ersten Erektionsstörungen tritt häufig ein Herzinfarkt oder Schlaganfall auf”, sagt Sommer, der den Penis deshalb gern „ die Wünschelrute des Herzens” nennt.
Der Zusammenhang der Durchblutung von Herz und Penis wurde bei der Entwicklung von Viagra offensichtlich. Viagra war ursprünglich als Medikament gegen Durchblutungsstörungen im Herzen gedacht. Als die männlichen Probanden die blaue Pille nach dem Ende der Testphase nicht mehr missen wollten, erfuhren die Forscher von deren Nebeneffekt. Das Erektionsmittel schlechthin war geboren.
FITNESS FÜR DIE POTENZMUSKELN
Sommer verordnet den Männern für die Potenz am liebsten Sport. Ein von ihm entwickeltes Programm regt die Durchblutung des Penis an, versorgt ihn mit Sauerstoff und stärkt die Muskeln hinter dem Hodensack. Sommer nennt ein Beispiel: „Die Potenzmuskeln – also jene Muskeln zwischen Hodensack und Enddarm – zehn Mal ein bis zwei Sekunden lang anspannen und dann 20 Sekunden lang entspannen. Die Anspannungsdauer nach und nach auf bis zu acht Sekunden verlängern.” Der Körper selbst trainiert den Penis im Schlaf. Alle ein bis anderthalb Stunden pumpt er Blut hinein. Diese nächtlichen Erektionen sind nicht Bereitschaftsdienst für den Ernstfall, sondern garantieren eine kontinuierliche Sauerstoffversorgung. Ohne genügend Sauerstoff gehen glatte Muskelzellen am Penis verloren. An ihrer Stelle wird Kollagen eingebaut. Wie Steinchen in einem Kaugummi schränkt dieses Bindegewebe die Elastizität des Penis ein. Die Folge: Bei einer Erektion kann er sich nicht mehr so steil aufrichten – von 75 Grad in der Jugend auf unter 45 Grad im Alter ab 60. Außerdem wird er kürzer – ein bis zwei Zentimeter büßt er zwischen dem 20. und dem 45. Lebensjahr ein.
Im Alter drosselt die Natur den Trieb. „Das ist ein ganz normaler Vorgang, der oft unterschätzt wird”, sagt Sommer. Die nächtlichen Erektionen werden kürzer und seltener, der Testosteronspiegel sinkt. Das „männliche Königshormon”, wie der Hamburger Forscher es nennt, ist unter anderem für die sexuelle Lust zuständig. Bereits mit 35 Jahren hat der Mann den Hormonzenit überschritten. Im Hoden wird immer weniger Testosteron produziert, bis sich – um die 50 – die ersten Symptome zeigen: nächtliches Schwitzen, schnellere Müdigkeit, weniger Lust auf Sex.
Mehr Kopfzerbrechen als Erektionsstörungen bereitet Sommer der vorzeitige Samenerguss – ein Phänomen, das kaum untersucht und verstanden ist. 20 Prozent der Männer sind betroffen: Schon vor dem Eindringen in die Scheide oder nach spätestens ein bis zwei Minuten ist es vorbei mit dem Liebesspiel. Anders als Erektionsstörungen tritt der vorzeitige Samenerguss nicht mit zunehmendem Alter häufiger auf. Umgekehrt hat er auch nicht nur mit aufgeregter Jugendlichkeit zu tun.
AUCH GOETHE HATTE DAS PROBLEM
Sehr sensible Nerven in der Eichel, die den Grad der Erregung messen und ihn an das Ejakulationszentrum im unteren Rückenmark senden, könnten ein Grund sein, eine schwache Beckenbodenmuskulatur ein anderer, mutmaßt Sommer. „ Möglicherweise haben die Betroffenen auch einen Mangel an Serotonin. Es befindet sich im Spalt zwischen zwei Nerven, die eine Synapse bilden, und verhindert normalerweise, dass der Samenerguss ausgelöst wird.” Ein prominenter Fall war Johann Wolfgang von Goethe: Ihm soll erst als End-Dreißiger das eine oder andere Stelldichein gelungen sein.
Ein Problem mit der Penislänge lässt sich in der Regel leichter lösen als Probleme durch vorzeitigen Samenerguss oder Erektionsstörungen. Mediziner sprechen erst unterhalb einer Penislänge von 7,5 Zentimetern von einem Mikropenis. Ist das Glied tatsächlich zu klein, können eine Hormontherapie oder eine Operation helfen. Sommer forscht daran, den Penis durch körpereigenes Material zu vergrößern. In den USA hatten ähnliche Versuche mit implantierten Schwellkörpern aus Eigengewebe bereits Erfolg. Die Nutznießer waren allerdings nicht Männer, sondern impotente Rammler. Kaninchen, um genau zu sein. ■
BETTINA GARTNER, ehemalige bdw-Redakteurin, hätte nicht gedacht, dass Männer – genetisch gesehen – das schwache Geschlecht sind.
Alter und Potenz
Zwischen 1987 und 2004 wurden bei der „Massachusetts Male Aging Study” 1265 amerikanische Männer zu ihrer Sexualität befragt. Über die Hälfte der Männer zwischen 40 und 70 Jahren gab an, unter Erektionsstörungen zu leiden.
Mit dem Alter werden Erektionsstörungen häufiger. Laut einer Umfrage unter rund 4500 Männern in Köln hat jeder dritte Mann zwischen 40 und 50 Jahren leichte bis mäßige Potenzstörungen. Rund fünf Prozent der Männer sind völlig impotent. Im nächsten Lebensjahrzehnt – zwischen 50 und 60 – hat sich der Anteil der Männer mit schweren Erektionsstörungen und Impotenz verdoppelt. Bei den 60- bis 70-Jährigen leiden drei von fünf Männern an leichten bis mittelschweren Erektionsstörungen. 15 Prozent aus dieser Altersgruppe haben ihre Erektionsfähigkeit eingebüßt. Ab 70 hat nur noch einer von vier Männern Erektionen.
Ohne Titel
Anteil psychischer Schäden in Prozent
Männer trinken, Frauen haben Angst
Männer und Frauen sind unterschiedlich gefährdet, an einer psychischen Störung zu erkranken. Während bei Frauen eher Angststörungen, affektive Störungen wie Depressionen, psychosomatische und Schmerzprobleme diagnostiziert werden, sind unter Männern Störungen durch den Missbrauch von Alkohol und illegalen Drogen häufiger. Die Tabelle zeigt den Anteil von Männern beziehungsweise Frauen, die laut einer repräsentativen gesamtdeutschen Studie innerhalb eines Jahres eine Störung entwickelten. Allerdings: Nach neuen Untersuchungen erkennt ein Arzt oft nicht, wenn ein männlicher Patient depressiv ist. Hinter manchem Alkoholmissbrauch steckt aber eine Depression.
Frank Sommer
Mit Dr. Sommer aus der „Bravo” ist er nicht verwandt und nicht verschwägert. Doch ähnlich wie sein Namensvetter klärt auch Frank Sommer auf in Sachen Sex, Gesundheit und Prävention. Die ungewöhnliche Kombination aus Urologie und Sportmedizin hat den gebürtigen Aachener zum weltweit ersten Professor für Männergesundheit gemacht. Über Universitäten und Kliniken in Köln, London, Münsterlingen am Bodensee und Düsseldorf kam er 2005 nach Hamburg auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Männergesundheit. Mehrfach preisgekrönt ist seine ganzheitliche Sicht auf den Mann. Mit Neurologen und Kardiologen entwickelt er derzeit ein Präventionsprogramm für den alternden Mann. Mit 44 Jahren gehört er – wissenschaftlich gesehen – seit 4 Jahren selbst schon dazu. Sommer nimmt es gelassen: „Man kann dem Leben Tage hinzufügen”, sagt er, „und den Tagen Leben.” Und das ist seine Vision.
LESEN
Der Männergesundheitsbericht kann für 29,90 Euro (zzgl. 3,95 Euro Versandkosten) online bestellt werden unter: www.maennergesundheitsbericht.de
INTERNET
Homepage des Instituts für Männergesundheit: www.maennergesundheit.info
Übungen für eine bessere Potenz von Prof. Frank Sommer: www.maennergesundheit.info/pdf/ Intervalltraining.pdf
www.maennergesundheit.info/pdf/ IC-Training.pdf
Ohne Titel
· Die Universität Hamburg hat einen Lehrstuhl speziell für Männergesundheit eingerichtet.
· Bei Männern werden Depressionen oft nicht erkannt.
· Erektionsstörungen sind ein Frühwarnsignal für einen Herzinfarkt.





