Tote und Verletzte bei Massenpanik in Indien” titelte „Spiegel online”, „Zahlreiche Tote bei Massenpanik auf der Loveparade” schrieb „Die Welt”: Medien berichten bei Katastrophen immer wieder über Menschen, die sich hilflos, irrational und rücksichtslos verhalten hätten – und so die Situation eskalieren ließen.
Aktuelle Forschungsergebnisse belegen jedoch das Gegenteil: Die meisten Menschen reagieren in Notfällen überlegt, diszipliniert und der Gefahr angemessen – bei einem Feuer während einer Massenveranstaltung genauso wie bei einem Attentat in der U-Bahn. Sie unterstützen sich gegenseitig und helfen, wo irgend möglich. „Natürlich sind Menschen in solchen Situationen verängstigt und hektischer als sonst, Einzelne geraten vielleicht in Panik”, sagt Dirk Helbing, Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie an der ETH Zürich. „Dadurch kann es zu einem Durcheinander kommen. Aber eine Massenpanik ist die Ausnahme.”
Nicht nur Laien, auch viele Sicherheitskräfte und professionelle Helfer haben bei Massenveranstaltungen falsche Vorstellungen davon, wie Menschen in Katastrophensituationen reagieren. Nach einer aktuellen Studie des Sozialpsychologen John Drury von der britischen University of Sussex nahm ein Großteil der Befragten aus beiden Gruppen an, dass es zwangsläufig zu Massenpanik, kopflosem Verhalten und Krawallen kommt.
„Genau wegen solcher ‚Katastrophen-Mythen‘ wird möglicherweise in einer Weise reagiert, die die Situation verschärft”, betont Drury. Den Beteiligten werden oft Informationen vorenthalten, sie bekommen strikte, autoritäre Anweisungen und werden daran gehindert, sich helfend zu beteiligen. Das kann dazu führen, dass sie sich den Anweisungen widersetzen oder sich hilflos und handlungsunfähig fühlen, meint Drury.
Dabei lässt sich eine Eskalation der Situation relativ leicht verhindern. Wichtig ist vor allem, Vertrauen aufzubauen und eine offene, aufrichtige Kommunikation zu führen. Drurys Doktorandin Holly Carter untersuchte in einem Test, wie sich ausführliche Informationen auswirken, wenn es angeblich zu einer Verseuchung mit Radioaktivität gekommen ist. Wussten die Probanden Bescheid, warum die Dekontamination notwendig war, was dabei geschah und welche Risiken bestanden, waren sie eher bereit, sich der Prozedur zu unterziehen. „Die Menschen fühlten sich ernst genommen und hatten Vertrauen”, meint Drury.
So geht die Evakuierung schneller
Außerdem sind genaue Informationen nötig, um sinnvoll reagieren zu können. „In Notsituationen sind Menschen nicht so sehr durch Panik in Gefahr, sondern eher, weil sie zu langsam oder falsch reagieren”, sagt Drury. Eine Untersuchung des britischen Psychologen Jonathan Sime und seiner kanadischen Kollegin Guylène Proulx 1991 hatte ergeben, dass die Evakuierung einer U-Bahn-Station deutlich schneller vonstatten geht, wenn die Passanten über Lautsprecher erfahren, dass in einem bestimmten Bereich ein Feuer ausgebrochen ist und dass sie sich zum nächsten Ausgang begeben sollen. Wenn man ihnen nur mitteilt, dass sie die Station unverzüglich zu verlassen haben, geht es langsamer. Der Aufruf „Keine Panik!” ist laut Drury bei einem Notfall generell wenig hilfreich. Er kann sogar das Gegenteil bewirken – weil er den Beteiligten das Gefühl vermittelt, dass Grund zur Panik bestehen könnte.
Nicht ernst genommen oder sogar ohnmächtig fühlen sich Menschen, die in einer Katastrophensituation Hilfe leisten wollen, aber daran gehindert werden – zum Beispiel durch Absperrungen. „Stattdessen sollten die professionellen Kräfte das Bedürfnis zu helfen anerkennen und versuchen, damit zu arbeiten”, sagt Drury. Sinnvoll sind konkrete Anweisungen, wo und wie der Einzelne helfen kann.
Um eine Katastrophe von vornherein zu verhindern, sollten die Organisatoren und das Personal bei Großveranstaltungen frühzeitig Vertrauen zu den Menschen aufbauen – zum Beispiel, indem sie sich offen für die Interessen der Menschen zeigen und so ein „Wir” -Gefühl erzeugen.
Auch bei der Loveparade in Duisburg war häufig von einer „ Massenpanik” die Rede. Detaillierte Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass es vor allem die große Menschendichte und die ungünstige Lage der Ausgänge waren, was zur Katastrophe führte. Durch das große Gedränge entstand ein mechanisches Problem, erklärt der Soziologe Dirk Helbing. Körperkontakt war unvermeidbar. Es war sehr eng, und viele Menschen drängten in dieselbe Richtung. Dadurch bekamen einige keine Luft mehr, manche stolperten und andere fielen über sie.
Gute Organisation und Kommunikation vor und bei Veranstaltungen können ein Massenunglück verhindern – „wenn man zum Beispiel große Menschenströme gezielt in weniger gefüllte Bereiche lenkt”, meint Helbing. Und falls die Menschen bei großer Enge nervös werden, können Lautsprecherdurchsagen helfen, sie zu beruhigen. •
von Christine Amrhein
INTERNET
John Drury gibt auf seinem Blog „The crowd” Hintergrundinformationen zu Katastrophen: drury-sussex-the-crowd.blogspot.com
Der britische Sozialpsychologe Chris Cocking klärt auf seinem Blog „Don’t panic! Correcting myths about the crowd” über Massen-Mythen auf: dontpaniccorrectingmythsaboutthecrowd. blogspot.com
Forschung zur Dynamik von Fußgängerströmen in Menschenmengen an der Universität Wuppertal: www.asim.uni-wuppertal.de
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Keine Panik! Beitrag in bild der wissenschaft 10/2013 ab S. 88





