Sherlock Holmes hätte seine helle Freude gehabt: Was für ein Fall. Der Tote ist blutjung, noch keine 20, aber der prominenteste Mann im Staate Ägypten: der Pharao Tutanchamun höchstpersönlich. Er hat einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen, der – vielleicht – die Todesursache war. Der Palast-Klüngel schweigt wie ein Grab. Nur eine hält nicht still: Anchesenamun, die Witwe des Pharao. Sie schreibt an den König der Hethiter, der benachbarten – und verfeindeten – Großmacht Nummer zwei jener Epoche. Die junge Frau fleht mit Worten, die noch nach mehr als drei Jahrtausenden zu Herzen gehen, der Hethiter-Herrscher möge ihr einen seiner Söhne zum Mann geben: Ihr Mann sei tot, am ägyptischen Hof wolle man sie jetzt neu verheiraten – sie habe Angst. Nach einigem Hin und Her wird tatsächlich ein hethitischer Prinz als Freier nach Ägypten geschickt. Doch er kommt niemals an. Noch bevor er die Grenze des Nillandes überschritten hat, wird er – trotz bewaffneter Eskorte – überfallen und ermordet. Niemand anders als ein hochrangiger ägyptischer Befehlshaber kann diese Operation angeordnet haben. Anchesenamun wird die Frau des Wesirs, des Reichskanzlers unter dem verstorbenen Tutanchamun. Kurz danach verschwindet sie spurlos. Bob Brier trägt keine karierte Schirmmütze wie Sherlock Holmes, und zumindest auf dem Buchumschlag ist er ohne Pfeife abgebildet. Eine Lupe braucht allerdings auch er bei seiner täglichen Arbeit. Denn der Ägyptologe und Professor für Paläopathologie an der Long Island University in New York ist Fachmann für Mumien. Er untersucht sie und zieht Rückschlüsse auf ihr Leben, beispielsweise auf Ernährung und Krankheitsspuren. Und auf ihren Tod. Der Wissenschaftler Brier hat etwas riskiert, was ihm unter seinen Kollegen nicht nur Freunde macht. Er hat einen Wissenschaftskrimi geschrieben, in dem er die Rolle des gerichtsmedizinischen Gutachters spielt – und die des Chefinspektors. Daß Tutanchamuns Hinterkopf die Spuren eines Schlages trägt, entdeckten Liverpooler Forscher schon 1968 bei Röntgenaufnahmen der Mumie. Sie könnten allerdings auch beim Mumifizieren der königlichen Leiche entstanden sein. Doch Brier witterte mehr an der Sache. Ein Fleck, eine Gewebeverdichtung an der Schädelbasis, nahm seine Aufmerksamkeit gefangen und beflügelte seine kombinatorische Phantasie. Das 1998 in den USA erschienene Buch, das nun in deutscher Übersetzung vorliegt, ist ein spannender Blick zurück ins Pharaonenreich – Sachbuch und Krimi in einem. Unübersehbar ist Bob Briers Mitgefühl mit einem jungen Paar, das den Ränkespielen am ägyptischen Hofe nicht gewachsen war – wenn er die Indizien richtig deutet. Ein Mordsbuch, dem der Rezensent viele Leser wünscht. Thorwald Ewe, bdw-Redakteur für Technik und Umwelt/Chemie, erliegt gelegentlich einem privaten Laster: der Neigung zu Geschichte und Anthropologie.
Bob Brier DER MORDFALL TUTANCHAMUN Piper Verlag München 2000 351 S., DM 39,80
Thorwald Ewe / Bob Brier




