bild der wissenschaft: Sie gelten als der „ Indiana Jones” der Archäologen. Fühlen Sie sich auch so, Professor Hansen?
Hansen: Indiana Jones springt aus abstürzenden Flugzeugen, ich würde wohl sitzen bleiben. Trotzdem ist mein Leben deutlich aufregender als seins. Jeder Tag bringt ein neues Tier, eine neue Pflanze oder einen neuen archäologischen Fund. Damit wird jeder Tag zum Abenteuer.
bdw: Wie war es für Sie, als Sie letztes Jahr den spektakulären Fries entdeckten?
Hansen: Das war so, als würde man die Mona Lisa in einem Abwasserkanal finden! Wir haben in einem Gebäude in der antiken Stadt El Mirador untersucht, wie die Maya früher Wasser gesammelt haben. Dabei stießen wir auf zwei Wasserreservoire, die durch einem schmalen Gang verbunden sind. Als wir genauer untersuchen wollten, mit welchem Mechanismus die Verbindung der beiden Becken funktionierte, entdeckten wir plötzlich den Fries an den Wänden.
bdw: Welche Bedeutung hat der Fund?
Hansen: Er stammt aus der Zeit um 250 v.Chr. und zeigt die bisher älteste bekannte Darstellung einer Szene aus der Entstehungsgeschichte der Maya. Wir sehen darauf zwei Darsteller aus dem Popol Vuh. Dies ist ein alter Text aus dem 17. Jahrhundert, der im guatemaltekischen Hochland in Chichicastenango gefunden wurde. In Fachkreisen wird allerdings gezweifelt, ob das Schriftstück echt ist, denn es ist auf Spanisch geschrieben. In diesem Mythos gibt es Zwillingsbrüder, die in die Unterwelt gehen, um die Ehre ihres Vaters wieder herzustellen. Was wir auf dem Fries sehen können, ist genau diese Szene: Die Brüder holen den Kopf ihres Vaters zurück aus der Unterwelt.
bdw: Warum hat der damalige Herrscher den Fries anfertigen lassen?
Hansen: Er wollte einen Teil des Popol Vuh erhalten. Der Popol Vuh war damals eine Art Gebrauchsanweisung für Maya-Könige. Er erzählt zum Beispiel, wie die heroischen Zwillinge zu Katzenfischen werden. Das war ein Trick, um die bösen Götter zu besiegen. Auch diesen Teil der Geschichte finden wir auf dem Fries.
bdw: War es schwierig, den Fries zu bergen?
Hansen: Ja, denn er ist neun Meter lang. Ihn auszugraben hat bislang drei Monate gedauert, und wir sind noch nicht fertig. Er ist Teil eines circa 50 Meter langen Fundes. Zurzeit ist das Fundstück noch nicht stabilisiert. Wir wollten das bereits letztes Jahr tun, doch dann ging uns das Geld aus.
bdw: Wie stabilisiert man ein so altes Artefakt?
Hansen: Indem man es vorsichtig von Wurzeln befreit und entstandene Risse oder Löcher mit Gips füllt. In der Regel baut man auch ein Dach aus PVC, das zwar Licht hineinlässt, aber keine UV-Strahlung, und das vor den starken Regenfällen schützt.
bdw: Mit welchen Methoden arbeiten Sie?
Hansen: Um in die Gebäude hineinzusehen, verwenden wir Radarsysteme. Außerdem kommen Laserscanner, DNA-Analysen und Pollenanalysen zum Einsatz. Wir arbeiten zudem mit komplizierten Bohrtechniken, um Proben tief aus den Böden von ehemaligen Süßwasserseen zu gewinnen. Die lagen im westlichen Teil des Mirador Basins. Unsere Geräte funktionieren jedoch aufgrund des Tropenklimas nicht immer optimal.
bdw: Wie muss man sich das Leben im Mirador Basin vorstellen?
Hansen: Wir sind eine kleine Insel Menschheit in einem grünen Ozean. Die nächste Siedlung liegt eine Drei-Tages-Wanderung entfernt, und wir erreichen unsere Camps nur mit Mauleseln oder per Hubschrauber. Dies zwingt uns, sehr effizient zu sein, was Elektrizität, Wasser und Nahrungsmittel angeht. Doch immerhin können wir über Satellit ins Internet.
bdw: Was ist für Sie die größte Herausforderung im Dschungel?
Hansen: Die Koordinierung all unserer Aktivitäten. Wir haben vier Camps auf einem Gesamtgebiet von 4000 Quadratkilometern, darunter drei Camps in der Stadt El Mirador. Ich manage 340 Arbeiter und circa 50 Spezialisten. Gut 52 Universitäten sind an unserem Projekt beteiligt. Doch zurzeit ist die größte Herausforderung, unsere Arbeit finanziell am Laufen zu halten.
bdw: Sind Flora und Fauna nicht etwas unwirtlich?
Hansen: Es gibt Schlangen und Krokodile und außerdem die weltweit größte Population von Jaguaren. Aber das ist für uns keine Bedrohung. Im Gegenteil: Flora und Fauna sind bedroht.
bdw: Warum ist das Mirador Basin in Gefahr?
Hansen: Um das Mirador Basin herum wird der Regenwald brandgerodet. Denn Rauschgifthändler kaufen große Rinderherden, um ihr Drogengeld zu waschen. Der Urwald wird zu riesigen Weideflächen für das Vieh, das dann auf den Fleischmarkt kommt. Wir kämpfen zurzeit für den Erhalt unseres Gebiets und wollen verhindern, dass die Regierung von Guatemala Abholzungslizenzen für El Mirador vergibt.
bdw: Wie wollen Sie das erreichen?
Hansen: Indem wir die Regierung von Guatemala davon überzeugen, dass das nicht umweltverträglich ist. Außerdem entstünden durch die Abholzung Straßen, was Wilderer, Plünderer, Drogenschmuggler und Menschenhändler in das Gebiet brächte. Alle kämen sie durch das Mirador Basin, weil sie in Richtung Norden wollen, in die USA.
bdw: Was wäre Ihrer Meinung nach der Ausweg aus der Misere?
Hansen: Das Mirador Basin muss ein straßenloses Wildreservoir werden und für Touristen zugänglich sein. Dies könnte man etwa mit einer Miniatur-Eisenbahn erreichen, die den Dschungel kaum beeinträchtigt. Es gibt dort 26 Städte, die sich miteinander verbinden ließen. In den umliegenden Dörfern könnten Touristen Ausrüstung und Essen kaufen und damit die Einheimischen unterstützen.
bdw: Gibt es schon konkrete Pläne?
Hansen: Nein, aber es gibt Bemühungen, dies zu einer Public Private Partnership zu machen. Die Kosten dafür belaufen sich auf acht Millionen Dollar und wir haben bereits Interessenten. Die brauchen jedoch die Sicherheit, dass das Mirador Basin nicht schon morgen eine Kuhweide ist. Sie warten auf eine rechtmäßig anerkannte Grenze für einen Nationalpark durch die Regierung. Außerdem müssen Sicherheitszäune darum errichtet werden.
bdw: Ihre Ausgrabungsstätten werden oft geplündert und Sie haben bereits Morddrohungen erhalten. Wie schützen Sie sich und das Gelände?
Hansen: Wir haben seit Beginn unserer Arbeit immer Leute angeheuert, die über das Gelände patrouillieren. Viele ehemalige Plünderer sind heute unsere Wachmänner. An sich ist es den Einheimischen egal, ob die Ausgrabungsstätten bedroht sind. Sie sorgen sich um ihre hungernden Kinder. Daher brauchen wir dringend ein Wirtschaftsmodell, das den Menschen ein sicheres Einkommen bringt.
bdw: Ist das der Grund, warum Sie Ihren Arbeitern Lesen und Schreiben beibringen?
Hansen: Richtig. Sie sollen auch den Umgang mit Geld lernen. Wir zahlen ihnen das Dreifache des üblichen Handwerkerlohns, damit sie verstehen, wie wichtig der Erhalt des Gebiets ist. Ich finde es schrecklich, wenn manche das Geld dann innerhalb von wenigen Tagen für Prostituierte und Alkohol verprassen. Ich möchte, dass sie unser Projekt als verantwortungsvollere Menschen verlassen.
bdw: Sie bezeichnen das Mirador Basin als die Wiege der Maya- Zivilisation. Warum?
Hansen: Weil hier alles anfing. Hier entstanden die ersten Maya-Städte in Zentralamerika, die zugleich die ältesten Städte in der westlichen Hemisphäre sind. Das älteste Gebäude stammt aus dem Jahr 1000 v.Chr. Es war die erste Gesellschaft auf dem Kontinent, die eine Art Staatssystem hatte. El Mirador hat außerdem das weltweit erste „Autobahnnetz” – ein ausgeklügeltes Straßensystem – und die größten Pyramiden.
bdw: Woher wissen Sie, dass El Mirador die größte Maya-Stadt ist?
Hansen: Dort gibt es die meisten Gebäude. Sie sind auf einer Fläche von fast 40 Quadratkilometern verteilt. Das ist größer als die Innenstadt von Los Angeles, und vermutlich lebten dort viele Hunderttausende Menschen. Das haben wir anhand von Arbeitsstunden ausgerechnet. Wir haben große Quader und die Steinwerkzeuge dazu gefunden und diese nachgebaut. Man braucht zum Beispiel 15 Millionen Tage, um die Pyramide La Danta zu bauen. Hierzu müsste ein einzelner Arbeiter 45 000 Jahre arbeiten.
bdw: Was kostet Ihre Forschung?
Hansen: Zurzeit erhalte ich unsere Forschung mit 2,7 Millionen Dollar pro Jahr aufrecht. Wäre das langfristig gesichert, könnten wir neun Städte so groß wie Tikal in ungefähr 15 Jahren ausgraben. Tikal bringt Guatemala pro Jahr gut 20 Millionen Dollar ein. Das könnten wir in Mirador auch erreichen.
bdw: Sie haben viele Kontakte zu Hollywood-Prominenz, Politikern und anderen einflussreichen Menschen. Das ist für einen Archäologen recht ungewöhnlich.
Hansen: Ja, aber es ist für meine Arbeit und deren Finanzierung sehr hilfreich. Ohne Leute wie Mel Gibson wüsste ich nicht, wo wir heute wären. Er ist im Vorstand der von mir gegründeten Organisation „Foundation for Anthropological Research and Environmental Studies” und setzt sich sehr für diese Region ein.
bdw: Wollten Sie schon als Kind Archäologe werden?
Hansen: Ja, das war schon immer mein Hobby. Wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten habe ich jedoch zunächst Jura studiert. 1974 hatte ich dann einen Skiunfall und versäumte zu viele Kurse. Dann machte ich mit der Archäologie einen Neuanfang.
bdw: Warum sind Sie Maya-Experte geworden? Sie hätten sich ja zum Beispiel auch auf die Azteken spezialisieren können.
Hansen: Richtig, aber ich war der Erste, der das hohe Alter der Städte im Mirador Basin erkannt hat. Die Lehrmeinung war, dass die Bauten aus den Jahren zwischen 700 oder 800 n.Chr. stammen. Dann entdeckte ich Keramik, die 200 bis 300 v.Chr. entstanden ist. Daher musste ich mich zwangsläufig mit den Maya befassen. Bis dato haben wir 45 Städte ausgegraben und kartographiert.
bdw: Sie sind verheiratet und haben sieben Kinder. Teilt Ihre Familie Ihre Leidenschaft für Archäologie?
Hansen: Alle meine Kinder haben hier gelebt. Aber bloß mein jüngster Sohn, der jetzt acht Jahre alt ist, will – sehr zum Leidwesen meiner Frau – in meine Fußstapfen treten. ■




