In schwierigen Zeiten wächst die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Dies gilt auch für die Beschäftigungspolitik. Eine der einfachen Antworten lautet: Runter mit den Löhnen – und schon ist die Massenarbeitslosigkeit beseitigt. Wenn einfache Arbeit preiswerter wäre, so argumentieren die Anhänger dieser Patentlösung, würden wieder mehr Menschen beschäftigt. Mehr Autos oder Waschmaschinen könnten exportiert werden. Im eigenen Land würden mehr Dienstleistungen nachgefragt, weil mehr Menschen sich eine Haushaltshilfe oder eine Pflegekraft leisten könnten. Vor allem Arbeitskräfte ohne Ausbildung fänden leichter wieder einen Job. Verdienen viele Deutsche also zuviel? Die Gegenthese lautet: Arbeit kann ruhig viel kosten – allerdings muß sie ihren Preis wert sein. Hochqualifizierte Arbeitskräfte, die eine lange Ausbildung hinter sich haben, arbeiten nicht für Hungerlöhne. Aber gerade sie werden in der kommenden Wissensgesellschaft gebraucht. Ein entwickeltes Land wie Deutschland kann mit den Niedriglohnländern nicht über die Lohnhöhe konkurrieren, sondern nur durch neue, intelligente Produkte und eine effiziente Arbeitsorganisation. Das gelobte Land der Propheten niedriger Löhne heißt Amerika. In den letzten Jahrzehnten ist dort ein großer Niedriglohnsektor entstanden. Die US-Beschäftigten bringen durchschnittlich mehr Geld nach Hause als die Deutschen. Doch hinter dem Durchschnitt verbergen sich enorme Unterschiede: 1979 verdienten die zehn Prozent am schlechtesten Bezahlten in den USA noch fast ein Drittel dessen, was die zehn Prozent Höchstbezahlten nach Hause trugen. 1995 war es weniger als ein Viertel. In dieser untersten Gehaltsklasse wird weniger als halb so gut bezahlt wie in Deutschland, wenn man die Kaufkraft vergleicht. Würde das Gehalt einer deutschen Verkäuferin auf US-Niveau gedrückt, bekäme sie statt 2000 nur noch 950 Mark. Verdanken die USA ihr vielbestauntes Job-Wunder dieser Lohnentwicklung? Sind niedrige Löhne der hohe Preis dafür, daß Arbeitssuchende überhaupt in Lohn und Brot kommen? Dann müßte man sich auch in anderen Ländern mit großen Einkommensunterschieden über wenige Arbeitslose freuen dürfen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist dieser Frage nachgegangen. Das Ergebnis ihrer Untersuchung ist für die Vertreter der Niedriglohn-These niederschmetternd: • Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Lohnungleichheit. • Geringqualifizierte sind in Ländern mit großer Einkommensungleichheit nicht besser vor Arbeitslosigkeit geschützt als in Ländern mit größerer Einkommensgleichheit. Das amerikanische Job-Wunder hat also offenbar andere Ursachen: • So pumpte Notenbank-Chef Alan Greenspan Geld in die Wirtschaft, und die Konsumfreude der Amerikaner kurbelte die Konjunktur an. • Während die Deutschen 1999 mehr als elf Prozent ihres Einkommens in ihre Ersparnisse steckten, plünderten die Amerikaner ihre Sparbücher. • Auf dem US-Arbeitsmarkt waren in erster Linie qualifizierte Arbeitskräfte gefragt. Das hatte seinen Grund – die Amerikaner setzten auf neue Ideen. Für Forschung und Entwicklung geben sie pro Jahr etwa fünfmal soviel aus wie die Deutschen, obwohl Amerika nur dreimal so viele Einwohner hat. Hochbezahlte Spezialisten verdienen in High-Tech-Firmen erst einmal das viele Geld, das sie dann an billige Putzfrauen und schlecht bezahlte Hamburger-Brater weiterreichen. Die Niedriglohn-These stimmt also nicht einmal für die USA. Mit den niedrigen Löhnen in Korea oder Indien können auch die USA nicht konkurrieren. Die Industrieländer müssen daher auf anspruchsvolle High-Tech-Produkte setzen, bei denen die Lohnkosten weniger ins Gewicht fallen. Auf dem Weltmarkt gewinnt nicht der billigste, sondern der, der mit frischen Ideen den schnelleren Computer oder das pfiffigere Handy baut. Dafür werden gut ausgebildete Leute gebraucht, die sich für die Unternehmen trotz ihrer hohen Löhne „ bezahlt machen”. Mit schlichter, nach Schema F hergestellter Ware ist in Industrieländern nichts mehr zu verdienen. Auch in Zukunft werden sie deshalb einfache Erzeugnisse verstärkt importieren und dafür intelligente exportieren. Die Gelder für Forschung und Entwicklung (F&E) fließen noch immer vor allem in die Industrie. Und auf dem Weltmarkt konkurrieren in erster Linie Industrieunternehmen und ihre Beschäftigten. Von den Dienstleistungen dagegen geht nur ein Fünfzigstel über die Grenzen: Ein Berliner läßt seinen Fernseher vielleicht von Japanern bauen, doch heimische Arbeitskräfte flicken seine Zähne und stempeln seine Briefe. Was für die Industrie vielleicht nicht richtig ist, gilt aber für die Dienstleistungsbereiche, argumentieren die Vertreter der Niedriglohn-These. Dort könnten vier Millionen neue Arbeitsplätze entstehen, kalkuliert das Institut der deutschen Wirtschaft mit Blick auf andere Länder. In Wirklichkeit gibt es einen Teil dieser Arbeitsplätze schon längst, sie werden oft nur anders verbucht als in den USA: Wenn eine Fabrik die firmeneigene Putzkolonne feuert und anschließend eine Reinigungsfirma fegen läßt, gibt es auf einmal mehr Beschäftigte im Dienstleistungsbereich – selbst wenn die gerade Entlassenen unter neuer Regie dieselben Böden traktieren. In Deutschland kümmern sich 47 Prozent der in der Statistik als Industrie-Malocher registrierten Beschäftigten in Wirklichkeit um Dienstleistungen. In den USA sind es nur 37 Prozent. Werden alle verkappten Servicekräfte mitgezählt, so verringert sich die vielzitierte deutsche „Dienstlei-stungslücke” beträchtlich. Außerdem ist zweifelhaft, daß Dienstleistungen gerade in Ländern mit Niedriglöhnen boomen. Zwar sind in der EU tatsächlich nirgendwo so viele Menschen mit Dienstleistungen beschäftigt wie in Großbritannien, wo die Einkommensunterschiede besonders kraß sind. Doch im nicht viel sozialeren Spanien arbeiten so wenige Menschen im Dienstleistungsbereich wie nirgendwo sonst in Europa. Andererseits zeigen sich viele Schweden und Dänen dienstbeflissen, ohne schlecht bezahlt zu sein. Werden sämtliche EU-Länder verglichen, ergibt sich: Niedriglöhne führen nicht zu mehr Dienstleistungs-Jobs. Das hat die Europäische Kommission in ihrem Beschäftigungsbericht 1999 festgestellt. Aber warum sorgen geringe Löhne aller ökonomischen Schulweisheit zum Trotz nicht für mehr Dienstleistungsbeschäftigung? Offenbar haben die Theoretiker gleich eine ganze Reihe von Faktoren übersehen: • So bleiben viele Dienstleistungen für die Kundschaft erschwinglich, weil die höheren Gehälter der Beschäftigten durch bessere Technik ausgeglichen werden. Deshalb bekommt man hierzulande Hemden heute billiger gebügelt als noch vor einigen Jahren. Damals behauptete der bekannte Dienstleistungsforscher Gøsta Esping-Andersen, die hohen deutschen Löhne machten solche Serviceleistungen in Deutschland unbezahlbar. Doch neue Automaten senkten den Arbeitsaufwand für glatte Oberbekleidung – und damit die Kosten. • Selbst teurer gewordene Dienstleistungen finden Abnehmer – schließlich haben die Kunden mehr Geld in der Tasche als früher, nicht zuletzt weil Industrieprodukte wie Computer immer billiger werden. Und wer eine Pflegerin für die alt gewordene Mutter oder ein Kindermädchen für den Nachwuchs sucht, zahlt dafür oft gerne etwas mehr, wenn qualifizierte Arbeit und menschlicher Umgang gesichert sind. Ausschließlich nach dem Preis werden vielleicht die Kartoffeln im Supermarkt gekauft. • Andererseits lassen sich manche Dienstleistungen in Deutschland nicht an den Mann oder die Frau bringen, egal wie billig sie sind. Die deutschen Männer erledigen viele Reparaturen im Haushalt lieber selbst – sie sind Weltmeister im Do-it-yourself. Dank kurzer Arbeitszeiten haben sie dazu auch die nötige Zeit. Während in Deutschland die Baumärkte ungebremst wachsen, findet man in Japan mit seinen langen Arbeitszeiten kaum Baumärkte. Die Männer haben dort keine Zeit für Reparaturarbeiten, und die Ehefrauen bestellen den Handwerker. • Die deutschen wie die US-amerikanischen Haushalte geben rund 30 Prozent ihres Einkommens für Essen und Trinken aus. Während die Amerikaner aber die Hälfte dieser Ausgaben in Restaurants tragen, wird in Deutschland mehr zu Hause gekocht und nur ein Viertel dieser Ausgaben entfällt auf Restaurants. Die Amerikaner kaufen also Dienstleistungen vom Markt, die in Deutschland zu Hause produziert werden. Doch auch in Deutschland wird nicht mehr soviel zu Hause erledigt wie in der Vergangenheit. Es sind viele Arbeitsplätze im Bereich Pflege und Erziehung entstanden, weil immer mehr Frauen sich eine bezahlte Arbeit suchen. Ein großer Teil von ihnen arbeitet nun professionell – und mit einer guten Ausbildung – etwa in der Pflege. Manche Dienstleistungen sind allerdings zu teuer für die Geringverdienenden. Ärmere Familien können sich aus eigener Kraft keinen guten Kinderhort, keine qualifizierte Hausaufgabenhilfe, geschweige denn eine teure Privatschule leisten. Ihr Nachwuchs würde benachteiligt, wenn hier der Staat nicht einspränge. Er muß weiter gute Erziehung für alle garantieren. Da sich die Familienstrukturen geändert haben, sind hier die Aufgaben für die öffentliche Hand gewachsen. Die Pflege Älterer wird immer weniger zu Hause erledigt. Mit der Pflegeversicherung hat man eine solidarische Finanzierungsform gefunden, die nicht nur allen Älteren unabhängig von ihrem Einkommen einen Mindeststandard garantiert, sondern zudem noch eines der wichtigsten Beschäftigungsprogramme in Deutschland in den letzten Jahrzehnten war. Nach derselben Logik könnten Ältere Gutscheine für Haushaltshilfen bekommen, sofern sie solche Dienste andernfalls nicht bezahlen können. Der Übergang zur Ganztagsschule und der Ausbau von Kinderkrippen und -gärten wird ebenfalls mit der Erwerbstätigkeit der Frauen unabdingbar und ist eine der großen Aufgaben, die in den nächsten Jahren zu schultern sein wird. Auch hierdurch können zusätzliche Dienstleistungs-Jobs in Millionenhöhe entstehen. Wenn schon Niedriglöhne der Exportindustrie nicht helfen und auch keine neuen Dienstleistungs-Jobs entstehen lassen – helfen sie dann wenigstens den Geringqualifizierten auf dem Arbeitsmarkt? Die Niedriglohn-Strategen argumentieren, daß die einfachen Arbeiten schlicht zu teuer seien. Man müsse die Löhne an die niedrigere Leistung anpassen. Doch auch hier hält sich die Wirklichkeit nicht an die Theorie. In Großbritannien und den USA wurden schlecht Ausgebildete im Vergleich zu Hochqualifizierten in den letzten Jahren immer kärglicher bezahlt. Trotzdem stellen die Niedrigqualifizierten in diesen Ländern immer noch einen größeren Anteil der Arbeitslosen als anderswo, wie die Internationale Arbeitsorganisation in Genf festgestellt hat. In Großbritannien ist dieser Anteil in den letzten Jahren sogar noch gestiegen. Warum heuern Firmen Geringqualifizierte nicht einmal zu Billigtarifen an? Zum einen sinkt mit den Löhnen auch die Motivation der Arbeiter. Sie strengen sich nicht besonders an und rentieren sich damit am Ende womöglich weniger als vorher. Leistung kann man nur von jemandem erwarten, den man angemessen bezahlt. Zum anderen finanzieren Unternehmen ihren Niedriglöhnern kaum Aus- oder Weiterbildung. In den USA wurden die innerbetrieblichen Qualifizierungsmaßnahmen für Geringqualifizierte in den letzten 15 Jahren sogar vermindert. Viele europäische Länder wie Schweden, Dänemark, die Niederlande und Deutschland haben den Sorgenkindern des Arbeitsmarkts dagegen unter die Arme gegriffen und tüchtig in ihre Ausbildung investiert. In Westdeutschland hatte 1979 noch fast jeder Dritte keine Berufsausbildung vorzuweisen, 1991 war es nur noch jeder sechste. Heute verfügt bei den Jüngeren nur noch jeder Zehnte nicht über eine abgeschlossene Berufsausbildung. In Deutschland hat man also durch den Ausbau des Bildungssystems die Zahl der Unqualifizierten verringert. Die Konkurrenz um die wenigen Einfachjobs ist nicht so hoch wie in den USA, wo 45 Prozent ohne Berufsausbildung dastehen. Deshalb sind die Löhne der Geringqualifizierten hierzulande nicht so drastisch eingebrochen wie in den USA.
In Deutschland wird sich nur ein kleiner Teil der jetzt noch verbliebenen Unqualifizierten mit vertretbaren Anstrengungen zu Facharbeitern ausbilden lassen. Ihnen muß der Staat anders helfen – und zwar möglichst gezielt. Finanzielle Subventionen alleine nutzen hier wenig. Man muß die Menschen ansprechen, ihnen Mut machen, sie aber auch fordern, für das, was die Gesellschaft ihnen bietet, etwas zu leisten. Ein Beispiel ist die nordrhein-westfälische Initiative „Jugend in Arbeit”: Berater begleiten langzeitarbeitslose Jugendliche durch Motivierungs- und Trainingsphasen, um sie schließlich auf einen anfänglich subventionierten Arbeitsplatz zu bugsieren. Zum Hilfsangebot kommt erst sanfter, dann aber, wenn es nicht anders geht, auch harter Druck: Wer sich hartnäckig weigert, muß mit Finanzkürzungen durch das Arbeitsamt rechnen. In Ausnahmen sind auch dauerhafte Lohnzuschüsse denkbar, etwa für Behinderte. Zwar zahlen die Arbeitgeber dann tatsächlich nur Niedriglöhne, aber die Beschäftigten kommen trotzdem auf ein anständiges Einkommen. Eine allgemeine Patentlösung sind Niedriglöhne nicht. Ein Teil der Bevölkerung würde verarmen, soziale Konflikte wären die Folge. Nicht einmal die Wirtschaft würde auf Dauer profitieren – denn Ausbildung und stetige Weiterqualifikation der Arbeitskräfte würden vernachlässigt. Doch nur hervorragend qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden in der kommenden Wissensgesellschaft die internationale Konkurrenzfähigkeit Deutschlands und den Wohlstand sichern.
Rasanter Absturz
In Amerikas IT-Hochburg Silicon Valley hat nur noch jeder Zweite einen festen Arbeitsplatz – eine Folge des ausufernden Outsourcings: 42 Prozent schlagen sich als Aushilfs- oder Teilzeitkraft durch das teuer gewordene Leben. Die Lebenshaltungskosten liegen um 40 Prozent höher als in den übrigen US-Staaten, die Mieten explodierten in den letzten fünf Jahren um 65 Prozent. Die Menschen an der untersten Einkommensgrenze verdienen heute ein Zehntel weniger als vor zehn Jahren. Gleichzeitig gibt es 13 Milliardäre in der Region und 100 Familien, die mindestens 25 Millionen Dollar besitzen. Die High-Tech-Wirtschaft zahlt Spitzengehälter an Hochqualifizierte – 93000 Dollar pro Jahr für Software-Entwickler. Im Dienstleistungsbereich – etwa Einzelhandel oder Gastronomie – werden nur 23000 Dollar verdient. Die Obdachlosenämter haben in ihren Listen Familien, die trotz Arbeit auf die Straße gedrängt werden. Öffentliche Suppenküchen verzeichnen innerhalb von Jahresfrist einen Zuwachs ihrer Klientel um ein Drittel. Besonders hart trifft die Einkommensschere die weniger Qualifizierten. Aber selbst Mittelstandsfamilien haben zu kämpfen. 13000 Menschen sind bereits aus dem Tal ausgezogen. Die Unternehmen befürchten einen Arbeitskräftemangel.
Gerhard Bosch




