Das Schülerforschungszentrum in Bad Saulgau: Selbst den Fragen auf den Grund zu gehen, macht mehr Spaß als der vorgekaute Unterrichtsstoff.
Freitag Nachmittag, endlich ist das Wochenende in Sicht. Doch im Störck-Gymnasium von Bad Saulgau geht es ab 14 Uhr erst richtig los. Dann treffen sich in der Schule der schwäbischen Kleinstadt an die 30 Schüler. Manch einer hat dann schon eine zweistündige Bahnfahrt hinter sich oder reiste mit dem ersten eigenen Auto an. Was lockt die Schüler ausgerechnet hierher? Lust und Spaß an den Naturwissenschaften: sich an physikalischen oder chemischen Aufgaben die Zähne ausbeißen, an Theorien basteln und Experimente dazu durchführen. Und das bringt’s!
Siegfried zum Beispiel trat an, um die Gesetze der Physik auszuhebeln. Im Biounterricht seiner Schule in Biberach an der Riß hatte er beim Thema „Osmose” die Idee zu einem Perpetuum mobile – einer Maschine, die mehr Energie liefert, als sie verbraucht. „Physikalisch ist das eigentlich nicht möglich”, meint der 19-Jährige. Er fand aber einfach keinen Gegenbeweis. Seine Idee schien schlüssig, und auch der Biolehrer musste passen. Frustriert wollte Siegfried schon aufgeben. Doch im Schülerforschungszentrum (SFZ) von Bad Saulgau fand er Schüler mit ähnlich unmöglichen Ideen. Mittlerweile bastelt Siegfried am Schülerforschungszentrum an neuen Lösungsansätzen. Etwa an einer Wärmekraftmaschine, bei der die Wärmeausdehnung von Gummibändern dazu genutzt wird, mechanische Arbeit zu leisten. So lautete jedenfalls eine der Aufgaben des International Young Physicists’ Tournament (IYPT), einem Wettbewerb, bei dem Schülerteams darum wetteifern, naturwissenschaftliche Aufgaben in Experiment und Theorie zu lösen. Die Teamarbeit und der fast sportlich zu nennende Drang, sich mit anderen in dem Wettbewerb zu messen, sind zwei Gründe für die hohe Motivation der Jugendlichen.
„Es ist schon erstaunlich, wie sich die Schüler hier in ihrer Freizeit engagieren”, sagt Rudolf Lehn (51), Physiklehrer in Bad Saulgau und Initiator des SFZ. Warum er sich in seiner Freizeit engagiert? „Ich fühle mich sehr wohl, wenn ich diese Arbeit machen kann. Die Jugendlichen geben mir so viel zurück. Das kann ich jedem Lehrer nur empfehlen.” Und die Schüler bleiben auch über die Zeit am Forschungszentrum hinaus mit ihm und den übrigen Mitstreitern in Kontakt und geben so immer wieder neue Impulse. Kein Wunder, dass es Lehn bei diesem Feed-back ärgert, wenn Schüler trotz möglicher Begeisterung für die Physik das Fach in der Oberstufe schnell abwählen: Zwei Drittel in Baden-Württemberg tun dies zum frühestmöglichen Zeitpunkt. Gleichzeitig finden Kinder in der Schule nur wenige Gelegenheiten, sich schon beizeiten für die Beschäftigung mit physikalischen Phänomenen zu begeistern. Lehn selbst hat schon während seiner Referendariatszeit Physik-AGs gegründet, die schnell proppenvoll und über die Schule hinaus bekannt waren.
Diese Idee hat Lehn mit dem Schülerforschungszentrum weiter ausgebaut. Auch hier können die Schüler sich ohne Druck kreativ ausleben. Die Schulnote ist völlig egal. Jeder Schüler kann kommen. Das SFZ mit seinen fünf Lehrern bereitet das Umfeld: finanziell unterstützt von Partnern, wie der Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung, der Universität Ulm, dem Kultusministerium Baden-Württemberg und der Stadt Saulgau, ist die Ausstattung deutlich besser als an der Heimatschule der Jugendlichen. „Ohne das SFZ hätte ich ein Oszilloskop noch nie in der Hand gehabt”, sagt Siegfried und beklagt damit den mangelnden Praxisbezug des Regelunterrichts. „In den Schulstunden bleibt kaum Zeit, in Ruhe zu experimentieren”, sagt Dominik. Anders am Schülerforschungszentrum: „Bis weit in die Nacht tüfteln manche von uns herum”, so Monika. Einige übernachten bei ihren Mitstreitern in Bad Saulgau.
Die Laptops und Geräte zum Experimentieren nach Hause mitzunehmen, ist ausdrücklich erwünscht. „Ich weiß schon gar nicht mehr, wo sich die Laptops befinden”, lächelt Lehn. So können die Jungforscher weitgehend selbst entscheiden, wann und wo sie über ihren Experimenten brüten – an der Anlaufstelle und Kontaktbörse SFZ, zu Hause oder mit ihren Mitschülern in den Freistunden an der Heimatschule.
Die Rolle des Lehrers hat Lehn im Schülerforschungszentrum längst abgestreift. Er ist vielmehr Moderator, akquiriert Sponsoren und stellt Kontakte zu Uni-Forschern und der Wirtschaft her, die die Jugendlichen dann nutzen können. Sein nächstes Ziel: das Schülerforschungszentrum vergrößern und auf alle Naturwissenschaften ausdehnen. Wichtig ist ihm dabei auch das fachübergreifende Forschen. Dann werden natürlich auch mehr Räume gebraucht, ein Internat wäre da ideal. Lehn dazu: „Ich stelle mir das ähnlich wie die Leistungszentren beim Sport vor. Aber ich will auf keinen Fall eine Kasernierung von Hochbegabten. Die Schüler sollen nach einem kurzen Aufenthalt bei uns wieder zurück an ihre Schulen.” Gespräche mit der Uni Ulm über mögliche Kooperationen sind Erfolg versprechend verlaufen. Jetzt wartet Lehn noch auf ein positives Signal vom Land. Dann kann er sich um Sponsoren kümmern.
Doch auch von den Schülern wird Lehn immer wieder neu gefordert: „Bei den Problemstellungen, die die Schüler angehen, muss auch ich von vorn anfangen”, sagt Lehn. Denn den physikalischen Fragestellungen haftet ein Novum an: Sie stehen in keinem Schulbuch. Und eine Lösung gibt es nicht. Noch nicht – denn daran arbeiten die Schüler. Etwa Dominik, der mit zwei Freunden das Phänomen untersucht, wieso eine Sanduhr zu rieseln aufhört, sobald sie mit einer bestimmten Frequenz in Schwingungen versetzt wird. Man stelle die Sanduhr auf einen normalen Lautsprecher und drehe den Regler hoch: Bei 50 Schwingungen pro Sekunde läuft fast kein Sand mehr durch die Verengung. Na ja, hört sich nach rein akademischer Beschäftigung an. „Mitnichten”, so Lehn, „schließlich erschließt sich so das weite Feld der „ granularen” Materie: vom Weizensilo bis zum Verpackungsautomaten für Zucker und Mehl.”
Dominiks Sanduhr und Siegfrieds Wärmekraftmaschine waren zwei von 14 Aufgaben für das Physik-Turnier IYPT, das in diesem Jahr in Finnland stattfand. Mit einem dritten Platz für Deutschland – hinter der Slowakei und Australien – kann die 5-köpfige Abordnung aus Bad Saulgau mit ihrem Teamleader Patrick Kerner zufrieden sein. Der 19-Jährige ist sowas wie der „senior scientist” der Truppe. Er bringt sich in alle Experimente ein. Doch auch er weiß sehr gut, „ohne Teamarbeit kommen wir nicht weiter.”
Die jungen Forscher haben viel Selbstvertrauen. Ihre Hingabe an die Naturwissenschaften brauchen sie nicht zu verstecken. Technik, Internet und Handy beschäftigen schließlich viele. Damit verbinden sich Fragen, die das Leben stellt. Wie funktioniert das? Warum ist das so? „Da ist es schon frustrierend, wenn der Lehrer im Unterricht nicht weiter weiß”, meint Dominik. Auch deswegen versuchen sich die Schüler am SFZ gemeinsam an Lösungen.
Welche Auswirkungen hat ihre ungestüme Neugier auf den normalen Unterricht? „Eher wenig”, meint Physiklehrer Lehn. „Nach wie vor müssen wir im Schulunterricht ein dichtes Stoffpensum durchziehen.” Fürs ruhige Experimentieren – das sich an den Interessen und den Fragen der Schüler ausrichtet – bleibt da nicht viel Zeit. Gerade deshalb bieten die vier Lehrer um Rudolf Lehn mit dem Schülerforschungszentrum eine Ergänzung. „Ich will halt nicht die vorgefertigten Aufgaben im Physikunterricht reproduzieren”, erklärt die 17-jährige Marion. Es mache viel mehr Spaß, die Köpfe zusammenzustecken und mit jedem der gerade im SFZ Anwesenden, egal ob Schüler oder Lehrer, ob Mann oder Frau, Ideen auszutauschen. Marion und die anderen Mädchen fühlen sich im SFZ voll integriert. Dominik dazu: „Es ist ein Vorurteil, dass Mädchen mit Physik nichts anzufangen wissen.” Sie können sich am SFZ besser entfalten als im reglementierten Unterricht, ist jedenfalls aus Marion herauszuhören.
„Ich sehe einen positiven Einfluss auch auf die Heimatschule”, sagt Physiklehrer Carsten Hundegger, der ab und zu seine Zöglinge aus Albstadt-Ebingen nach Bad Saulgau begleitet. Die Mitschüler beginnen, die naturwissenschaftlich Engagierten zu achten. Marion: „Meine Freunde und Freundinnen akzeptieren das voll, wenn ich auch hier meine Freizeit verbringe”. Eher sind es die Erwachsenen, die bei so viel freiwilligem Engagement verwundert den Kopf schütteln. Tja, sie erinnern sich wahrscheinlich eher an den eigenen drögen Physikunterricht aus ihrer Schulzeit.
Die Naturwissenschaften haben einfach einen schlechten Stand. In der jüngsten Umfrage der Third International Mathematics and Science Study, kurz TIMSS, antworteten deutsche Schüler auf die Frage: „Wie wichtig findet es Dein Freund/Deine Freundin, gut in Naturwissenschaften zu sein”, eher mit „nicht wichtig”. Das Ansehen der Naturwissenschaften bei den Schülern liegt weit hinter Sport, Sprachen, aber auch Mathe zurück. Die Bad Saulgauer Initiative will hier Zäune einreißen. Die Arbeit im Team, die sportive Herausforderung in Wettbewerben und auch das praktische Arbeiten mit aktuellen Problemen: dies scheint den Erfahrungen in Bad Saulgau zufolge wichtig für die Motivation der Schüler zu sein, um sich überhaupt mit Fächern wie Physik zu beschäftigen. Und das alles ohne Unterrichtszwang. „Wenn es hieße, du musst ins SFZ, dann wäre die Motivation dahin”. Sagt Siegfried. Schaut schräg zu seinem Lehrer Lehn, der nickt. Siegfried lacht.
Martin Schäfer





