Da Großveranstaltungen weltweit zunehmen, mehren sich die Situationen mit lebensgefährlichem Gedränge. Alleine im vergangenen Jahrhundert sind 4.000 Menschen bei Massenpaniken umgekommen. Mehr als zehnmal so viele wurden verletzt.
Wachpersonal an den Ein- und Ausgängen und am Rand der Menge soll in der Regel bei Konzerten oder Kundgebungen Zwischenfälle verhindern. Die Aufpasser stehen in dieser Weise jedoch nicht optimal, um eine rasche Evakuierung zu gewährleisten, fand Krause heraus. “Dabei zählt jede Sekunde, wenn beispielsweise ein Dach einstürzt”, meint er.
Krauses Team analysierte das Verhalten von 200 Freiwilligen in einer Arena von fünfzig Metern Durchmesser. Nur wenn die Helfer an den Ecken, aber auch in der Mitte der Menschenmasse platziert wurden, konnten sie die Gruppe am schnellsten und ohne Gedränge aus der Arena an einen bestimmten Punkt an deren Rand führen. Dieses Ziel war lediglich den Helfern, nicht aber dem Rest der Gruppe bekannt. Computermodelle bestätigen die Ergebnisse.
Dabei müssen die Aufpasser sich keineswegs durch eine Uniform zu erkennen geben. Krause teilte den übrigen Teilnehmern lediglich mit, dass sich Leute in der Gruppe befinden, die wissen, wo es entlang geht. Beim Start des Experiments ging dann alles sehr schnell: Die Helfer liefen zielstrebig und unabhängig von der übrigen Gruppe los. Sie erreichten dadurch sehr schnell den Rand der Ansammlung. An diesen Bewegungscharakteristika erkannten die übrigen Mitglieder die Eingeweihten und folgten ihnen intuitiv. “Man kann alleine an der Bewegung von Personen in einer Menschenmenge erkennen, wer bestimmte Informationen hat”, leitet Krause aus den Versuchen ab, die er in Kürze veröffentlichen wird.
Umgekehrt führen seine Experimente vor Augen, wie eine großteils ahnungslose Menschenmasse vom Wissen Einzelner profitieren kann. Diese Weisheit der Vielen kann in Notsituationen lebensrettend sein. Besonders günstig für eine Evakuierung erwies es sich dabei in Krauses Versuchen, wenn ein Helfer auf etwa zwanzig Menschen kam. Bei einer größeren Zahl an Aufpassern neigte die Gruppe dazu, sich zu teilen, kam aber keineswegs schneller ans Ziel.
Dahinter steckt ein allgemeines Prinzip der Natur, weiß Krause. Sobald fünf Prozent der Tiere in einer Herde ein bestimmtes Verhalten an den Tag legen, imitiert die Mehrheit der übrigen dieses. So konnte Krause mit einen Anteil von fünf Prozent schwimmender Fischroboter in einem Aquarium einen ganzen Fischschwarm fernsteuern. Die Tiere folgten den elektronischen Exemplaren auch an Orte, die sie sonst nie aufsuchen würden, etwa in die Nähe eines Räubers. Reduzierte der Biologe dagegen die Zahl der Roboter, folgten nicht mehr alle oder gar keine Tiere.
Vergleichbares beobachtete die französische Forscherin Marie-Hélène Pillot an der Universität Toulouse bei Schafen. Sie brachte einem Tier bei, auf ihren Pfiff angetrabt zu kommen. Mit diesem dressierten Lamm konnte sie eine kleine Herde leiten. “Wenn ein Schaf in einen Abgrund fällt, dann stürzen sich alle Tiere hinterher”, erzählt Kollege Mehdi Moussaid einen geläufigen Witz, dessen Kern sich jedoch mit den Experimenten als wahr herausstellt. Biologe Moussaid glaubt, dass durch dressierte Leitschafe künftig die Arbeit von Hirten erleichtert werden könnte.
Forscher erklären das Verhalten mit drei Grundprinzipien der Selbstorganisation, die intuitiv befolgt werden. Abstoßung, Anziehung und Nachahmung bestimmen die Bewegungen von Vogel- oder Fischschwärmen. Die Tiere nehmen zueinander einen ähnlichen Abstand ein, ohne sich zu berühren. Zudem richten sich die Individuen so aus, sodass sie in die gleiche Richtung schauen. Nach denselben Prinzipien bahnt sich jedoch auch ein Menschenstrom seinen Weg: Die Fußgänger kommen sich nicht zu nahe, rempeln sich nicht an, halten aber auch keinen zu großen Abstand voneinander und passen sich in ihrer Laufrichtung an. “Diese Ähnlichkeit zwischen Tier und Mensch ist erstaunlich”, findet Krause. Doch er warnt vor stumpfsinnigen Verallgemeinerungen.
Mitunter ist das Verhalten der Menschen kulturell geprägt, wie Moussaid an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich in der Gruppe von Dirk Helbing herausfand. Er wies nach, dass Europäer zu achtzig Prozent intuitiv auf der rechten Seite laufen. Deshalb gleiten die Passantenströme auf Gehwegen ohne Kollision aneinander vorbei. In Asien bevorzugen Menschen dagegen unbewusst die linke Seite. Moussaid erklärt: “Die Seitenpräferenz ist ein kulturell erlerntes Phänomen.” Wer nach China auswandert, wird sich bald an den Wechsel gewöhnen.





