von CHRISTIAN WOLF
Langeweile ist lästig. Wer sie spürt, will das fade Gefühl loswerden – was gerade in Corona-Zeiten mit den eingeschränkten Freizeitmöglichkeiten nicht so einfach ist.
Und Langeweile hat weitere Schattenseiten: Studien zeigen, dass sie bei Schülern und Studenten mit schlechteren Leistungen einhergeht. Auch Langeweile am Arbeitsplatz schadet. Angeödete Arbeitnehmer machen mehr Fehler, erscheinen häufiger nicht zur Arbeit und haben mehr Unfälle als ihre engagierten Kollegen.
Um dem Griff der Langeweile zu entrinnen, tun Menschen so einiges, was ihnen nicht bekommt: Sie greifen zu Drogen, stopfen Essen in sich hinein oder frönen dem Glücksspiel. Doch Forscher haben herausgefunden: Langeweile hat auch ihre guten Seiten.
Eine solche Studie stammt von der Psychologin Sandi Mann an der University of Central Lancashire. Das erste Mal begegnete ihr heftige Langeweile, als bei ihrem Job in einem Bekleidungsgeschäft keine Kundschaft kam und sie Pullover immer wieder auseinander- und zusammenfaltete, um überhaupt etwas zu tun zu haben. Das Thema begann sie zu faszinieren. Heute betreibt sie als Psychologin Forschungen, die sie nicht mehr anöden.
Sandi Mann geht davon aus, dass Langeweile ähnlich wie viele andere Emotionen einen evolutionären Sinn hat. Langeweile signalisiert, dass etwas bekannt und so alltäglich ist, dass es keiner besonderen Aufmerksamkeit bedarf. Und das zu erkennen, ist sinnvoll: Sonst wären wir mit jedem noch so kleinen unwichtigen Reiz derart beschäftigt, dass wir uns nicht mehr um die wirklich wichtigen Dinge, etwa Bedrohungen, kümmern könnten. Insofern könnte Langeweile dem Menschen schlicht beim Überleben geholfen haben.
Schub für Kreativität
Vorteile im Hier und Heute konnte Sandi Mann in einer vielzitierten Studie ausmachen. Sie langweilte 40 Probanden zunächst, indem sie diese bat, 15 Minuten lang Telefonnummern aus einem Telefonbuch abzuschreiben. Anschließend sollten sie sich verschiedene Verwendungsmöglichkeiten für zwei Styroporbecher ausdenken. Auf diese Weise konnten sie ihre Kreativität unter Beweis stellen. Es zeigte sich, dass die Personen, die zuerst die Telefonnummern abgeschrieben hatten, kreativer waren als eine vorher nicht gelangweilte Kontrollgruppe. Sie dachten sich mehr Verwendungsmöglichkeiten für die Styroporbecher aus.
Bereits Johann Wolfgang von Goethe begrüßte die Langeweile als „Mutter der Musen“, der man Zeit geben müsse, damit sie einen küsst. Und Isaac Newton, der Vater der Gravitationstheorie, formulierte seine zentralen Entdeckungen, als er sich bei einem Landaufenthalt langweilte.





