Nichts ist langlebiger als ein Gerücht. So gilt Spinat immer noch als guter Eisenlieferant, obwohl er diesen Ruf lediglich einem Kommafehler verdankt. Ähnlich hartnäckig hält sich die Mär, dass Muskelkater durch eine Übersäuerung der Muskeln ausgelöst wird. „Dies ist eine durch nichts belegte Spekulation, die sich selbst in der Sportmedizin lange gehalten hat”, sagt Dieter Böning, Direktor des Instituts für Sportmedizin am Universitätsklinikum Benjamin Franklin in Berlin. Intensive Forschungen der letzten 20 Jahre identifizierten dagegen feine Risse in den Muskelfasern als wirkliche Ursache der lästigen Beschwerden. Muskelkater tritt im Gegensatz zu Ermüdungsschmerzen nicht direkt nach einer körperlichen Anstrengung, sondern mit mehrstündiger Verzögerung auf. Nicht nur ungeübte Hobbysportler sind am anderen Morgen kraftlos und klagen über steife und harte Muskeln. Es kann auch durchtrainierte Sportler treffen, zum Beispiel Turner, die eine neue Übung einstudieren. Wäre tatsächlich ein zu hoher Milchsäure-Spiegel schuld an den Beschwerden, dann müssten die Schmerzen nach besonders energieintensiven Tätigkeiten am größten sein, denn die Säure fällt als Abfallprodukt bei der Energiegewinnung im Muskel an. Doch die Erfahrungen von Bergwanderern zeigen genau das Gegenteil: Nach dem Abstieg verspüren sie meist deutlich mehr Muskelkater als nach einem Kräfte zehrenden Aufstieg. Wie stark die Beeinträchtigung ist, hängt demnach nicht von der Intensität, sondern von der Art der vorausgegangenen Bewegung ab. Beim Abstieg leistet der Muskel vor allem „exzentrische Arbeit”, das heißt, er fängt wie eine Feder äußere Kräfte ab. Der Energieverbrauch ist dabei wesentlich geringer als für die „ konzentrische Arbeit” des Aufstiegs, bei der die Beinmuskulatur eigene Kräfte entwickeln muss. Wie sich exzentrische Belastungen auf die Feinstruktur der Muskeln auswirken, konnten schwedische Sportmediziner bereits in den achtziger Jahren zeigen. Sie untersuchten Oberschenkelmuskeln ungeübter Radfahrer unter dem Elektronenmikroskop. Ganze Abschnitte der feinen Fasern waren deformiert und lösten sich im weiteren Verlauf auf. Nach drei Tagen setzte dann die Reparatur der gerissenen Fasern ein, und nach einer Woche waren die Schäden ausgeheilt. Besonders häufig treten solche Mikrorisse – und damit der Muskelkater – bei ungewohnten Bewegungen auf: Die einzelnen Fasern eines Muskels werden von unterschiedlichen Nerven versorgt. Ist eine Bewegung noch nicht genügend einstudiert, geben sie den Befehl zur Kontraktion recht unkoordiniert ab. Als Folge davon müssen die schnelleren Fasern zu Beginn einer Muskelbewegung die Arbeit allein leisten. Sie werden dadurch extrem belastet und können reißen. Ist dagegen eine Bewegung durch ständiges Üben „in Fleisch und Blut” übergegangen, geben die Nerven ihre Signale wohlkoordiniert ab. Da die Belastung so von Anfang an auf alle Muskelfasern verteilt wird, reißen sie weniger leicht. Doch der Muskelkater hat vermutlich auch seine guten Seiten. Es gibt Hinweise darauf, dass Mikrorisse die Muskelkraft steigern können: Aus den beiden Teilstücken einer gerissenen Muskelfaser können nämlich zwei neue Fasern regeneriert werden.
Ulrich Fricke





