Noch komplizierter und merkwürdiger wurde es, als Paläontologen mehrere rund 430.000 Jahre alten Frühmenschenskelette in der nordspanischen Höhle Sima de los Huesos entdeckten. Denn diese ähnelten äußerlich zwar Neandertalern, ihre mitochondriale DNA aber wich klar von der jüngerer Neandertaler ab. Stattdessen glich sie stark der von Denisova-Menschen. Aber warum? Waren die Sima-Menschen eine bisher unbekannte Mischart? Oder doch Neandertaler? Erst 2016 lieferten Analysen der Kern-DNA dieser Frühmenschen darauf eine Antwort. Demnach waren die Sima-Menschen tatsächlich “echte” Neandertaler. Unklar blieb jedoch, wieso diese Neandertaler eine ganz andere DNA in ihren Mitochondrien trugen als alle anderen bisher analysierten Neandertaler. Und auch, warum so viele dieser Gene von den Denisova-Menschen stammten – einer bisher nur aus dem Altai bekannten und zu diesem Zeitpunkt längst vom Neandertaler getrennten Frühmenschengruppe, ist nicht ohne weiteres erklärbar.
Anders als alle anderen Neandertaler
Jetzt haben Cosimo Posth vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und seine Kollegen einen weiteren Neandertalerknochen mit abweichender mitochondrialer DNA entdeckt. Bei diesem handelt es sich um einen rund 25 Zentimeter langen Oberschenkelknochen, der in der Hohlenstein-Stadel-Höhle (HST) im Südwesten Deutschlands gefunden wurde. Eine traditionelle Radiokarbon-Datierung war zwar nicht möglich, die Forscher schätzen das Alter des Knochens aber mithilfe der sogenannten molekularen Uhr auf etwa 124.000 Jahre. Diese erlaubt eine Einordnung des Alters eines Lebewesens auf Basis von Mutationen in der DNA. Posth und seinen Kollegen gelang es, aus einer Probe dieses Knochens die mitochondriale DNA dieses Neandertalers zu rekonstruieren. Damit zählt diese Neandertalerprobe zu den ältesten Knochen, deren mitochondriale DNA bis heute analysiert wurde.
Das spannende Ergebnis der Analyse: Auch die mitochondriale DNA dieses Neandertalers weicht von der aller übrigen bisher analysierten ab. “Dieses Exemplar gehört zu einer mit-DNA-Linie, die sich vor rund 270.000 Jahren von der der anderen Neandertaler abgespalten haben muss”, berichten die Forscher. Demnach war die genetische Vielfalt der Neandertaler offenbar erheblich größer als bisher angenommen – und damit möglicherweise auch ihre einstige Verbreitung und Populationsdichte. Erst in der Phase ihres Niedergangs, kurz vor ihrem Aussterben vor rund 40.000 Jahren, schrumpfte demnach die Zahl der Neandertaler stark, wie Posth und seine Kollegen erklären.





