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Mann statt Frau, Frau statt Mann
Das Dokument zeugt von ihrem Sieg. „Anja Bäcker“ lese ich auf dem Personalausweis, und die Frau neben mir nickt. Auf den Gipfel ihres Triumphs aber muss sie mich erst stoßen – mit ihrem langen, rot lackierten Fingernagel: „Geschlecht: F“.
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von CHRISTIAN JUNG
Das Dokument zeugt von ihrem Sieg. „Anja Bäcker“ lese ich auf dem Personalausweis, und die Frau neben mir nickt. Auf den Gipfel ihres Triumphs aber muss sie mich erst stoßen – mit ihrem langen, rot lackierten Fingernagel: „Geschlecht: F“.
„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird dazu gemacht“, schrieb die Autorin und Feministin Simone de Beauvoir einst. Anja Bäcker kann diese Erkenntnis nur unterstreichen. Sie würde viel dafür geben, wenn das Leben die grundlegende Rolle mit dem Kürzel „F“ von Beginn an bei ihr angelegt hätte. Doch sie musste über viele Jahre die schwierige Metamorphose durchleben: einem Schmetterling gleich, der weltweit das Symbol dieser Menschen ist.
Manche schaffen es früh, sich aus dem Kokon zu befreien und zu erfahren, wie es ist, eins zu sein mit sich, dem Körper, dem Geist. Andere brauchen ein halbes Leben, und manchen gelingt es nie. Und dann gibt Einzelne, die sich „danach“ in die Zeit „davor“ zurücksehnen, denn Menschen können sich irren.
Anja Bäcker weiß nur zu genau, was es heißt, mit einer Größe von 1,85 Metern auf Stöckelschuhen aus der Menge herauszuragen und immer wieder von Menschen beschimpft zu werden für das, was sie ist, was sie empfindet, wie sie sich geschlechtlich identifiziert – bevor sie nach Jahren voller Demütigungen endlich ankam in dem, was seither ihr Alltag ist.
Es war ein langer Weg bis zu der Anja Bäcker, die sie heute ist. Während es für andere Jugendliche aufregend ist, in der Pubertät in den Körper hineinzuwachsen, der zu ihnen passt – „fühlte es sich fremd an in mir, fühlte ich mich fremd mit mir: orientierungs- und heimatlos“, beschreibt es Anja.
Bis zum Moment der Angleichung des biologischen an das gefühlte Geschlecht lebte sie mit einem Bild von sich, das ständig auf der Kippe stand – nicht verlässlich, nicht belastbar. Beim Blick in den Spiegel habe sie sich nie sicher sein können, was sie erwarte: An manchen Tagen schaute sie eine Frau an, an anderen sah sie in das Gesicht eines Mannes.
Ein wichtiges Sternchen
Menschen wie Anja Bäcker werden trans* Person oder transident genannt. Das Sternchen in der Bezeichnung „Trans*“ lässt dabei den notwendigen Raum für weitere Geschlechtsidentitäten, die sich jenseits der Kategorien Mann und Frau verorten. Die Beschreibung umfasst Menschen, die sich nicht oder nur teilweise mit dem bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht identifizieren. Manche von ihnen identifizieren sich mit dem anderen Geschlecht, manche mit keinem der beiden gesellschaftlich akzeptierten Geschlechter. Für manche spielt Geschlecht bei der Identitätsbildung überhaupt keine Rolle. Manche wünschen sich geschlechtsangleichende Maßnahmen, andere wünschen sich das nicht. Manche lassen trotz Wunsch danach doch keine Maßnahmen durchführen.
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Trans* Personen wurde – so sie nicht als intergeschlechtlich eingeordnet wurden – bei Geburt ein männliches oder weibliches Geschlecht mit entsprechendem Eintrag ins Geschlechtsregister zugeschrieben. Damit müssen sie sich auseinandersetzen.
Es ist jedoch nicht die Diskussion um Begriffe, die den Alltag der Betroffenen bestimmt oder erschwert. Mit der Erfahrung eines halben Lebens als Frau bekräftigt Anja Bäcker nach kurzem Nachdenken, dass man auch heute noch diskriminiert wird: Bürokratische Hürden und gesellschaftliche Vorbehalte – vor allem die Geschlechtsangleichung betreffend – gingen da oft Hand in Hand. Die „manchmal völlig distanzlosen und abschätzigen Blicke sowie kaum verhohlenes Tuscheln“, berichtet sie, habe sie oft als aufdringlicher und verletzender empfunden als direkte Anwürfe.
Wenn sie erzählt, werden sie lebendig, diese Momente, in denen das Leben versperrt erschien, verriegelt vom Gefühl, es nicht schaffen zu können, verstärkt durch die ablehnenden Reaktionen der anderen und blockiert durch deren unverhohlen zur Schau gestelltes Unverständnis.
Als Anja sich vor ein paar Jahrzehnten anschickte, diesen Weg zu gehen, fand sie kaum Vorbilder, Ansprechpartner, Informationen – „nicht einmal grundlegende Zahlen“. Selbst in der LGBTI*-Community nicht, der Gemeinschaft der Lesben, Schwulen, der bi-, trans- und intergeschlechtlichen Menschen. Das hat sich mittlerweile geändert. Es gibt Vereine und Organisationen – weltweit oder europaweit arbeitend –, inklusive Vertretungen für alle Berufsgruppen. In den sozialen Medien versammeln sich trans* Menschen auf Webseiten, erzählen ihre Geschichten, gründen Gruppen auf Facebook oder bespielen eigene Youtube-Kanäle. Es geht dabei unter anderem um Rollenerwartungen, Entscheidungswege und den Umgang mit sozialem Druck.
Nach wie vor kennt man nur ungefähr die Zahl der Menschen mit einer „Störung ihrer Geschlechtsidentität“ – oder wie es seit Kurzem offiziell heißt: mit „Geschlechtsdysphorie“. In Deutschland gibt es seit 1980 etwa 10.000 Personen mit einer Personenstands- und Vornamensänderung. Schätzungsweise entscheiden sich dafür ein Drittel bis die Hälfte aller trans* Personen.
Immer mehr Kinder und Jugendliche
„Ich sehe immer häufiger 12- bis 14-jährige transidente Jugendliche in meiner Praxis“, bestätigt Margaret Daiber, niedergelassene Kinderärztin in Hannover. „Und selten, aber auch das kommt vor, sind sie noch im Kindergartenalter.“ Sie berichtet von einer Fünfjährigen, die liebevoll begleitet von den Eltern, völlig unverstellt und nachvollziehbar, deutlich gemacht habe, dass sie sich wie ein Junge kleiden, wie ein Junge spielen und sich nur mit Jungs verabreden möchte.
In der Spezialsprechstunde des Kinder- und Jugendpsychiaters Alexander Korte von der Universität München hat sich nach Klinikangaben die Zahl der an Untersuchungen und Beratungen Interessierten zwischen 2013 und 2019 verfünffacht – wobei auch einige Ältere darunter seien, die sich über neue und verbesserte Behandlungsmethoden informierten wollten. Der Trend ist klar und auch international zu erkennen. In Schweden etwa zeigt die Statistik, dass die Zahl junger transidenter Frauen im vergangenen Jahrzehnt um 1500 Prozent gestiegen ist.
Bei den Geschlechterverhältnissen zeigt sich eine weitere Dynamik. Lange Zeit haben sich stabil über Länder, Kulturkreise und Lebensalter hinweg drei- bis viermal so viele biologisch männliche Personen als weiblich verortetet wie umgekehrt. „In den vergangenen fünf bis zehn Jahren hat sich dieses Verhältnis zumindest bei den unter 25-Jährigen komplett gedreht und deutlich verstärkt“, sagt Susanne Junginger, Fachärztin für Endokrinologie in Hamburg. Eine Entwicklung, die Experte Korte aus seiner Praxis bestätigt. Die Experten rätseln, was die Ursachen für diese deutliche Zunahme in der jüngeren Bevölkerungsschicht und den Trend zu den trans* Männern sind.
Der niedergelassene Erwachsenen-Psychiater Ralph-Patrick Beigel schaut auf drei Jahrzehnte Begleitung transidenter Menschen zurück. Er vermutet hinter einer möglichen „Sehnsucht nach trans*“, wie er es nennt, einen Mix aus Gründen: „Zum einen haben sich die Beratungen im Lauf der Jahre inhaltlich besser, angemessener, präziser und atmosphärisch offener gestaltet. Auch das gesellschaftliche Klima ist sicher liberaler geworden. Und die Medien tragen mit Doku-Reportagen oder kleinen Serien ihren Teil zum Aufbau eines positiven Bilds bei – und damit zur Entmystifizierung des Themas.“ Zudem scheine trans* derzeit in gewissen Jugendlichen-Milieus angesagt zu sein. „Und es spricht sich herum, dass es medizinische Fortschritte gibt. Damit verläuft der nach wie vor lange, anstrengende Weg bis zur geschlechts-angleichenden Operation leichter und ist mit weniger Schrecken behaftet.“
Manche Menschen hinterfragen, ob es sich wirklich immer um eine Befreiung handelt. Oder ist es eine Modeerscheinung? Das mag man kaum für möglich halten, angesichts des schwierigen Prozesses der Geschlechtsangleichung: dauerhafte Hormoneinnahme, Operationen, eventuell Verzicht auf eigene Kinder. Lässt sich das ausblenden? Kann der Zeitgeist Menschen etwas suggerieren, das sie nicht sind? Zumal wenn sie wissen, dass der Weg zurück irgendwann verstellt ist.
Streit um Pubertätsblocker
Von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesell-schaften (AWMF) wurde 2018 die „S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung“ veröffentlicht. Sie löst die inzwischen veralteten „Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen“ von 1997 ab. Für den Bereich der Kinder und Jugendlichen ist eine eigene Leitlinie in Arbeit, da es hier noch besondere Herausforderungen gibt.
Um beispielsweise mehr Zeit für den Entscheidungsprozess zu gewinnen, können Ärzte etwa ab dem zehnten bis zwölften Lebensjahr sogenannte Pubertätsblocker verordnen. Sie sollen die körperlichen Veränderungen aufhalten, denn in diesem Alter beginnt sich die Brust zu entwickeln beziehungsweise vergrößern sich die Hoden.
Die Blocker greifen hier ebenso ein wie in Menstruationsbeginn und Bartwuchs. Richtig eingesetzt, mindern sie Stress, betonen Befürworter. Ohne sie müssten die Heranwachsenden erleben, wie ihr Körper die nicht gewünschte Richtung einschlägt.
Die Maßnahme kann also Jugendlichen die benötigte Zeit geben, um ihre Geschlechtsidentität zu erkennen – und den Psychiatern, Ärzten und Therapeuten helfen, die Entscheidung abzusichern. Der Körper wird gehindert, durch Entwicklungen neue Tatsachen zu schaffen, und es bleibt zu diesem Zeitpunkt alles noch offen: Setzt man die Therapeutika ab, läuft die Pubertät meist innerhalb eines halben Jahres an – sofern keine weiteren gegengeschlechtlichen Hormone eingenommen werden.
Kritiker betonen jedoch, dass Heranwachsende durch die Blocker eine entscheidende Phase im Leben verpassen. Denn die Pubertät sei gerade wichtig, um sich über die eigene Geschlechtsidentität klar zu werden. Eine pubertätsblockierende Behandlung, die von den Befürwortern als medizinisch unbedenklich dargestellt werde, forciere möglicherweise oder sogar wahrscheinlich eine transsexuelle Entwicklung und verstelle zugleich alternative Entwicklungswege wie ein Coming-out als Homosexueller, sagen Blocker-Gegner.
Studien von Peggy Cohen-Kettenis, Thomas Steensma und Kollegen, ebenfalls von der FU Amsterdam, aus 2008 und 2013 besagen, dass jeder zweite der zwischen dem fünften und zwölften Lebensjahr Diagnostizierten nach der Pubertät sein Geburtsgeschlecht nicht mehr ändern wollte. Nur gut ein Drittel der 16-Jährigen hielt sich weiterhin für transident – knapp 30 Prozent der Jungen und jedes zweite Mädchen.
Dass es jedoch beides in relevantem Maß gibt, macht deutlich, wie individuell die Betreuung der Kinder und Jugendlichen gestaltet werden muss.
Der richtige Zeitpunkt
Manchmal ist es auch einfach. Die Psychiaterin Annelou de Vries von der Freien Universität Amsterdam begleitete gemeinsam mit Kollegen jahrelang 55 junge trans* Menschen von der Diagnose im Kindesalter bis zum Ende der Behandlung. Alle hatten sich bereits in frühester Kindheit mit dem anderen Geschlecht identifiziert. Wohlbefinden und Zufriedenheit sämtlicher Betroffenen hätten mit der Zeit zugenommen, Ängste seien stetig geschwunden.
Als Zeitpunkt des Behandlungsbeginns der gegengeschlechtlichen Hormontherapie empfehlen manche „frühestens mit 16“. „Zu zaghaft“, meinen Experten, die sich auf Erfahrungen wie die von de Vries stützen: Das zögere die Geschlechtsangleichung unangemessen hinaus. Andere, etwa der Münchner Psychiater Alexander Korte, halten dagegen: „Sobald etwas irreversibel ist, muss mit Bedacht vorgegangen werden.“ Bei einem frühen Eingriff drohe zu sehr die Gefahr, dass die jungen Menschen in ihrer Geschlechtsidentität noch nicht oder zu unstet festgelegt seien.
Allerdings kann es Gründe geben, geschlechtsangleichende Hormone früher zu verabreichen – wenn etwa die psychische oder physische Gesundheit des Kindes gefährdet ist. Andererseits können gesundheitliche Implikationen auch dagegen sprechen. Ärzte haben auch die Vermutung, dass bei trans* Menschen nach jahrelanger Hormonzufuhr vermehrt Brustkrebserkrankungen auftreten.
Die aktuell stark zunehmenden Fallzahlen vor Augen, fordern Fachärzte und Psychiater mehr Forschung zu den noch weitgehend unbekannten Langzeitfolgen der Hormontherapie. Welche Begleiteffekte folgen einer solchen Therapie nach 20, 30 oder 40 Jahren?
Trans* Organisationen setzen sich seit Jahren vehement dafür ein, den Weg bis zur Geschlechtsangleichung zu erleichtern. Das betrifft auch die Diskussion um den richtigen Zeitpunkt für die einzelnen Wegstrecken der Therapie und die geschlechtsangleichende Operation.
In Schweden wurde jüngst diskutiert, das Mindestalter für den Eingriff auf 15 Jahre herabzusetzen. Der Gesetzesvorschlag sah sogar vor, dies in Ausnahmefällen ohne Einwilligung der Eltern zu ermöglichen. Doch können 15-Jährige Entscheidungen treffen, die dann für das ganze Leben gelten müssen – etwa keine eigenen Kinder bekommen zu können? Das Pendel schlägt aber auch in die andere Richtung aus, mit dem Vorschlag, frühestens in einem Alter von 22 bis 25 Jahren zu operieren.
Ein Begleitphänomen der insgesamt steigenden Zahlen ist, dass es auch mehr trans* Frauen und trans* Männer gibt, die die vollzogene Angleichung bereuen. Sogenannte Detransitioners sehnen sich in ihr ursprüngliches Geschlecht zurück.
Der Rückweg ist schwer
Das ist nicht nur ein psychisches Problem, sondern auch ein finanzielles. Angleichende Therapien samt Operationen werden immer besser – und teurer. Ein Zurück ist nicht weniger kostenintensiv.
„Das zeigt, wie wichtig Beratung und Diagnostik im Vorfeld sind“, betont Ralph Beigel und empfiehlt: „Man sollte nicht unmittelbar nach der Operation jegliche fachliche Begleitung abbrechen.“ Früher oder später komme ein Moment harten Aufschlagens in der Realität, und dann sei es wichtig, einen professionellen Unterstützer zu haben, der einen kennt und da sei, wenn es schwer wird im herbeigesehnten Leben danach.
„Ich rate immer: Hören Sie sich Lebensgeschichten von transidenten Menschen an, die weit voraus sind – und dann überlegen Sie noch ein, zwei, drei Mal. Denn am Ende muss die Behandlung genau die für Sie richtige sein“, fährt er fort. „Die Hormonbehandlung und die geschlechtsangleichende Operation stehen ganz am Ende des Wegs, von dem es zuvor Abzweigungen gibt oder Zwischenhalte. Es ist okay zu sagen: ,Es gibt einen anderen Ausweg aus meiner Situation, ich bin mir nicht mehr sicher, dass ich den Rest meines Lebens so fühlen werde wie jetzt gerade!´“
Der erfahrene Psychiater hat immer wieder erlebt, wie Lebensentwürfe plötzlich massiv infrage standen oder eine über Jahre gültige 100-prozentige Gewissheit langsam erodierte – wenn etwa in das Bewusstsein sickerte, dass manche körperlichen Veränderungen nicht ungeschehen zu machen sind. „Menschen irren eben – so auch hier“, meint der Psychiater. „Ich habe mehrfach beobachtet, dass Menschen psychische und sonstige Probleme fälschlich als Transsexualität deuten“, erklärt der Psychiater. „Wer nach Hormongaben und OP merkt, dass seine psychischen Probleme geblieben sind, kann schnell verzweifeln.“
Trans* löst nicht alle Probleme
Die Unterscheidung zwischen psychischen Problemen und psychischem Leiden aufgrund der Transidentität – etwa wegen Ablehnung durch das soziale Umfeld – scheint entscheidend.
Eine vor Jahresfrist veröffentlichte Übersichtsstudie von Tamara Syrek Jensen vom US-Gesundheitsministerium stützt die These, dass eine geschlechtsangleichende Operation die psychischen Probleme von transidenten Menschen meist nicht zu lösen vermag. Und eine in Schweden vorgenommene Langzeitstudie, in der transidente Personen drei Jahrzehnte lang begleitet worden waren, ergab ein bis zu 20-fach höheres Risiko für psychische Beeinträchtigungen bis hin zu heftigen psychischen Störungen. Das lakonische Fazit dieser Studie von Cecilia Dhejne vom Karolinska-Institut in Solna: „Die eigentliche Ursache, wegen der diese Menschen ihr biologisches Geschlecht ablehnen, wurde nicht bearbeitet.“
Auch das Sexualleben verändert sich. Vor allem von trans* Frauen gibt es Aussagen wie diese: „Ich habe mit der Operation einen Teil des sexuellen Empfindens und des Gefühls beim Orgasmus verloren. Wenn es etwas gibt, worunter ich leide, dann, dass ich Sex nicht mehr wie früher fühlen und erleben werde.“ Und der Psychiater Ralph Beigel berichtet von einer trans* Frau, die ihm sagte, dass sie ihre Sexualität nicht mehr so intensiv wie zuvor empfinden könne und dass dieser Verlust sich anfühle, als sei eines der eigenen Kinder gestorben.
Doch es gibt auch viele glückliche transidente Lebensentwürfe. Und diese spiegeln sich auch zunehmend in den Medien wider. Zum Beispiel hatte sich in einer TV-Serie ein Vater als transident geoutet. Auf die Frage, ob Daddy sich denn nun künftig immer als Frau „verkleiden“ würde, antwortete er: „Nein. Ich habe mich mein ganzes Leben lang als Mann verkleidet. Damit ist nun Schluss. Das, was du vor dir siehst, das bin ich!“
Auch Anja Bäcker fühlt sich angekommen, wenngleich sie dunkle Phasen nach dem Prozess der Geschlechtsangleichung durchaus kennt – und Momente des Zweifelns auf dem Weg dorthin. „Egal, ob du als trans* Person endest oder in deinem ursprünglichen Geschlecht. Das Wichtigste ist, dass du dich dabei selbst respektierst“, will sie anderen mit auf den Weg geben. Unterdessen spürt man: Auch für sie als gestandene trans* Frau bedeutet „Frau sein“ nach so vielen Jahren immer noch und immer wieder harte Arbeit. Oft steht sie zum Beispiel daheim vor dem Spiegel und trainiert das Sprechen – sie arbeitet an Intonation, Modulation, Klang und Färbung der Stimme.
„Mir geht es jetzt sehr gut. Ich fühle mich sicher mit mir wie nie zuvor. Ich habe das Gefühl, als Person gewachsen zu sein. Ich versuche, alle Möglichkeiten auszuloten und setze mich dabei auch unbequemen Situationen aus“, sagt sie. Und sie erinnert sich an den Abschnitt in ihrem Leben, der sie dort hingebracht hat, wo sie heute ist. Etwa, wie ihre damalige Freundin zusah, als sie, lange vor ihrer offiziellen Transition, die ersten Male Röcke und hochhackige Schuhe anprobierte. Es würde ihr nichts ausmachen, hatte die Freundin gesagt. Doch dann schaute sie immer häufiger weg – und am Ende blieb sie weg. „Verlangen kann endlich sein, Liebe auch“, seufzt Anja und gibt mir ein Buch mit Berichten von trans* Menschen. „Geschichten aus der Steinzeit, aber ich habe sie damals verschlungen“, sagt sie lachend. Ich schlage das Buch auf, und gleich auf der ersten Seite, oben rechts, fällt mir etwas ins Auge, das sich in all ihren Büchern findet – sie hat es hineingeschrieben: etwas, das ihre neue Identität markiert. Es ist ihr Name, auf den ich wieder einmal stoße: „Anja Bäcker“.
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