Nur in Sonntagsreden brilliert Vater Staat bei der Förderung von Forschung und Bildung. Private Stiftungen wachsen zunehmend in die Rolle von Wissenschafts-Sponsoren.
Text: Michael Zick unter Mitarbeit von Martin Grauer
Der Professor sieht sich als Katalysator: Die brandneue „ Exzellenz-Stiftung” sei womöglich allein deswegen gegründet worden, um seine Auswanderungslust zu stoppen. Jetzt bleibt Theodor Haensch, Physik-Nobelpreisträger 2005, in deutschen Landen und darf sogar weiterarbeiten. Eigentlich hätte der 65-jährige Wissenschaftler nach dem deutschen Gesetz in Pension gehen müssen. Da wäre er doch lieber gleich ganz gegangen – zum Forschen in die USA.
Nun jedoch zahlt die jüngst gegründete „Exzellenz-Stiftung zur Förderung der Max-Planck-Gesellschaft” sein Gehalt als Direktor des MPG-Instituts für Quantenoptik für die nächsten fünf Jahre und garantiert ihm weitere fünf Jahre als „Emeritus”. „Die Person Haensch war eher Zufall”, sagt Prof. George Turner, Vorstandsmitglied der Stiftung, „hat aber das Tempo der Gründung beschleunigt.”
Die Idee einer institutionalisierten Hilfestellung für wissenschaftliche Elite, erläutert Turner, hatte der Initiator der Exzellenz-Stiftung – der Stuttgarter Verleger Stefan von Holtzbrinck – schon länger. Die Max-Planck-Gesellschaft bot sich als Rahmen an, weil dort Renommee und Verwaltung vorhanden sind. „ Wir wollen null Geld für Verwaltung ausgeben, wir wollen direkt und sofort spürbar helfen”, betont Turner.
Im Fall Haensch konnte so die drohende Abwanderung eines renommierten Forschers in die USA abgewendet werden. Neben dem Erhalt seines Arbeitsplatzes im Institutslabor durch die Exzellenz-Stiftung kann sich Theodor Haensch zudem noch über einen Platz im Uni-Lehrsaal freuen, denn die Carl Friedrich von Siemens Stiftung richtet ihm zusätzlich einen Lehrstuhl an der Ludwig-Maximilians-Universität München ein – auch das wäre nach Beamtenrecht für einen 65-Jährigen nicht möglich gewesen.
Es lässt sich also mit Entschlossenheit und vergleichsweise wenig Geld durchaus etwas bewegen. Zwar verfügt der staatliche Bildungssektor über Milliardenbeträge. Doch wenn man genauer hinschaut, haben die öffentlichen Haushalte für „Extras” kaum Spielraum. Rudi Beer von der Landesstiftung Baden-Württemberg rechnet exemplarisch vor: „Von den 3 Milliarden Euro, die Baden-Württemberg für die Hochschulen zur Verfügung hat, müssen 5700 hauptamtliche Professoren und eine Riesenzahl von Angestellten und weiteren Mitarbeitern bezahlt werden.” Beer veranschlagt allein für Personalaufwendungen und andere Hochschul-Infrastrukturen 2,5 Milliarden Euro. „Das Land hat nur ganz geringe flexible Mittel, um zusätzliche Forschung anzustoßen.”
Bundesweit stellte die öffentliche Hand, also Bund und Länder, im Jahr 2002 laut dem aktuellen „Bundesbericht Forschung” 16,3 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung (F&E) zur Verfügung. Die Wirtschaft gab 2002 mit rund 36 Milliarden Euro mehr als das Doppelte für F&E aus. Die gemeinnützigen Stiftungen sponserten Wissenschaft, Forschung und Bildung mit 330 Millionen Euro – also mit etwa 2 Prozent der staatlichen Ausgaben.
Diese Summen versinken scheinbar im Nichts gegenüber den Zahlen aus den USA. Dort flossen aus Stiftungen 21 Milliarden Euro (etwa 30 Prozent der Staatsausgaben) in den F&E-Bereich. Aber jenseits des Atlantiks sind naturgemäß auch die anderen Zahlen um Klassen höher: Der staatliche Sektor gab dort (2003) umgerechnet 70 Milliarden Euro, die Wirtschaft 141 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung aus – insgesamt 232 Milliarden Euro.
Doch die absoluten Zahlen sagen wenig über die Wertigkeit von Forschung und Entwicklung in den einzelnen Ländern. Einige Vergleiche können bei der Einordnung helfen:
• In Deutschland arbeiten 11,8 Menschen auf 1000 Einwohner in F&E. In den USA sind es 12,2, in Japan 13,2 und in Israel 25,6 – also mehr als doppelt so viel wie in Deutschland.
• Israel verwendet 4,6 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts (BIP) für F&E (2004). In Japan (2002) sind es 3,12 Prozent, in den USA (2003) 2,67 Prozent. In Deutschland (2003) werden 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Die Bundesrepublik steht damit an zehnter Stelle, weit hinter Schweden (4,27 Prozent) und Finnland (3,46 Prozent) und noch knapp hinter Südkorea (2,64 Prozent) und Dänemark (2,52 Prozent).
Die an Politikersonntagen so gern beschworene „höchste Priorität” von Forschung und Entwicklung, Wissenschaft und Bildung findet offenbar keinen Widerhall in der bundesdeutschen Realität. Und angesichts leerer Kassen zieht sich der Staat weiterhin aus Bereichen zurück, die früher ohne Diskussion zu den öffentlichen Aufgaben gehörten. „Der Staat kann seine Aufgaben nur noch unzu- reichend erfüllen”, konstatiert Andreas Schlüter. Und der Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft fährt fort: „Die Menschen sind immer mehr aufgerufen, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen.”
Nun hat nicht jedes Land einen Bill Gates, der sein nicht mehr konsumierbares Vermögen in eine gigantische Stiftung mit ebenso hochgestochenen Zielen eingebracht hat. Der Software-Pionier will mit seiner Frau Melinda innerhalb von 20 Jahren nichts weniger als 20 Geißeln der Menschheit ausrotten – zum Beispiel die Tuberkulose, an der alle 15 Sekunden ein Mensch stirbt.
Bill und Melinda Gates arbeiten in der Stiftung mit, achten auf Professionalität und drücken aufs Tempo. Gates will – wie viele, wenn nicht alle Stifter – den Erfolg seines Mäzenatentums erleben. Umgerechnet 25 Milliarden Euro stellt er dafür bereit. Sein Freund, der Milliardär Warren Buffett, schoss noch einmal rund 24 Milliarden Euro dazu. Diese knapp 50 Milliarden Euro entsprechen dem Stiftungsvermögen aller 14 000 deutschen Privatstiftungen. Mit 2,3 Milliarden Euro Jahresausgaben überflügelt die Gates-Stiftung das Budget der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Der puritanischen Maxime „Wer reich stirbt, stirbt in Schande” folgend, hatte um die vorletzte Jahrhundertwende der amerikanische Stahlbaron Andrew Carnegie sein Vermögen gestiftet – für Bibliotheken, das bekannte Konzert-Mekka Carnegie Hall und für die Forschung an der heutigen Carnegie Mellon University in Pittsburgh. Doch Spenden ist kein Hobby der Superreichen, es ist in der amerikanischen Gesellschaft tief verankert: Über 70 Prozent aller Amerikaner alimentieren alljährlich rund 70 000 Stiftungen mit mehr als 200 Milliarden Euro. In keinem Land gibt es mehr privat finanzierte Büchereien, soziale Dienste und Universitäten.
Die amerikanischen Eliteschmieden werden den hiesigen Universitäten beim Rennen um wissenschaftliche Exzellenz gern als Zielband vorgehalten. Dabei wird unredlich so getan, als brauche man nur zu kopieren. Ein Blick auf die Strukturen und die Finanzen von Stanford, Harvard und Co. offenbart hingegen ein komplexes Geflecht aus geldschwerer Tradition, aggressivem Marketing und harter Elitenbildung – keiner der Faktoren allein wäre zielführend.
• Alle amerikanischen Universitäten haben eigene – landesweit und international tätige – Entwicklungs-Büros, die nur mit der Einwerbung von Spenden, Stiftungen und Drittmitteln beschäftigt sind. Die Grundregel dabei: Für jede eingeworbene Million muss zunächst eine Viertelmillion investiert werden. Das Development Office der Harvard University in Boston ist ein Multimillionen-Unternehmen mit Zugriff auf 300 000 Ehemalige (Alumni).
• Der Jahresetat der Stanford University beträgt 1,6 Milliarden Euro für 14 000 Studenten. Die Technische Universität München, eine der reichsten hierzulande, hat für ihre fast 28 000 Studenten gerade mal rund 500 Millionen Euro zur Verfügung.
• Harvard kann sich auf ein Stiftungsvermögen von 16 Milliarden Euro stützen. Der Universität Düsseldorf wurden von 1991 bis 2001 30 Millionen Euro gestiftet – damit gilt sie in Deutschland als reich.
„Realistisch betrachtet”, zieht Andreas Schlüter das ernüchternde Resümee, „wird keine einzige deutsche Universität in den nächsten Jahrzehnten auch nur annähernd die Einnahmen erzielen, die einer amerikanischen Spitzenuniversität zur Verfügung stehen.”
Ähnlich vergeblich strecken sich hiesige Hochschulen – auch die mit der Hoffnung, bald als „Eliteuniversität” speziell gefördert zu werden – nach den Arbeitsbedingungen des Weizmann-Instituts in Israel. Es ist zwar eine reine Forschungseinrichtung, gilt jedoch als weltweites Paradebeispiel für wissenschaftliche Exzellenz und erfolgreiches wirtschaftliches Agieren.
Das Institut erlöst jedes Jahr knapp 80 Millionen Euro für Lizenzgebühren aus Patenten. Kooperationen mit produzierenden Firmen werden weltweit gepflegt. Den internationalen Erfolg des Instituts erklären sich Kenner mit dessen hoher Flexibilität durch absolute politische Unabhängigkeit und mit der strikten Ausrichtung auf wissenschaftliche Exzellenz: Wenn für eine Position der Top-Experte nicht zu bekommen ist, bleibt die Stelle bis auf Weiteres unbesetzt.
250 Professoren der international allerersten Garnitur bearbeiten hier alle relevanten naturwissenschaftlichen Disziplinen. Der Jahresetat beträgt rund 153 Millionen Euro. Fundraising-Büros hat das Institut weltweit, jüngst wurde eine Dependance in Brasilien eröffnet. Zu je einem Drittel kommt das Geld vom Staat und aus Drittmitteln – und das dritte Drittel fließt komplett aus Schenkungen und Stiftungen in die Institutskassen.
Doch auch in Deutschland, konstatiert Hans Fleisch, „wächst das bürgerschaftliche Engagement, und auch seine gesellschaftliche Anerkennung nimmt zu”. Mit 880 neuen Stiftungen im Jahr 2005 registriert der Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen den höchsten Jahreszuwachs überhaupt auf nun insgesamt 13 490 Stiftungen des bürgerlichen Rechts.
Knapp 30 Prozent aller Stiftungen haben sich der Förderung von Forschung und Wissenschaft, Bildung und Erziehung verschrieben. Zu den größten privatrechtlichen Stiftungen, die sich vorrangig um Forschung und Bildung kümmern, gehören die Volkswagenstiftung mit (2005) etwas über 100 Millionen Euro Gesamtausgaben, die Landesstiftung Baden-Würt- temberg mit 62 Millionen, die Alexander-von-Humboldt-Stiftung mit 53 Millionen und die Studienstiftung des Deutschen Volkes mit knapp 36 Millionen Euro.
Hans Fleisch sieht in dem seit Jahren anhaltenden Stiftungs-Boom „eine Riesenchance für unser Land, wenn die Rahmenbedingungen für Stiftungen, wie im Koalitionsvertrag angekündigt, weiter verbessert” würden. In die gleiche Kerbe schlägt Andreas Schlüter vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, denn „eine Stiftung zu errichten, ist in Deutschland immer noch ein hürdenreicher Weg”. Das beginnt mit der restriktiven steuerlichen Absetzbarkeit von Großspenden für gemeinnützige Zwecke und reicht bis zu „übermäßiger staatlicher Aufsicht bei Stiftungsgründungen”.
Schlüter ist sicher, dass bei Wegfall einiger Hemmnisse sehr viel mehr Bürger ihr Vermögen in Stiftungen einbringen würden. Zwar ist der Staat überaus schlecht bei Kasse, nicht aber seine Bürger. Das private Geldvermögen liegt derzeit bei acht Billionen Euro. Davon werden in der Dekade 2000 bis 2010 voraussichtlich zwei Billionen vererbt – das sind rund 200 Milliarden Euro pro Jahr. Da muss man ja als Forschungsmanager ins Grübeln geraten: Wie lenkt man diese Geldschwemme am besten in Stiftungen?
Dabei gehe es nicht nur um Geld, beteuert der Generalsekretär, sondern um Konzepte für die Zukunftsfähigkeit des Landes. Das beginne mit der Bildung im Kindergarten und setze sich über Talentförderung bis in die universitäre Ebene fort, etwa bis zu den derzeit rund 100 Stiftungsprofessuren, die der Stifterverband betreut. Der große Vorteil der Stiftungen liege dabei auf der Hand: Durch ihre politische und finanzielle Unabhängigkeit „ können sie auch unbequeme Fragen stellen, verkrustete Strukturen durchbrechen und neue Wege aufzeigen”.
Dazu liefert der Fall des fast verlorenen Sohnes Theodor Haensch aus München einen überzeugenden Beleg. Die erfolgreichen Bemühungen um den Nobelpreisträger sind eine plakative Erfolgsgeschichte für alle Stiftungen, die sich in Wissenschaft, Forschung und Bildung nützlich machen. Denn sie beweist, dass – neben dem souveränen Überspringen von bürokratischen Barrieren – auch mit einstelligen Millionen-Beträgen Herausragendes für die wissenschaftliche Exzellenz getan werden kann. ■




