bild der wissenschaft: Herr Prof. Khraysheh, Sie sind Generaldirektor der jordanischen Antikenverwaltung. Ihr Department ist Teil des Tourismus- Ministeriums. Sind Kontroversen da nicht programmiert?
Khraysheh: Nein. Im Namen des Ministeriums stehen „Tourismus” und „Altertümer” gleichberechtigt nebeneinander – Ministry of Tourism & Antiquities.
bdw: Kein Streit um die vorrangigen Ziele?
Khraysheh: Nun, am Anfang gab es ein paar Schwierigkeiten, weil die Tourismusleute mehr an „Business” und wir mehr an Kultur und Erhaltung interessiert waren. Aber das hat sich gegeben. Denn es ist jetzt allen hier klar: Das Öl Jordaniens ist sein Kulturerbe.
bdw: Können Sie dazu Zahlen nennen?
Khraysheh: Etwa zwölf Prozent der Staatseinnahmen stammen aus dem Tourismus.
bdw: Wie schlägt sich das in der Privatwirtschaft nieder?
Khraysheh: Zum Beispiel sind in den letzten Jahren in Petra rund 40 neue Hotels entstanden. Wir hatten im Boomjahr 2000 eine Million Besucher. Nach dem 11. September 2001 sind die Zahlen allerdings überall um 50 Prozent gesunken. Für 2010 rechnen wir in Petra dennoch mit drei Millionen Besuchern.
bdw: Und die zahllosen anderen archäologischen Stätten?
Khraysheh: Die Altertümer gehören allen Menschen. Wir wollen, dass möglichst viele von unserem kulturellem Erbe erfahren. Wir haben ja alles – von der Steinzeit über die Bronze- und Eisenzeit bis hin zur hellenistisch-römischen Periode. Die bisherigen Grabungen werden deshalb weitergeführt. Dabei wird es aber verstärkt um Konsolidierung und Restaurierung gehen. Und: Die Dinge müssen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
bdw: Was geschieht mit den noch unerforschten Landstrichen?
Khraysheh: Es gibt mit Sicherheit unzählige unentdeckte Stätten, vor allem östlich des Desert-Highway und in der Wüste nach Syrien. Dort müssen verstärkt archäologische Oberflächenuntersuchungen, Surveys, unternommen werden – bevor die Straßenbaumaschinen kommen.
bdw: Bildet Jordanien eigene Altertumswissenschaftler aus?
Khraysheh: Die Universität in Irbid ist dafür ein Schwerpunkt. Dort werden Archäologen und – nicht zu vergessen – Ingenieure ausgebildet. Wir haben inzwischen sehr gutes Personal für archäologische Arbeiten, aber nie genug.
bdw: Bekommen Sie Unterstützung von außen?
Khraysheh: Die deutschen Regierungen haben viel für die Archäologie in Jordanien getan – speziell bei Ausbildung und Grabung. Ihr Botschafter engagiert sich sehr für uns.
bdw: Herr Khraysheh, Sie haben in Deutschland studiert – wann und was?
Khraysheh: Ich habe von 1981 bis 1986 Semitische Wissenschaft und Biblische Archäologie in Marburg studiert. Danach, bis 1999, habe ich archäologisch in Ostjordanien gearbeitet.
bdw: Wünschen Sie sich manchmal vom Schreibtisch weg?
Khraysheh: Manchmal hätte ich richtig Lust, wieder im Staub zu arbeiten.
bdw: Ihre Erinnerungen an Deutschland?
Khraysheh: Das war eine sehr schöne Zeit. Ich habe bis heute viele deutsche Freunde, auch wenn sie es einem nicht immer leicht machen: Die Deutschen sind wie Dieselmotoren – sie brauchen ein Weile, bis sie warm werden.
Das Gespräch führte Michael Zick
Michael Zick




