Australopithecus afarensis gilt als eine Schlüsselfigur in der modernen Anthropologie: Seit den ersten Funden in den 1970er Jahren hat diese Homininen-Art aus Ostafrika Einblicke in eine spannende Ära der menschlichen Entwicklungslinie ermöglicht. Denn die mehr als drei Millionen Jahre alten Vormenschen besaßen eine Mischung aus noch affenartigen und menschlichen Merkmalen. Man nimmt an, dass aus A. afarensis alle späteren Vertreter des menschlichen Stammbaums hervorgegangen sind – einschließlich des Homo sapiens. Bisherige Untersuchungsergebnisse legen nahe, dass diese Homininen bereits aufrecht gingen, ein etwa 20 Prozent größeres Gehirn als Schimpansen besaßen und möglicherweise schon scharfe Steinwerkzeuge verwendeten.
Zwei offenen Fragen auf der Spur
Neben dem berühmten Fossil „Lucy“ gilt das sogenannte „Dikika-Kind“ als wichtigster Fund von A. afarensis. “Dieses Fossil hat eine entscheidende Rolle bei der Erforschung der Frage gespielt, wie wir zu Menschen wurden”, sagt Zeresenay Alemseged von der University of Chicago. Der Anthropologe leitete die Ausgrabungen in Äthiopien, bei denen im Jahr 2000 das Skelett des Australopithecus-Kindes gefunden wurde. Gemeinsam mit internationalen Kollegen präsentiert er nun neue Erkenntnisse, die Licht auf zwei bisher kontrovers diskutierte Fragen werfen: Besaß das Gehirn von A. afarensis bereits eine menschenähnliche Organisation? Und: Ähnelte das Muster des Gehirnwachstums dem von Schimpansen oder unserem?
Die zweite Frage hat große Bedeutung, denn die vergleichsweise lange Entwicklungszeit des menschlichen Gehirns gilt als eine wichtige Grundlage unserer geistigen Fähigkeiten: Menschenkinder lernen durch die verzögerte Hirnentwicklung länger als die Jungtiere der Schimpansen. Sie sind dadurch allerdings auch länger von elterlicher Fürsorge abhängig. Die evolutionären Wurzeln der verzögerten Hirnentwicklung und langen Kindheit beim Menschen sind bisher allerdings unklar.
Affenähnliche Strukturen
Um die Organisation und das Wachstumsmuster des Gehirns von A. afarensis zu untersuchen, haben Alemseged und seine Kollegen den Schädel des Dikika-Kindes und sieben weitere teilweise erhaltene Schädel aus Äthiopien mittels hochauflösender Computertomographie und durch Abgüsse untersucht. „Nach sieben Jahren Arbeit hatten wir endlich alle Puzzleteile, um die Evolution des Gehirnwachstums zu untersuchen: Das Sterbealter des Dikika-Kindes und sein Gehirnvolumen und das der am besten erhaltenen erwachsenen A. afarensis Fossilien, sowie Vergleichsdaten von mehr als 1600 modernen Menschen und Schimpansen“, sagt der Erstautor der Studie, Philipp Gunz vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig (MPI-EVA). Reste der Gehirne sind zwar nicht erhalten geblieben, aber die Organe haben Abdrücke auf der Schädelinnenseite hinterlassen, die Rückschlüsse auf die einstigen Strukturen ermöglichen, erklären die Forscher.





