Limes, lernt der Lateiner, bedeutet so viel wie Grenzweg oder Schneise. Heute sind damit normalerweise die Grenzen des Römischen Reiches gemeint, die nicht von Meer und Flüssen umspült wurden. In Obergermanien und Rätien wurden sie durch Palisaden, Graben und Wall beziehungsweise eine Mauer markiert, im Norden Britanniens durch den steinernen Hadrianswall, in Kappadokien und Syrien durch eine Militärstraße. In Dakien, dem heutigen Rumänien, zogen sich Wall und Graben durch die Erde, in Tunesien und Algerien durch den Wüstensand. Selbst das militärische Aufgebot an Kastellen und Wachtürmen entlang der Donau – in Österreich, Ungarn, der Slowakei und Kroatien – wird Limes genannt, obwohl dort der Fluss ein natürliches Hindernis bildete.
Ursprünglich stammt der Begriff Limes aus dem Rechtswesen und bezeichnete die Grenze von Grundstücken. An Wachtürme und Kastelle, Wälle und Gräben dachte dabei niemand – der militärische Sinn kam erst später hinzu.
Wie aber nannten die Zeitgenossen das Befestigungswerk in den römischen Provinzen Obergermanien und Rätien? Die Wissenschaftler rätseln.
Die Menschen im Mittelalter konnten es kaum glauben, dass ein solch imposanter Bau von ihresgleichen geschaffen worden war. Der Satan höchstpersönlich sei am Werk gewesen. Als Christus auf der Erde weilte, habe er mit dem Gottessohn einen Pakt geschlossen: Um die jeweiligen Herrschaftsgebiete klar voneinander abzugrenzen, sollte der Teufel sein Reich bis zum nächsten Morgen mit einer Mauer umgeben. Eifrig machte sich der Höllenfürst ans Werk, riss aus den Bergen zentnerschwere Felsstücke herab und türmte sie übereinander. Mit seinem glühenden Schweif brannte er eine tiefe Furche in die Erde. Doch zu gierig war der Satan zugange, vergaß die Zeit, und als der Hahn krähte und ihn fortjagte, hatte er sein Werk nicht einmal zur Hälfte vollendet. Trotzdem blieb ein Stück der „Teufelsmauer” als sichtbares Andenken seines Treibens zurück.
Eine zweite Bezeichnung für die Grenzanlage in Obergermanien und Rätien taucht in Urkunden aus dem 8. Jahrhundert auf. Dort ist oft von phâl – Pfahl – die Rede. Der Begriff geht auf das lateinische Wort „palus” zurück und benennt ein zugespitztes, in den Boden gerammtes Bauholz. Vielleicht, so vermuten die Wissenschaftler, wurden damit in der Antike die Palisaden bezeichnet, die lange vor Graben, Wall und Mauer die römische Reichsgrenze zum Germanengebiet markierten. Für Andreas Thiel, Archäologe am Baden-Württembergischen Landesdenkmalamt in Esslingen, steht fest: „Wenn ich mich bei einem Römer nach dem Limes erkundigen wollte, würde ich nach dem palus fragen.”




