Wenn die Sonne untergeht am Viktoriasee, wird es schlagartig dunkel. Der zweitgrößte Süßwassersee der Welt liegt genau am Äquator, und die Dämmerung ist deshalb kurz. Eine „blaue Stunde” gibt es hier nicht. In der Schwärze der afrikanischen Nacht, die nun beginnt, flammen auf dem Wasser Tausende von Lichtern auf. Sie gehören Fischern, die mit kleinen Booten auf den See hinausfahren, um Viktoria-Sardinen zu fangen. Das Licht soll die kleinen, von den Menschen am See „Omena” genannten Fische nach oben in die ausgeworfenen Netze locken. Die Arbeit ist hart, doch sie verschafft den Fischern und vielen anderen Menschen rund um den See Nahrung. Rund 175 000 Fischer leben an dem knapp 70 000 Quadratkilometer großen Gewässer, das fast so groß ist wie Bayern.
Das Licht auf den Booten stammt aus Petroleumlampen – allerdings nicht aus Stalllaternen mit einem Draht, wie sie früher in Deutschland üblich waren und in afrikanischen Häusern noch heute gang und gäbe sind –, sondern aus Hochdrucklampen, in denen ein Glühstrumpf zum Leuchten gebracht wird. Die Lampen erfüllen ihren Zweck, doch sie kosten die Fischer viel Geld und Mühe. Ständig ist etwas zu reparieren: Düsen sind zu reinigen, Glühstrümpfe zu wechseln und gebrochene Gläser zu ersetzen. Die Kleidung der Fischer ist häufig verschmutzt mit Ruß und Petroleum. Und: Petroleum ist teuer. Ein merklicher Teil der Einnahmen, die ein Fischer für seinen Fang bekommt, muss er wieder für den Brennstoff ausgeben.
Nacht für Nacht werden am Viktoriasee Tausende von Litern Petroleum verbrannt. Etwa 20 Millionen Liter sind es im Jahr. Nicht nur die Fischer nutzen Licht aus Petroleumlampen, sondern auch ein großer Teil der rund 30 Millionen Menschen an seinen Ufern. Elektrischen Strom gibt es nur in größeren Orten, und auch dort können es sich nur wenige leisten, ihre Hütte ans Stromnetz anzuschließen.
ENERGIE FÜR ALLE
In München, rund 6000 Kilometer vom Viktoriasee entfernt, sitzt Wolfgang Gregor an seinem Schreibtisch und wundert sich. Gregor ist Manager beim Lampenriesen Osram, einem Tochterunternehmen des Siemens-Konzerns. Er sagt: „Wenn es sich jemand zur Leidenschaft gemacht hat, Licht zu verkaufen, dann lässt ihn so etwas nicht ruhen.” Gregor fragt sich, „warum da ein Markt ist, an dem wir nicht teilnehmen”. Dieser Markt ist groß, nicht nur am Viktoriasee, sondern auf dem ganzen Kontinent, ja auf der ganzen Welt. Die Zahlen kennt der einstige Vertriebsleiter des Unternehmens auswendig: 105 Millionen Haushalte in Afrika sind ohne Strom, 125 Millionen in Indien, 65 Millionen im Rest der Welt – insgesamt rund 1,6 Milliarden Menschen, fast ein Viertel der gesamten Menschheit. Alle diese Menschen brauchen Licht, und ein großer Teil davon wird bislang mit Petroleum erzeugt. Mindestens 30 Milliarden Euro kostet das jedes Jahr.
Das Rezept von Osram lautet: „Umeme Kwa Wote”. Das ist Suaheli und bedeutet „Energie für alle”. Es ist der Name eines Projekts, das Anfang 2008 in der kenianischen Kleinstadt Mbita am Ostufer des Viktoriasees seinen Anfang nahm. Die Idee ist einer afrikanischen Einrichtung nachempfunden: dem Dorfbrunnen, zu dem Tag für Tag die Menschen aus den umliegenden Hütten kommen, um Wasser zu holen.
Genau das soll nun auch mit der elektrischen Energie geschehen. Die Idee: Wo kein Stromnetz existiert, erzeugen Solaranlagen an einem zentralen Ort Strom, der in tragbaren Akkus gespeichert wird. Diese Speicher werden gegen Pfand verliehen und können Lampen oder kleine elektrische Verbraucher mit Strom versorgen. Ist der Akku entladen, bringen ihn die Menschen zur Solaranlage und tauschen ihn einfach gegen einen vollen Stromspeicher aus. Den ersten dieser „O-Hubs” – der zentralen Schaltstellen für den Handel mit den Leuchten – hat Osram mit seinen lokalen Partnern in Mbita gebaut, wobei das „O” für Osram steht. Maurer zogen ein zweistöckiges Gebäude in die Höhe, Techniker installierten auf dem Dach ein 82 Quadratmeter großes Sonnensegel, einfache Regale aus Stahl im Inneren nehmen die Akkus auf. Die Technik ist so einfach und robust wie möglich gehalten – schließlich soll sie mit geringem Wartungsaufwand problemlos funktionieren.
VOLL GEGEN LEER
Das gilt auch für die Akkus und Lampen, die die Menschen mit nach Hause oder auf ihre Boote nehmen sollen. Die Bleiakkus sind in einen insgesamt etwa 4,5 Kilogramm schweren Blechkoffer eingebaut. „O-Box” haben die Osram-Leute diesen Energiespeicher genannt. Dazu gibt es passende Lampen: Die „O-Lamp” ist mit einer Energiesparlampe versehen, die wahlweise 6 oder 11 Watt leistet und – angeschlossen an den Akkukoffer – auch einfache Hütten mindestens zehn Stunden lang beleuchtet. Oder sie wird von den Fischern auf kleinen Flößen installiert, die sie auf dem See zu Wasser lassen. Bei einer anderen Lampe, der „O-Lamp 1″, die ähnlich aussieht wie eine Petroleumlampe, ist der Akku mit eingebaut. Und sie ist mit einer fünf Watt starken Energiesparlampe versehen, die sich besonders gut zum Lesen eignet. Sie soll wie die O-Box im Tausch „voll gegen leer” erhältlich sein.
Soweit die Idee und die Technik. Doch wie wird daraus ein Konzept, das sich durchsetzt? Wie lässt es sich vermeiden, dass diese Idee ins Aus läuft wie so viele andere gute oder gut gemeinte Ideen in Afrika? Es ist nicht nur ein Klischee, dass auf dem Kontinent so manches erfolgversprechende Konzept untergeht in Korruption und Vetternwirtschaft oder im Chaos versinkt, weil an den Bedürfnissen der Menschen vorbei gedacht wurde, und weil sich niemand um die konsequente Umsetzung kümmert.
„People, planet, profit” („die Menschen, die Welt, der Gewinn” ) könnte das Problem lösen, ist Wolfgang Gregor überzeugt. Bei dem Projekt soll es um die Menschen gehen und ihre Bedürfnisse. Auch Ökologie und Umweltschutz sollen eine Rolle spielen – und natürlich der Profit. Denn Osram ist keine Hilfsorganisation, sondern ein Unternehmen, das Geld verdienen will. „Wenn eines dieser drei P wegfällt, ist das Ganze eine Totgeburt”, erklärt Gregor, der viele Jahre seines Berufslebens in Konzernniederlassungen außerhalb Europas verbracht hat. Heute hat er als Manager bei Osram die Aufgabe des „Leiters Nachhaltigkeit” .
Als er das Projekt auf den Weg brachte, ging es ihm zunächst darum, herauszufinden, welche Veränderungen elektrisches Licht den Menschen bringen würde. Was geschieht, wenn sich über Jahrzehnte gewachsene Gewohnheiten plötzlich verändern? Wenn Menschen, die früher ihre Abende in der Dunkelheit, im Schein eines Feuers oder im spärlichen Licht einer Petroleumlampe verbracht haben, plötzlich alles hell beleuchten können? Was wird aus den kleinen Händlern vor Ort, die vom Handel mit dem Petroleum und den zugehörigen Lampen profitieren, wenn auf einmal ein Konzern aus Deutschland kommt – mit viel Geld und einer Technik, die zunächst unbezahlbar erscheint? Ist ein faires Geschäft überhaupt möglich?
Grosser Nutzen für die Armen
Gerhard Mair sucht Antworten auf diese Fragen. Der junge Südtiroler studiert an der Universität Wien Umwelt- und Bioressourcenmanagement, hat im Zweitstudium Entwicklungspolitik belegt und ist von Osram beauftragt, auch diese Seite der Entwicklung zu untersuchen. Viele Wochen hat er mit den Menschen in den Dörfern verbracht, ihren Tagesablauf analysiert, intensiv mit ihnen diskutiert und so versucht, ihre Bedürfnisse genau zu ergründen. Sein Resümee: Vor allem die ärmeren Menschen könnten von dem neuen Licht profitieren.
Marketing in Mbita
Maßgeblich für den Erfolg des Projekts ist Jochen Berner. Der studierte Handelslehrer aus dem Schwabenland ist der verantwortliche Projektmanager vor Ort. Er hält sich immer wieder in Mbita auf, wo bereits seit einigen Monaten Solarstrom produziert und Leihakkus geladen werden. Mitarbeiter einer kenianischen Firma, die schon seit vielen Jahren in dem ostafrikanischen Land Produkte von Osram vertreibt, kümmern sich dort um den täglichen Betrieb, um die Annahme, das Laden und die Abgabe der Akkumulatoren.
„Wir sind gerade dabei, klassisches Marketing zu betreiben”, sagt Berner. Das bedeutet: überzeugen, verhandeln, Beziehungen knüpfen. Denn trotz aller guten Argumente verkauft sich das Produkt nicht von selbst. Das mussten die Osram-Mitarbeiter schon nach den ersten Tests erfahren. „Wenn ich sehe, dass es zwei Bäcker im Ort gibt, von denen der eine das Brot halb so teuer verkauft wie der andere, dann ist mir als rationalem Europäer klar, wo ich das Brot kaufe”, erklärt Berner. Doch für die Fischer am Viktoriasee zählen auch andere Argumente. Eines davon ist die strenge Hierarchie, in die sie eingebunden sind. Ganz oben steht der „District Beach Management Officer”, ein Regierungsbeamter, der sich auch um die Belange der Fischer kümmert. Er schreibt ihnen zwar nicht vor, welche Lampen sie verwenden sollen, aber es empfiehlt sich, ihn für die gute Sache zu gewinnen. Denn sein Wort hat Gewicht.
Lampen gegen Pfand
Vieles spricht für die elektrischen Lampen – schon der Preis: Der Betrieb einer Petroleumlampe kostet etwa 150 kenianische Schilling pro Nacht – umgerechnet knapp 1,50 Euro. Den größten Anteil daran hat der Brennstoff, zu dem noch die Kosten für die Glühstrümpfe hinzukommen, die regelmäßig gewechselt werden müssen. Für eine Akkuladung Solarstrom vom Energiebrunnen verlangen die von Osram engagierten Leute dagegen bloß 100 Schilling – ein spürbarer Preisunterschied. Die Akkus werden wie die Lampen von den Betreibern gegen Pfand verliehen. Doch bisher gibt es nur wenige Fischer, die mit einer elektrischen Lampe zum Fischen fahren. Der District Beach Management Officer ist zwar nicht abgeneigt, doch eine klare Empfehlung gibt er bislang nicht. Und die Fischer zögern, ihre traditionelle Technik, die sie jahrzehntelang verwendet haben, durch etwas völlig Neues zu ersetzen. Immerhin nutzen bereits einige Dutzend Menschen aus dem Ort den Sonnenbrunnen. Sie schätzen das Licht, weil es im Gegensatz zu den vielfach im Haus eingesetzten Petroleumlampen nicht flackert, keinen Ruß und Gestank entwickelt und auch kein Brandrisiko birgt. Einer der Pioniere im Dorf ist ein junger Massai, von dem Wolfgang Gregor erzählt. Nun könne er seinem Vater am Abend endlich etwas vorlesen, erklärte der junge Mann. An Geld fürs Petroleum fehlte es in der vergleichsweise wohlhabenden Familie zwar nicht, doch im flackernden Licht der rußenden Lampe war an längeres Lesen nicht zu denken.
Interessant ist das elektrische Licht aber nicht nur für Fischer und private Haushalte, sondern auch für kleine Gewerbetreibende, von denen es in den Dörfern rund um den See etliche gibt. Sie haben kleine Gästehäuser, Restaurants oder Läden, in denen sie Dinge des täglichen Bedarfs verkaufen. Mehr Licht bedeutet für sie längere Öffnungszeiten, mehr Kundschaft und mehr Umsatz – das haben bereits die ersten Testwochen gezeigt. Jochen Berner verfolgt bei seiner Arbeit einen Grundsatz, den Osram von Anfang an pflegte: Das Unternehmen investiert zwar Geld, um das Projekt zum Laufen zu bringen – die Energiestationen will es jedoch nicht langfristig betreiben. Das sollen Unternehmen vor Ort tun. Auch die O-Boxen und Lampen werden von einem Partnerunternehmer von Osram in Kenia gefertigt – unter Verwendung von Bauteilen, die teilweise aus Deutschland stammen. Neben der ersten Anlage in Mbita sind in Kenia noch zwei weitere O-Hubs entstanden. In Uganda ist der vierte in Bau, der ebenfalls bald in Betrieb gehen wird.
Ob sich aus der Idee, in die Osram rund zwei Millionen Euro investiert hat, wirklich ein langfristiges Geschäft entwickelt, entscheidet sich voraussichtlich in diesem Frühjahr. Dann stellen die Unternehmenslenker in der Münchner Firmenzentrale die Weichen, ob es bei den Testprojekten bleibt – oder ob daraus ein Geschäftsmodell für ganz Afrika und viele andere Länder der Welt wird.
HANDYS FÜR AFRIKA
Es wäre nicht die erste Erfolgsgeschichte eines großen westlichen Konzerns, der sich mit seinen Produkten in Afrika einen Massenmarkt erschließt. Die jüngste ist erst einige Jahre alt und wurde von Mobilfunkunternehmen geschrieben: Selbst in abgelegenen Winkeln Afrikas gibt es heute ein Mobilfunknetz. Das ermöglicht Menschen, die ihr Leben lang sonst nie die Chance hätten, ein eigenes Telefon zu besitzen, die Möglichkeit, zu telefonieren. Heute hat mehr als jeder vierte Afrikaner ein Handy – eine Entwicklung, die vor wenigen Jahren kaum jemand für möglich hielt. Das beweist: Auch auf dem vermeintlich „verlorenen Kontinent” kann die richtige Idee eine große Kraft entfalten. ■
Ulrich Dewald ist Online-Redakteur beim Konradin- Verlag. Er hat schon mehrfach Afrika bereist und weiß, wie wertvoll Licht dort ist.
von Ulrich Dewald




