Unser Gehirn verändert sich beim Heranwachsen und passt sich auch danach stetig an neue geistige Herausforderungen an. Unter anderem bilden sich neue Nervenverbindungen, wenn wir in jungen Jahren unsere Muttersprache oder eine Zweitsprache lernen, wie frühere Studien zeigen. Aber wie anpassungsfähig ist unser Gehirn im Erwachsenenalter, wenn wir eine neue Fremdsprache lernen? Dazu gibt es verschiedene Modelle, jedoch bislang kaum direkte Untersuchungen.
Was passiert beim Deutsch-Lernen im Gehirn?
Ein Team um Xuehu Wei vom Max-Planck-Institut (MPI) für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig hat diese Frage nun genauer erforscht. Dafür organisierten die Forschenden einen sechsmonatigen Intensivkurs, in dem 51 arabische Muttersprachler, die aus Syrien geflohen waren, die deutsche Sprache lernten. Die Testpersonen hatten keine Vorkenntnisse im Deutschen und beherrschten auch keine andere Zweitsprache, Ziel war das Sprachniveau B1. Mit hochauflösender Magnetresonanztomographie (MRT) nahmen die Wissenschaftler je drei Gehirnscans der jungen Teilnehmenden auf – zu Beginn, in der Mitte und am Ende des Sprachkurses – und werteten diese aus. Insbesondere beobachteten die Forschenden, wie sich die verschiedenen Gehirnareale beim Lernen der Fremdsprache miteinander verknüpften. Diese Veränderungen verglichen sie mit dem jeweiligen Lernfortschritt der Testpersonen, der per Standard-Sprachtests des Goethe-Instituts ermittelt wurde.
Das Ergebnis: Innerhalb der Areale des sogenannten Sprachnetzwerks in der linken Gehirnhälfte verstärkten sich durch das Sprachenlernen die Nervenverbindungen. Zudem waren zusätzliche Regionen in der rechten Hemisphäre aktiv, während die Testpersonen Deutsch lernten, wie die MRT-Bilder zeigten. Auch dort entstanden neue Nervenverbindungen. „Die Konnektivität zwischen den Spracharealen nahm in beiden Hemisphären mit dem Lernfortschritt zu“, berichtet Wei. „Das Erlernen neuer Wörter stärkt die lexikalischen und phonologischen Teilnetze in beiden Hemisphären, insbesondere in der zweiten Hälfte der Lernphase.“ Demnach verändern sich beim Sprachenlernen die neuronalen Verbindungen zwischen den Gehirnregionen, die zur Verarbeitung von Sprachbedeutung und Aussprache benötigt werden. Das Gehirn passt sich damit an die neuen kognitiven Anforderungen an. Das ermöglicht es den Lernenden, in der neuen Sprache zu kommunizieren und zu denken, wie Wei und ihre Kollegen berichten.






