Homo faber, dieser Mensch, der sich seine eigene Welt schafft, hat es Jürgen Mittelstraß angetan. Der Philosophie-Professor an der Reform-Universität Konstanz betrachtet diese Mischung aus Wissenschaftler und Künstler mit einer gewissen Sympathie, ohne seine zerstörerischen Charakterzüge zu verkennen. Mittelstraß geht es vor allem um Mensch und Entwicklungen an den Schnittstellen zweier Welten.
In Zeiten wirtschaftlicher Prosperität, zumal dann, wenn eine Gesellschaft mit sich im reinen ist, scheint die Welt in Ordnung. Diese Ordnung schließt auch Wissenschaft und Technik ein. Eine moderne Gesellschaft weiß, daß Wissenschaft und Technik zu ihrem Wesen gehören, daß sie ihre Lebensgrundlagen und einen Großteil ihres Reichtums Wissenschaft und Technik verdankt.
In Form von Forschung und Entwicklung (F&E) haben sich moderne Gesellschaften zu technischen Kulturen entwickelt – zu Kulturen also, in denen wissenschaftsgestützte technische Strukturen immer dominanter, natürliche Strukturen immer blasser werden.
Damit ist klar: Wissenschaft und Technik gehören heute zu den konstitutiven Elementen einer modernen Gesellschaft. Sie stehen zugleich unter gesellschaftlichen Bedingungen, die sie fördern, gelegentlich aber auch behindern.
Forschung und Entwicklung heißt Finden und Erfinden, und das Paradigma von Finden und Erfinden ist Homo faber, der Mensch als Handwerker und Ingenieur. Dessen Ahnherr ist ein Grieche, nämlich der legendäre Daidalos, Schutzpatron der athenischen Handwerker. Daidalos tötet aus Künstlerneid seinen Neffen Talos, der Säge, Töpferscheibe und Zirkel erfunden hatte, und flieht nach Kreta.
Dort stattet er Ariadne mit einem Wollknäuel aus, das Theseus aus dem Labyrinth – auch seine Erfindung – herausführen wird, und flieht erneut mit seinem Sohn Ikaros, diesmal auf dem Luftwege. Mit Federn, Fäden und Wachs hatte er künstliche Flügel für sich und seinen Sohn hergestellt. Daidalos übersteht die gewagte Luftfahrt, Ikaros, der der Sonne zu nahe kommt, stürzt in das nach ihm benannte Ikarische Meer.
Was Daidalos und sein unglücklicher Neffe finden – Säge, Töpferscheibe, Zirkel, Labyrinth, Flugzeug -, erfinden sie. Die Natur kennt keine Sägen und keine Flugzeuge zum Transport der Ungeflügelten, nur Vögel. Sie gibt in einigen Fällen ein gewisses Vorbild ab, aber sie produziert keine Sägen und keine Flugzeuge. Die kann man daher auch nicht entdecken, man muß sie erfinden. Und eben das tut die Technik – und tut als erster, wenn man den Griechen Glauben schenken will, Daidalos. Daß es riskant ist, wenn sich der Mensch in der Technik eine neue Natur, seine Natur, macht, erfährt als erster Ikaros. Der Mensch ist kein Vogel, und wenn er fliegt, dann eben mit seinen Erfindungen und auf eigene Gefahr.
So haben sich die Griechen das Werden von Homo faber, des Wesens, das seine eigene Welt macht, gedacht: in einer Gemengelage von handwerklichem Können, hartnäckigem Finden, genialem Erfinden, kriminellem Tun und Leidenschaft. Offenbar sind derartige Gemengelagen für das Neue, das auch das Wesen von Wissenschaft, Forschung und Entwicklung ausmacht, förderlich – nicht geregelte Verhältnisse. Sollten wir das Finden und Erfinden in den Institutionen von Wissenschaft, Forschung und Entwicklung heute falsch eingerichtet haben?
Tatsächlich gleichen unsere Wissenschafts- und Entwicklungseinrichtungen heute in vieler Hinsicht eher Behörden als Abenteuerecken; wir richten sie ein wie Behörden und führen sie wie Behörden. Die Universitäten sind das schönste (und traurigste) Beispiel dafür Wie würde sich Daidalos heute fühlen angesichts unserer Universitätsverhältnisse und einer Verlautbarung nach der anderen über Innovation, Wissenschafts- und Wirtschaftsstandorte, Technikakzeptanz und (vermeintliche) Technikfeindlichkeit? Er würde wohl in sein Labyrinth fliehen. Vielleicht würde er von dort aber auch den Aufstand wider die verwaltete Forschung und Entwicklung anzetteln. Denn durchgesetzt hat er sich ohnehin.
Was sich über 2000 Jahre europäischer Entwicklung zunächst auf eine reine Kultur der Vernunft und des Verstandes beschränkte, ist in der Moderne Wirklichkeit geworden: In modernen entwickelten Gesellschaften hat der Mensch als Homo faber seine Welt und deren Evolution in die eigene, wissenschaftliche und technische Hand genommen. Die Welt wird mehr und mehr zu einem Artefakt: Wohin wir auch gehen, wo immer wir siedeln, der erkennende, analysierende, wirtschaftende, bauende, verwaltende und zerstörende Verstand war immer schon da. Entwicklungen im Wissenschafts- und Techniksystem berühren unmittelbar die Grundlagen der Gesellschaft, ebenso wie Entwicklungen im Wirtschaftssystem, die damit immer stärker verbunden sind.
Dabei hält den Motor von Wissenschaft, Forschung und Entwicklung nicht ein Energiekabel zu höheren Wirklichkeiten in Gang, sondern ein unbedingter Erkenntniswille, Rationalität ohne Wenn und Aber, Instrumentalität des Wissens und (technischen) Könnens, die Liebe zum Unbekannten und eine diebische Lust, Erkenntnis- und Technikgrenzen zu überwinden. Der moderne Mensch ist Wissenschaftler, Ingenieur und Künstler zugleich – wie Daidalos oder Leonardo da Vinci, einer der ersten der Modernen – und seine Welt ist, so betrachtet, eine Daidalos- oder Leonardo-Welt.
Es ist eine Welt, die das Werk des Menschen ist, und eine Welt, in der sich der Mensch als Homo faber ständig in seinen eigenen Werken begegnet. Leonardo spricht auch für den modernen Menschen, der zugleich Homo sapiens und Homo faber ist: Wer an einen Stern gebunden ist, der kehrt nicht um.
Doch eben dieser Stern, der Stern “Forschung und Entwicklung”, scheint heute blaß zu werden. Auf ihn fällt neben finanziellen und bürokratischen Strangulierungen der Schatten einer neuen Unsicherheit – als Akzeptanzkrise bezeichnet – und einer Politik, die hinsichtlich der Existenz der Forschung und des Werdens der modernen Welt gelegentlich Ursache und Wirkung zu verwechseln scheint.
Die These von der fehlenden Wissenschafts- und Technikakzeptanz oder gar von einer Wissenschafts- und Technikfeindlichkeit gehört in Deutschland zu den scheinbar unausrottbaren Mythen, die eine bisher überaus erfolgreiche – auch wirtschaftlich erfolgreiche – Entwicklung begleiten. Hier versammeln sich zu allen gesellschaftlichen Stunden wirkungsvoll die Klageweiber (meist männlichen Geschlechts), die ja auch nichts ändern und eben darin ihre eigentliche Befriedigung finden.
In Wahrheit ist auch am Standort Deutschland der Leonardo-Welt die Wissenschafts- und Technikakzeptanz nicht geringer als in anderen entwickelten Gesellschaften, nur daß diese Akzeptanz nicht unkritisch ist. Das aber sollte schließlich zu den Stärken, nicht zu den Schwächen einer rationalen Gesellschaft gehören, die wir ja auch sein wollen.
Anders ist das bei der erwähnten Verwechslung von Ursache und Wirkung. Hier erscheinen Wissenschaft, Forschung und Entwicklung wie ein Gut der modernen Gesellschaft, das diese sich leistet oder auch nicht, das also auch vernachlässigt werden kann. Gegenüber einem solchen Mißverständnis hat schon 1990 Hubert Markl, seines wissenschaftlichen Zeichens Verhaltensbiologe und heute Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, empfohlen, von den Tieren zu lernen, bei denen gilt, “daß man gerade in schwierigen Zeiten alles drosseln darf, nur nicht die Blutzufuhr zum Gehirn”. Alles deutet darauf hin, daß wir wieder einmal fatalerweise damit beschäftigt sind, auszuprobieren, wie lange das Gehirn ohne ausreichende Blutzufuhr wohl auskommen werde.
Nach einer älteren, aber auch heute noch wirksamen Vorstellung herrscht die Wissenschaft über die Technik, die selbst in der Gesellschaft oder über die Gesellschaft herrscht. Diese Vorstellung ist auf den ersten Blick plausibel, entspricht auch dem üblichen Selbstverständnis der Wissenschaft gegenüber den gesellschaftlichen Anmutungen von Technik und Entwicklung, erfaßt aber immer weniger die tatsächlichen Verhältnisse im Problembereich Wissenschaft-Forschung-Technik und die Wirklichkeit moderner technischer Kulturen. Das Verhältnis von Wissenschaft und Technik ist tatsächlich nicht einfach, jedenfalls nicht in dem Sinne, daß die Wissenschaft immer zuerst und die Technik immer danach kommt.
Als ein einfaches Beispiel dafür nenne ich gerne die Satellitentechnologie an. 1989 lieferte die Raumsonde Voyager 2 die ersten detaillierten Bilder und die ersten an Ort und Stelle aufgenommenen Meßwerte vom Planeten Uranus. Das war nicht nur für den Alltagsverstand spektakulär, sondern auch für die Wissenschaft ein großer Schritt. Nicht zu Unrecht hieß es von wissenschaftlicher Seite, daß Voyager 2 uns einen größeren Wissenszuwachs über die äußeren Planeten verschafft hat als die gesamte beobachtende Astronomie zuvor. Technik ist hier nicht einfach ein Anwendungsfall der Wissenschaft, vielmehr ist die Wissenschaft durch die Technik, durch neuartige Technologien entscheidend vorangetrieben worden.
Das gilt natürlich nicht nur bei der Erforschung großer und weit entfernter Objekte, sondern auch umgekehrt bei der Untersuchung dessen, was verborgen vor unseren Augen liegt. So spielen in der Physik, ebenso wie in der Biologie, technische Hilfsmittel bei der Erforschung submikroskopisch kleiner Gebilde eine entscheidende Rolle.
Technologie ist also nicht nur Anwendung, sondern auch Voraussetzung von Wissenschaft, die damit selbst “technische” Züge annimmt. Das aber heißt: Die alte Gewaltenteilung – Technik, die über die Gesellschaft, und Wissenschaft, die über die Technik herrscht – geht nicht mehr.
Und noch eine weitere Berührung findet statt: die mit der Ethik. Wissenschaft und Forschung werden nicht nur zunehmend in Anwendungen und Entwicklungen hineingezogen, sondern auch in die Verantwortungsstrukturen der Leonardo-Welt.
Verantwortet die Wissenschaft in ihrer forschenden Freiheit, verantwortet die Technik in Forschung und Entwicklung noch, was sie tun und was sie bewirken – so fragen nicht nur die Ängstlichen und die Laien unter uns.
Freiheit und Verantwortung sind im Kontext von Wissenschaft und Forschung schwierige Begriffe. Dabei treten oft Mißverständnisse auf, vor allem, wo zwischen Freiheit und Willkür nicht mehr richtig unterschieden wird und Begriffe wie Rechtfertigung und (gesellschaftliche) Verantwortung in den Vorstellungen vieler Wissenschaftler bereits zum Vokabular der Unfreiheit gehören.
Eben das aber ist ein fataler Irrtum. Freiheit ist recht verstanden immer verantwortete Freiheit, im anderen Falle Willkür.
Das gleiche gilt für das Verhältnis von Freiheit und Technik, die einerseits Teil der wissenschaftlichen Forschung ist, andererseits in Form von Forschung und Entwicklung den eigentlichen Baumeister der Leonardo-Welt stellt.
Zudem wachsen mit den Fortschritten von Wissenschaft und Technik auch mögliche Alternativen wissenschaftlicher und technischer Entwicklungen, zum Beispiel im Energie- und Verkehrsbereich. Mit ihnen intensiviert sich wiederum der gesellschaftliche Disput um Wissenschafts- und Technik-Entwicklungen, womit – Stichwort: Akzeptanz – noch einmal deutlich wird, daß dieser Disput im Grunde nicht so sehr Indiz ist für eine wankelmütig gewordene Gesellschaft, sondern Indiz für ihren Alternativenreichtum und das Problem, in – beziehungsweise unter – Alternativen zu entscheiden.
In Wissenschaft und Forschung sind es in erster Linie die unwillkommenen Folgen, die die Frage nach einem verantworteten Umgang mit Technik, und hier wiederum vor allem mit Forschung und Entwicklung, aufwerfen. Ihrer Beantwortung dienen heute das Programm und die (institutionelle) Organisation der sogenannten Technikfolgenabschätzung, doch auch diese – so notwendig sie aus theoretischen Gründen und so förderlich sie aus vielen praktischen Überlegungen ist – ist nicht genug in dem Sinne, daß sie an die Stelle ethischer Betrachtungen und Beurteilungen treten könnte.
Technikfolgenabschätzung – auch wenn diese sich nicht so sehr prognostisch, als vielmehr normativ begreift, also auch konkret Einfluß auf die Technikgenese selbst zu nehmen sucht – gehört zu den Voraussetzungen eines gesuchten verantworteten Umgangs mit Technik; sie leistet diesen noch nicht selbst.
Im übrigen hat der Bewohner einer Leonardo-Welt, der sein Leben in die eigene Hand nimmt, nicht etwa weniger ethische Probleme als seine Vorfahren, die sich in weit natürlicheren Welten einzurichten hatten, sondern eher mehr. Nicht nur, daß unsere lebensweltlichen Probleme nicht verschwinden, wenn wir unsere wissenschaftlichen Probleme gelöst haben; es ist auch die Lösung dieser Probleme, die neue ethische Probleme bringt.
Mit anderen Worten: Ethik wird zum Komplement der Forschung und ihrer Anwendung beziehungsweise zum immer längeren Schatten, den Wissenschaft, Forschung und Entwicklung in einer Leonardo-Welt werfen.
Diese Überlegungen ergänzen sich zum Bild einer Leonardo-Welt, in der Wissenschaft, Forschung und (technische) Entwicklung auf der einen Seite und gesellschaftliche Entwicklung auf der anderen Seite unabdingbar aufeinander angewiesen sind. Erlahmen Wissenschaft, Forschung und Entwicklung, geht auch der modernen Gesellschaft der Atem aus. Die Leonardo-Welt verlöre ihre Zukunft.
Wolfgang Hess





