Gegen psychische Krankheiten helfen nicht nur Pillen, Entspannung und autogenes Training. „Die Kallawaya-Indianer in den Hochanden Südamerikas haben keine Pillen und die Zeit für Entspannung schon gar nicht”, weiß Ina Rösing, Kulturanthropologin aus Ulm. Dagegen stehen bei ihnen Kräuter und lange Dorffeste mit viel Tanz und Musik auf dem Programm. Mit den Behandlungsmethoden der Kallawayas in Bolivien und Peru kennt Rösing sich inzwischen bestens aus. Schließlich studiert sie deren Leben und Rituale seit 20 Jahren. Zunächst wollte sie wissen, wie ferne Kulturen es schaffen, mit Opfern, Gebeten und tagelangen Ritualen den Psychiater zu ersetzen. Bei Vorstudien im Jahr 1983 erfuhr sie vom wundertätigen Ruf der Kallawaya-Medizinmänner und Frauen, die im gesamten Andenraum für ihre Heiler berühmt sind. Rösing lernte also deren Sprache, das Quechua, baute sich eine Lehmhütte im Dorf, schleppte täglich die Wasserrationen in schweren Tonkrügen und grub mühsam Kartoffeln aus. Aus dem projektierten Forschungsjahr wurden fünf Jahre, die sie mit den Kallawayas in deren Dorf auf 3800 Meter Höhe zubrachte. Die Heilungsrituale, die sie dabei kennen lernte, schrieb sie später in der bisher zehnbändigen Buchreihe „ Dreifaltigkeit und Orte der Kraft” nieder. 1994 machte sich Ina Rösing dann in die Himalaya-Regionen von Ladakh auf, wo sie viele Jahre die Heilungsrituale tibetischer Schamanen erforschte. Nach wie vor verschlägt es die heute 59-jährige Wissenschaftlerin jedes Jahr für ein paar Monate in die Anden und den Himalaya, um ihre Vergleichsstudien an den Ritualen der verschiedenen Kulturen fortzusetzen.
Hans Groth





