s war kurz vor Mittag. Ich saß an meinem Schreibtisch in der Firma, als der Pförtner anrief. „Hier ist ein Herr Karl Weskamp, der zu Ihnen möchte”, sagte er. „Schicken Sie ihn bitte hinauf”, bat ich ihn. Karl war mit mir zur Schule gegangen. In der Obersekunda verließ er mitten im Schuljahr von einem Tag auf den anderen das Gymnasium. Seitdem hatte ich nichts mehr von ihm gehört. Darum wunderte ich mich über seinen Besuch nach so vielen Jahren.
Karl hatte sich kaum verändert. Wir begrüßten uns herzlich, dann schlug ich vor: „Ich wollte gerade essen gehen, komm doch mit.” Karl nahm die Einladung an und wir gingen in die Kantine. Beim Essen erzählte er mir, dass er Abgeordneter im Landtag von Nordrhein-Westfalen sei und drückte mir eine Visitenkarte in die Hand, auf der neben einem farbigen Symbol „Karl Weskamp, MdL” stand. „Ich besuche möglichst viele Menschen in meinem Wahlkreis, um ihre Sorgen und Wünsche kennenzulernen”, meinte Karl. Das war also der Grund für seinen überraschenden Besuch.
„Warum hast du eigentlich damals die Schule abgebrochen?”, fragte ich Karl beim Nachtisch. „Das habe ich unserem damaligen Mathelehrer zu verdanken”, sagte er und seufzte tief. „Der alte Lämpel hatte uns eine Aufgabe gestellt, die er als sein ,Krallenproblem‘ bezeichnete. Seine Kralle war ein Kreis, bei dem ein Teil des Umfangs von außen nach innen geklappt worden war. Die beiden Endpunkte dieses Umfangsstücks und der Mittelpunkt des Kreises bildeten die Ecken eines gleichschenkligen, rechtwinkligen Dreiecks. Aus der Kreisfläche war ein kreisförmiges Stück herausgeschnitten, das die Mitte des Umfangsstücks und den gegenüberliegenden Punkt des Kreises berührte. Die Kralle umklammerte ein Quadrat.
Lämpel wollte nun wissen, welchen Flächeninhalt seine Kralle hätte, wenn das Quadrat einen Quadratmeter groß wäre. Ich bin nie ein guter Schüler gewesen, aber bei dieser Aufgabe muss meine Lösung wohl völlig unsinnig gewesen sein, denn Lämpel schüttelte entsetzt sein Haupt, als er sie sah, und sagte: ,Weskamp, du solltest die Schule abbrechen und Politiker werden. Zum Akademiker taugst du nicht.‘
Das habe ich dann auch gemacht – und wie du siehst, war Lämpels Rat nicht der schlechteste. Ich bin ein gut verdienender Politiker und habe Lämpel zu Ehren seine Kralle zu meinen Logo gemacht. Es trägt sogar Nordrhein-Westfalens Farben: Das Quadrat ist grün, der Kreis ist weiß und die Kralle ist rot.”
Dann fügte er noch augenzwinkernd hinzu: „Nach der nächsten Bundestagswahl werde ich übrigens mein Logo in schwarz-rot-gold umfärben.” „Na, dann viel Erfolg”, sagte ich. „Hast du eigentlich irgendwann einmal versucht, Lämpels Aufgabe zu lösen?” „Nein, natürlich nicht!”, meinte Karl. „Warum hätte ich das tun sollen?” Wissen Sie, welchen Flächeninhalt Lämpels Kralle hat?
So machen Sie diesen Monat mit
Teilnehmen kann jeder, außer den Mitarbeitern des Verlags und deren Angehörigen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Schicken Sie bitte Ihre Lösung (ausschließlich!) auf einer Postkarte bis zum 28. Februar 2014 an
bild der wissenschaft Kennwort „Cogito 03|14″
Ernst-Mey-Str. 8 70771 Leinfelden-Echterdingen
Die Lösung und die Namen der Gewinner werden im Juni-Heft 2014 auf der Leserbrief-Seite veröffentlicht.
… und das gibt es zu gewinnen
Unter den Einsendern der richtigen Lösung werden 5 Bücher ausgelost. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Thomas Junker beschreibt in seinem Buch „Die Evolution der Phantasie”, wie der Mensch zum Künstler wurde. Der Professor für Geschichte der Biowissenschaften an der Universität Tübingen stellt die vielen Facetten von Kunst mit deren Funktionen und Wirkungen dar. Er beschreibt ihre evolutionsbiologischen und kulturellen Wurzeln und spekuliert über ihre Zukunft. Dieses originelle, spannende und gut verständliche Buch beleuchtet ein lange viel zu wenig beachtetes Thema der Anthropologie. Weitere Informationen finden Sie auf der Verlagsseite im Internet unter www.hirzel.de.




