Die Strassen in Hyderabad sind verstopft wie immer. Halsbrecherisch nutzen die Fahrer gelber Zweitakter-Rikschas jede Lücke zwischen überladenen Lastwagen und Motorrädern in der stinkenden Autokolonne. Auf dem Gehweg überholen ein paar Kamele den schwankenden Bus, den der Fahrer mit stoischer Ruhe durch die Schlammlöcher der halb sandigen, halb asphaltierten Straßen der Vier-Millionen-Stadt lenkt. „Wer auf indischen Straßen ans Ziel kommt, der ist jedem Risiko gewachsen”, kommentiert Krishna Ella schmunzelnd das Verkehrschaos.
1996 ging der schnauzbärtige Inder ein Risiko ein, das das Überqueren einer Straße in Hyderabad noch übertrifft: Der Biochemiker, der zuletzt in den USA bei den Pharmafirmen Bayer und Sandoz gutes Geld verdient hatte, kündigte seinen Job, ging in seine Heimat zurück und gründete nördlich von Hyderabad die Biotech-Firma Bharat Biotech mit dem Ziel, Medikamente zu entwickeln und zu produzieren. Es sei Zeit gewesen, zurückzukommen und Risiken einzugehen – „für Indien”. Heute ist Bharat Biotech International Limited ein Unternehmen mit 650 Mitarbeitern, setzt im Jahr über 10 Millionen Euro um und ist eine der Speerspitzen des indischen Biotech-Booms. 350 indische Biotech-Unternehmen machten im Wirtschaftsjahr 2006/2007 einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro – die drittstärkste Biotech-Branche im Asien-Pazifik-Raum nach Japan und Korea und vor China. Sie wächst schätzungsweise um 40 Prozent jährlich: Für 2010 rechnet die indische Association of Biotechnology LedEnterprises mit etwa drei Milliarden Euro Umsatz.
PATENTSCHUTZ IGNORIERT
Das ist eine überraschende Entwicklung. Denn obwohl Indien laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) der viertgrößte Produzent von Arzneimitteln ist, war Innovation für indische Pharmafirmen bisher fremdes Terrain. Die indischen Firmen kopierten bloß Wirkstoffe, die man in europäischen oder amerikanischen Labors entwickelt hatte. Weil Indien den Patentschutz dieser Medikamente ignorierte, konnten die Firmen Entwicklungskosten sparen. So kam die indische Bevölkerung zwar in den Genuss billiger Arzneimittel – aber „durch das ständige Kopieren der US-Medikamente wurden indische Firmen geradezu innovationsresistent”, sagt Krishna Ella. 2005 trat Indien dem Welthandelsabkommen WTO bei und ist damit auch an internationale Patente auf therapeutisch wirksame Substanzen gebunden. Seitdem sind die Medikamenten-Preise in Indien um rund 10 Prozent gestiegen, sagt Prabodh Malhotra, Experte für den indischen Pharmamarkt an der Victoria University in Melbourne. Malhotra beobachtet diese Entwicklung skeptisch, denn er fürchtet um Indiens Medikamentenversorgung.
Krishna Ella aber glaubt fest daran, dass es möglich ist, bezahlbare und neuartige Medikamente für die Massen zu produzieren: „Wir wollen die Bedürfnisse der Menschen in Indien befriedigen, ohne geistiges Eigentum zu verletzen.” Das ist eine gewaltige Herausforderung für ein Land, das mit schweren Gegensätzen zwischen Wirtschaftsaufschwung und Armut, Hightech und uralten Traditionen zu kämpfen hat. So hausen vor den neuen funkelnden Glas-Beton-Bürogebäuden Hyderabads nach wie vor obdachlose Familien am Straßenrand. Und im Foyer von Bharat Biotech, im „Genome Valley” von Shameerpet bei Hyderabad, steht gleich neben dem Plastikständer voller Infobroschüren ein kleiner Altar für den Elefantengott Ganesha. Inder wie Ella begegnen diesen Widersprüchen mit Pragmatismus.
Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen hat Indiens Pharma- und Biotech-Branche gute Voraussetzungen, Ellas Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Denn indische Firmen haben Erfahrung mit preisgünstiger Medikamentenproduktion. Während in den USA die Entwicklung eines Medikaments über 500 Millionen Dollar kosten kann, ist Gleiches in Indien für etwa die Hälfte zu haben, schätzt Lee Babiss, Forschungschef des Schweizer Pharmakonzerns Roche. Möglich machen das nicht nur günstigere Arbeitskräfte und Materialien, sondern auch die in den Jahrzehnten der indischen Generika-Produktion optimierten Herstellungsprozesse. Vor allem aber sind die vorklinischen und frühen klinischen Tests an freiwilligen Probanden und Patienten hier viel billiger zu haben. Längst lassen Pharmafirmen wie Merck, AstraZeneca und Pfizer ihre Wirkstoff-Kandidaten in indischen Krankenhäusern testen – ein ebenso lukratives wie ethisch umstrittenes Geschäft.
REICHTUM VERHINDERT INNOVATIONEN
Sollte Ella Recht behalten, könnten indische Firmen den globalen Pharmamarkt bald mit neuartigen, aber zugleich erschwinglichen Medikamenten aufmischen. International agierende Pharmakonzerne wie Novartis oder GlaxoSmithKline beäugen das Wachstum einer innovativen Pharma- und Biotech-Branche deshalb genau. Tatsächlich investieren inzwischen die großen indischen Pharma- und Biotech-Firmen zehn Prozent der jährlichen Ausgaben in die Erforschung neuartiger Wirkstoffe. Ellas Bharat Biotech testet zurzeit vier neue Substanzen, darunter Lysostaphin gegen Infektionen mit Staphylokokken-Bakterien und Impfstoffe gegen Rota-Viren und Malaria.
Innovation muss aber nicht immer bedeuten, einen völlig neuen Wirkstoff zu finden. Als Krishna Ella 1996 nach Indien zurückkehrte, hatte er sich in den Kopf gesetzt, einen für indische Verhältnisse bezahlbaren Impfstoff gegen das Hepatitis-B-Virus, das die Leber schädigt, zu produzieren. Damals kostete eine Dosis Hepatitis-B-Impfstoff rund 30 Dollar, bezahlbar nur für die reichen Industrieländer, unerschwinglich aber für Indien, wo der größte Bedarf besteht. Denn rund 25 Millionen Inder sind mit dem gefährlichen Hepatitis-B-Virus infiziert. Der hohe Preis kam deshalb zustande, weil der Pharmakonzern Glaxo Wellcome (heute GlaxoSmithKline, GSK) für das Sammeln des Hepatitis-Virusproteins teure Ultrazentrifugen verwendete – 100 000 Dollar das Stück.
Als Ella darüber nachdachte, wie er diese Investition vermeiden könnte, erinnerte sich der Biochemiker an eine alte Labortechnik, mit der sich die Virusproteine ohne teure Zentrifugen ernten lassen. Es funktionierte auf Anhieb – und sogar besser: Mit Zentrifugation hat GSK nur 15 Prozent des Proteins aus der Zellkultur extrahieren können. „Bei uns sind es 60 Prozent, vier mal mehr”, sagt Ella stolz. Inzwischen verkauft Bharat Biotech 140 Millionen Impfstoffdosen jährlich im südostasiatischen Raum, in Afrika und Südamerika – zu 33 Cent das Stück. Warum GSK nicht selbst auf die Idee gekommen ist? Ella lacht. „Zu viel Geld verhindert Innovationen!” Das habe er als Biochemiker in den Labors von Bayer selbst jeden Tag erlebt. Wer alle Hilfsmittel kaufen kann, macht sich keine Gedanken darüber, wie sich Kosten senken lassen. Denn das Risiko, einen funktionierenden Prozess zu verändern, gehe man nicht ohne Anreiz oder Druck ein. Ella hatte Druck. Denn als der Rückkehrer indische Finanzquellen für den Aufbau seiner Biotech-Firma anzapfen wollte, wurde er misstrauisch gefragt, ob er in den USA seinen Job verloren habe und warum er nicht dort geblieben sei. „ Alle dachten, ich nehme das Geld und verschwinde wieder nach Amerika.”
Ella setzte auf ausländische Investoren und konzentrierte sich auf Impfstoffe und Medikamente gegen Infektionserkrankungen, die „ Krankheiten armer Menschen”. Denn während Typhus, Cholera & Co in den Industrieländern kaum noch eine Rolle spielen und deshalb auf wenig Interesse bei den großen Pharmafirmen stoßen, sind sie in Entwicklungsländern die häufigste Todesursache vor allem von Kindern unter fünf Jahren. 52 Millionen Menschen sterben jährlich an behandelbaren Infektionskrankheiten, meist Kinder und fast ausschließlich in Entwicklungsländern. Für Ella liegt die Ursache dafür klar auf der Hand: Die großen Pharmafirmen in den USA und Europa haben kein wirtschaftliches Interesse, Impfstoffe und Medikamente so zu produzieren, dass sie auch für Entwicklungsländer bezahlbar sind. „Deshalb müssen wir das schon selbst machen.” Inzwischen bedienen die indischen Pharmafirmen nicht mehr nur den indischen Markt, sondern verkaufen ihre günstigen Produkte global. Ranbaxy, Dr. Reddy, Biocon, Bharat Biotech, Shanta Biotechnics oder Bhat-Biotech haben bereits für zahlreiche Generika die Zulassung zum Verkauf in den USA und in Europa. Bharat Biotech macht inzwischen 30 Prozent des Umsatzes über Exporte und ist das erste indische Biotech-Unternehmen, dass im Auftrag eines US-amerikanischen Pharmakonzern (Wyeth) einen patentgeschützten Wirkstoff (Haemophilus-Influenzae-B-Impfstoff) für den US-Markt produziert.
Schon heute sind Indiens Biotech- und Pharmaprodukte von den internationalen Märkten nicht mehr wegzudenken – vor allem was Impfstoffe betrifft: Etwa die Hälfte aller geimpften Kinder weltweit bekommen ihre Vakzine aus Indien. Dabei wird es nicht bleiben: Shanta Biotechnics’ Krebsmedikament Interferon-alpha kostet statt 26 Dollar nur noch 6,50 Dollar. Und das schluckbare menschliche Insulin-Präparat von Biocon ist über 40 Prozent billiger. Um das Mittel auf dem deutschen Markt verkaufen zu können, hat sich Biocon 70 Prozent der Friedrichsdorfer Generika-Firma AxiCorp gesichert.
DER NEUE MARKT: BIOSIMILARS
Langfristig sollen auf diesem Weg auch sogenannte Biosimilars aus Indien auf den deutschen Markt kommen. Diese noch seltenen Nachahmerprodukte der teuren Biotherapeutika werden in Europa und den USA bislang nicht, wie sonst bei Generika üblich, ohne klinische Studien zugelassen. Denn Biotech-Medikamente lassen sich nicht chemisch exakt kopieren, weil sie von lebenden Zellen produziert werden. Deshalb müssen Biosimilars wie das Original auf Nebenwirkungen und Effektivität getestet werden. In den USA und Europa lohnt sich das nicht, weil die Studien zu teuer wären. Aber Indiens Biotech-Firmen haben aufgrund ihrer geringen Kosten beste Chancen, Biosimilars so kostengünstig zu testen und zu produzieren, dass sie billiger als die Originale sind.
Davon könnten auch die Gesundheitssysteme der Industrieländer profitieren, die schon heute nicht wissen, wie sie die teuren Biotech-Medikamente bezahlen sollen. „Ich bin sicher, dass unsere Produkte auch die USA und Deutschland erreichen werden”, sagt Ella. Ein wenig Zeit brauche es noch, bis die europäischen und amerikanischen Zulassungsbehörden genug Vertrauen in die indischen Pharmaproduzenten haben. Doch die Nachfrage ist da, betont Ella. Den Druck, billigere Medikamente zu bekommen, gibt es überall auf der Welt. ■
SASCHA KARBERG genießt noch bis Juni 2009 ein Stipendium für Wissenschaftsjournalismus (Knight Fellowship) in Cambridge (USA).
von Sascha Karberg
KOMPAKT
· Preiswerte Arzneimittel zu produzieren, ohne geistige Eigentumsrechte zu verletzen – in Indien ist das neuerdings möglich.
· Der Verkauf von Biosimilars, Nachahmerprodukten aus biotechnischer Produktion, verspricht ein gutes Geschäft zu werden, von dem auch Europa etwas hat.





