Vergehen und Verbrechen sind für viele Menschen nur ein anderes Wort für das Böse. Die meist emotionale Diskussion über Kriminalität verändert die Gesellschaft.
Was meinen Sie: Hat die Zahl der Sexualmorde in Deutschland in den letzten zehn Jahren zugenommen, oder sind es weniger geworden? Sind mehr Autos gestohlen worden, oder sank die Zahl? Kam es häufiger zu Körperverletzungen oder seltener?
Wenn Sie mehr Morde und mehr Auto-Diebstähle vermuten, liegen Sie im Hauptfeld der Bevölkerungsmeinung – aber falsch: Sexualmorde sind in der letzten Dekade um 37,5 Prozent zurückgegangen, die Zahl der geklauten Autos um 70,5 Prozent. Wenn Sie dagegen steigende Gewalttätigkeit im Lande mutmaßen, tippen Sie richtig: Die tätlichen Übergriffe nahmen um 58,6 Prozent zu (siehe Tabelle „Frappierende Fehleinschätzungen”).
Christian Pfeiffer hat diese Zahlen zusammengetragen und diagnostiziert daraus – weit über das rein Juristische hinaus – einen tief greifenden Wandel der deutschen Gesellschaft, der allein auf Emotionen beruht und mit Rationalität nicht das Geringste zu tun hat. „Der Seelenhaushalt der Nation benötigt offenbar das Ur-Böse. Und in diese Rolle ist seit einem Jahrzehnt die Kriminalität gedrängt worden.”
Der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) in Hannover zieht aus seinen Untersuchungen eine klare geschichtliche und gesellschaftliche Linie:
• Nachdem sich die Sowjetunion Ende der achtziger Jahre praktisch selbst aufgelöst hatte, war die äußere Gefahr durch eine angeblich drohende kommunistische Weltherrschaft weggefallen: Der Kalte Krieg war beendet, das Gruppen zusammenschweißende äußere Böse verschwunden.
• Die große Euphorie der deutschen Wiedervereinigung wich zu Beginn der neunziger Jahre einer wachsenden Verunsicherung durch steigende Arbeitslosigkeit und die massive Zuwanderung von Aussiedlern, Flüchtlingen und Asylbewerbern. Pfeiffer: „1993 bis 1995 hatten wir einen Anteil von in Deutschland lebenden Menschen, die nicht hier geboren waren, der höher war als in den klassischen Einwanderungsländern USA, Kanada oder Australien.” Bei Unsicherheit und Angst braucht der Mensch einen Feind, um sich abzugrenzen und aus der eigenen Malaise aufzurichten – der Fremde, das Unbekannte bietet sich dazu naturgemäß an.
• Seitdem, so zeigen die Zahlen, geht die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung von einem deutlichen Anstieg krimineller Taten aus – die innere Sicherheit ist vom Bösen bedroht. Daraus folgt nahezu zwangsläufig der Ruf nach dem starken Staat und härteren Strafen. Dem Trend folgen – verkaufsfördernd – die Boulevard-Medien, populistisch die Politiker und die Juristen. Vornehm ausgedrückt heißt das dann: „Befriedigung des Strafbedürfnisses der Allgemeinheit”.
Beispiel: Für das Jahr 2003 vermutete die Bevölkerung 842 Morde hierzulande – tatsächlich waren es 394. Der Bundeskanzler emotionalisiert die Debatte: „Wegschließen – und zwar für immer”. Die Justiz straft härter: Von 1991 bis 2003 stieg bei insgesamt zurückgehender Kriminalität die Zahl der Strafgefangenen in den alten Bundesländern um 38,5 Prozent.
Christian Pfeiffer nennt diesen Trend die „Dämonisierung des Bösen”. Der Rechtsprofessor und ehemalige Justizminister von Niedersachsen entdeckt darin eine Eigendynamik, die kaum zu bremsen scheint und sich über die Spirale „Medien – Politik – Bevölkerung – Medien” ständig selbst speist.
Der Nährboden dafür ist fruchtbar: Das Auf und Ab der Benzinpreise kann jeder Mensch beurteilen, weil er es als Autofahrer täglich erlebt. Von Diebstahl, Einbruch oder gar Gewaltverbrechen wie Mord aber erfahren die meisten Bürger nur über die Medien, können also Schwere, Auswirkung und Folgen nicht selbst beurteilen.
Hier treffen vier Entwicklungen zusammen:
• Was andere wissenschaftliche Beobachter deutscher Verhältnisse konstatieren, fiel auch Pfeiffer auf: Mit der Zulassung der privaten Fernsehsender stieg die Zahl der kriminalhaltigen Nachrichten und Sendungen drastisch an.
• In der Folge verfestigte sich die Bürgermeinung, dass die innere Sicherheit immer schlechter werde.
• Bei den Juristen – schon bei Jura-Studenten – verschwand der Resozialisierungsgedanke gleichzeitig in der Schublade, und die Abschreckung der Täter wurde zum Sinn staatlichen Strafens erhoben.
• Den atavistischen Trieb des Menschen nach Vergeltung befriedigen Politiker gern durch verschärfte Gesetze – auch wenn Dutzende von psychologischen Untersuchungen nachweisen, dass härtere Strafen keinen Kriminellen von einer Untat abhalten. Nach einer Forschungsübersicht des Rechtswissenschaftlers Olaf Hohmann von der Berliner Humboldt-Universität wirkt die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, viel abschreckender als das Strafmaß: Täter begehen Verbrechen, wenn sie glauben, nicht geschnappt zu werden. Aber kaum ein Mörder oder Kinderschänder handelt demnach so kalkulierend, dass er die Tat von der Höhe einer möglichen Strafe abhängig macht.
Solche Trends verändern den Staat – weg von einer liberalen, offenen hin zu einer autoritären Gesellschaft. Als ein Beispiel nennt Kriminalitäts-Experte Pfeiffer den Umgang mit Ausländern, die oft als Blitzableiter für das Böse herhalten müssen: „Da sind wir auf einen besonders problematischen Kurs geraten. Die Zahl der ausländischen Angeklagten ist in den letzten zehn Jahren um 20,6 Prozent zurückgegangen, die Zahl der ausländischen Strafgefangenen ist im gleichen Zeitraum um 7,7 Prozent gestiegen.” Das konnte Pfeiffer sich nicht erklären, bis er herausfand, dass deutsche Richter bei deutschen Angeklagten im Strafmaß nur geringfügig, bei ausländischen dagegen massiv zugelegt hatten. Als Petitesse liest Pfeiffer aus seinen Zahlenkolonnen: „Wenn ein Deutscher von einem Deutschen verprügelt wird, zeigt er das in 20 Prozent der Fälle an. Wird ein Deutscher von einem Ausländer geschlagen, meldet er das zu 30 Prozent bei der Polizei.”
In den letzten zwölf Jahren hat der Gesetzgeber für 40 Delikte die Strafen verschärft. Eine Gemeinschaft muss sich gegen grob abweichendes und gefährliches Verhalten einzelner Mitglieder schützen. Das ist unstrittig. Warum aber reagiert der Staat nicht, wenn die Gefahr vorüber ist? Nach der Polizeilichen Kriminal-Statistik (PKS) sind vor allem in schwer kriminellen Bereichen (Diebstahl, Einbruch, Mord) die Taten teilweise massiv zurückgegangen (siehe Tabelle links). Gerade fertig gestellt oder im Bau sind in deutschen Landen dennoch 12 000 neue Gefängniszellen für 1,4 Milliarden Euro. „Die Zukunft unseres Landes liegt sicher nicht im Ausbau der Gefängnisse, sondern im Ausbau von Jugend- und Bildungseinrichtungen, die auch einen präventiven Nebeneffekt haben”, blickt der Jurist weit über den kriminalistischen Tellerrand.
„Die Hinweise auf die Verbesserung der Lage”, meint Christian Pfeiffer, „müssen von den Innenministern kommen.” Die aber erfüllen diese Aufgabe nicht, sondern ziehen bei ihren Pressekonferenzen zur Kriminalitätsentwicklung immer nur das Vorjahr als Vergleich heran. Der ehemalige Justizminister führt das darauf zurück, dass „die Politik nicht mehr fragt: Was brauchen wir, um mehr Sicherheit zu haben?, sondern: Was brauchen wir, um die Kriminalitätsfurcht der Bevölkerung zu bekämpfen?” Gesprächspartner der Politik sei dann nicht mehr der wissenschaftliche Sachverstand, sondern die Demoskopie, klagt Pfeiffer.
Sinnvoll erscheint ihm eine direkte Befragung der Bevölkerung („Sind Sie im letzten Jahr Opfer einer Straftat geworden?”), wie sie in Großbritannien exerziert wird. Denn die Zahlen der Sicherheitsdebatte beruhen meist auf der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik, in die eben nur die angezeigten oder erkannten Straftaten eingehen, die Dunkelziffer ist in vielen Fällen nicht einmal zu schätzen. Zudem geben Statistiken keine Auskunft über das Warum einer Entwicklung: Die höhere Zahl der angezeigten Körperverletzungen führt Pfeiffer unter anderem auf das Gewaltschutzgesetz von 2002 zurück: „Seitdem holen Frauen eben die Polizei, wenn der Mann sie prügelt, und schmeißen ihn auch raus.”
Den zweiten Faktor für die Verminderung der asozialen Akte sieht der Kriminologe in der verbesserten Aufklärungsquote, die – ebenfalls im letzten Jahrzehnt – von 43 auf beachtliche 53 Prozent gestiegen ist. So etwas wirkt abschreckender auf potenzielle Täter als die Androhung von harten Strafen.
Auch wenn scharfe Law-and-Order-Politiker vor solchen Entwicklungen die Augen fest verschließen – einen Faktor kann niemand leugnen: Die 18- bis 30-jährigen Männer stellen die Hälfte der Täter bei der Gewaltkriminalität – ihr Anteil an der Bevölkerung ist von 9,4 auf 7 Prozent zurückgegangen. Die Männer ab 60, die nicht einmal 3 Prozent der „Körperverletzer” stellen, sind gleichzeitig zahlenmäßig von 20 auf 24,4 Prozent angewachsen: Die Vergreisung der Republik macht Deutschlands Straßen sicherer. ■
Michael Zick
Ohne Titel
bild der wissenschaft: Herr Pfeiffer, Sie sind Theoretiker und Praktiker in Sachen Kriminalitätsforschung. Wie sehen Sie die These etlicher Hirnphysiologen, der Mensch habe keine Willensfreiheit, denn man habe das biologische Substrat des Bösen im Gehirn gefunden?
Pfeiffer: In meinen Augen verrennen sich die Neurobiologen da. Das sind Gedankenspielereien.
bdw: Der Neurophysiologe Prof. Gerhard Roth zum Beispiel verficht diese These vehement.
Pfeiffer: Ich schätze Herrn Roth und arbeite mit ihm in einem Projekt zusammen, in dem wir untersuchen, wie sich gewaltorientierte Computerspiele auswirken auf die Lernkompetenz und die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern – vor allem von Jungen, die ja besonders betroffen sind. Da leistet die Neurobiologie wirklich Hervorragendes.
bdw: Das ist die Frage nach dem Einfluss von Genen und/oder Umwelt auf menschliches Verhalten, vor allem wenn es um abweichendes Verhalten geht. Wie sehen Sie das?
Pfeiffer: Ich habe kürzlich auf einem internationalen Symposium über die Auswirkung von innerfamiliärer Gewalt auf die kriminelle Karriere von Kindern berichtet. Mein Co-Referent, ein Neurobiologe von der Medical School in Harvard, lieferte die Erklärung dazu: Das Schlagen von kleinen Kindern verhindert, dass die beiden Hirnhälften lernen, richtig miteinander zu kooperieren.
bdw: Das Gehirn reagiert auf physische Einwirkung?
Pfeiffer: Die Verstörungen, die Schläge bei einem Kind auslösen, haben offenkundig unmittelbare Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns.
bdw: Und diese Fehlentwicklung kann man im Gehirnscan sichtbar machen?
Pfeiffer: Richtig, und wir haben entdeckt, dass das „Böse”, das da im Kind entsteht, nicht angeboren ist, sondern durch anderes Böses initiiert wird. Das ist faszinierend und zeigt, dass wir in den Verhaltenswissenschaften allen Anlass haben, mit den Neurobiologen zu kooperieren. Nur: Die Führungsrolle auf diesem Gebiet sollte sich die Neurobiologie nicht anmaßen. Die kommt ihr einfach nicht zu.
Das Böse im Gehirn





