von CHRISTIAN WOLF
Wir schenken einem Unbekannten im Zug Vertrauen, wenn wir ihn bitten, kurz auf unsere Tasche aufzupassen. Und hoffen dabei, dass er sich nicht mit unserem Hab und Gut aus dem Staub macht. Wir leihen einem Freund Geld im Vertrauen darauf, es wiederzubekommen. Wir ziehen uns in der Gemeinschaftsumkleide um – und gehen davon aus, dass keiner heimlich mit dem Smartphone Fotos von uns macht. All dies geschieht im Alltag oft unbewusst. Denn Vertrauen ist notwendig, um kooperieren zu können: in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz, in Freundschaften und in der Partnerschaft. „Vertrauen ist die Hühnersuppe des sozialen Lebens“, so beschrieb einmal der US-amerikanische Politikwissenschaftler Eric Uslaner den Wert von Vertrauen für das alltägliche Miteinander. Hühnersuppe soll die Gesundheit stärken, Vertrauen die Gesellschaft: Es ist so etwas wie der soziale Kitt.
„Der Kern des Vertrauens besteht aus Unsicherheit“, sagt der Wirtschafts- und Sozialpsychologe Detlef Fetchenhauer von der Universität Köln. Wer vertraut, geht in eine risikoreiche Vorleistung. Er macht sich verletzlich in der Erwartung, dass die andere Person das nicht ausnutzt. Überlässt man etwa während eines Urlaubs die eigene Wohnung einem Freund, erwartet man zwar, dass er die Wohnung in einem guten Zustand wieder hinterlässt. Aber man hat keine Kontrolle darüber, dass das wirklich geschehen wird. Wenn die Erwartung enttäuscht und die eigene Verletzlichkeit ausgenutzt wird, sinkt das Vertrauen in den Freund oder verschwindet sogar komplett. Und es kann dazu führen, dass wir auch anderen misstrauen.
Die Erfahrungen sind entscheidend
Da Vertrauen mit einem Risiko behaftet ist, verwundert es nicht, dass Menschen sehr unterschiedlich damit umgehen. Wie spendabel sie sind, hängt von verschiedenen Faktoren ab. „Die Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit anderer orientiert sich stark an den eigenen Erfahrungen“, sagt der Psychologe Martin Schweer, Leiter des Zentrums für Vertrauensforschung an der Universität Vechta. Hatte man beispielsweise bislang einen sehr vertrauenswürdigen Vorgesetzten, sei man eher bereit, bei einem Wechsel auch in die neue Führungskraft Vertrauen zu setzen. „Zudem wissen wir aus der Bindungsforschung: Wenn Menschen in der frühen Kindheit vertrauensvolle Erfahrungen im Sinne stabiler, sicherer Bindungen gemacht haben, fällt es ihnen leichter, das Wagnis des Vertrauens später gegenüber anderen einzugehen.“
Neben der Erfahrung spielt die eigene Persönlichkeit eine Rolle. Es macht einen Unterschied, ob jemand offen für neue Erfahrungen ist oder nicht. Das ergab eine Studie des Politikwissenschaftlers Markus Freitag von der Universität Bern. Er wertete die Daten einer Telefonumfrage in der Schweiz mit mehr als 1000 Befragten aus. Je offener für neue Erfahrungen die Befragten waren, desto mehr trauten sie Freunden und Fremden zu, ihnen eine gefundene Geldbörse zurückzugeben. Und gewissenhaftere Menschen tendierten dazu, sowohl Freunden als auch Fremden weniger zu trauen. Freitag sagt: „Bei offenen Menschen ist der Vertrauensvorschuss mit ihrer allgemein toleranten und aufgeschlossenen Art zu erklären. Und für gewissenhafte Menschen gilt, dass sie am liebsten alles unter Kontrolle haben.“





