„An zwei Bibelstellen wird es erwähnt und auch der historische Hintergrund untermauert, dass Jesus tatsächlich lesen und schreiben konnte“, sagt Gregor Geiger vom Forschungszentrum Studium Biblicum Franciscanum in Jerusalem. Wie der Sprachwissenschaftler ausführt, steht im vierten Kapitel des Lukasevangeliums geschrieben: „Wie gewöhnlich ging Jesus am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um aus der Heiligen Schrift vorzulesen, reichte man ihm die Schriftrolle des Propheten Jesaja…“
„Die zweite Biblestelle bezieht sich auf die Schreibfähigkeit“, sagt Geiger. Es handelt sich um die berühmte Szene mit der Ehebrecherin aus dem achten Kapitel des Johannesevangeliums. In diesem Text heißt es: „Jesus beugte sich vor und schrieb mit dem Finger auf die Erde… Schließlich richtete er sich auf und sagte: “Wer von euch ohne Sünde ist, soll den ersten Stein auf sie werfen!” Dann beugte er sich wieder vor und schrieb auf die Erde.“
Aus historischer Sicht plausibel
„Die Bibel ist allerdings nicht objektive Geschichtsschreibung im modernen Sinn. Sie ist ein Glaubenszeugnis. Daher kann sie aus wissenschaftlicher Sicht nicht in allen Einzelheiten als eine objektive Beweisquelle über die Fähigkeiten des historischen Jesus herangezogen werden“, sagt Geiger. „Es wäre möglich, dass die Autoren der Evangelien Jesus durch die Bezüge in ihren Schriften gezielt gebildeter darstellen wollten, als er tatsächlich war“. Wie er erklärt, erscheint es allerdings auch aus historischer Sicht als sehr wahrscheinlich, dass Jesus häbräische Schrift lesen und schreiben konnte.
Ihm zufolge waren diese Fähigkeiten zumindest unter der männlichen jüdischen Bevölkerung der damaligen Zeit durchaus üblich, wie aus verschiedenen Hinweisen hervorgeht. Ein wichtiger Grund für die vergleichsweise hohe Alphabetisierungsrate unter der jüdischen Bevölkerung waren die religiösen Praktiken, sagt Geiger. In anderen Bevölkerungsgruppen der damaligen Zeit konnten nur Personen elitärer Gruppen lesen und schreiben, wie auch später in vielen christlichen Kulturen. Bei den Juden war das nicht der Fall: „Teil des Gottesdienstes in der Synagoge war die Lesung heiliger Schriften durch männliche Mitglieder der jeweiligen Gemeinde“. Vor diesem Hintergrund erscheint die im Lukasevangelium beschriebene Lese-Szene in der Synagoge in Nazareth also sehr authentisch. „Vermutlich war es auch damals schon im Judentum wie heute üblich, zur religiösen Mündigkeit im Alter von 13 Jahren aus den Schriften lesen zu können“, sagt Geiger.





