Was heute zu haben ist
Ein Plausch mit Nachbarn, Freunden oder Verwandten, Konzert- und Theaterbesuche – so sollte der ersehnte Ruhestand im reiferen Alter aussehen. Jahrzehntelang war man in der Hektik des Berufslebens gefangen und hatte keine Zeit für sich und andere. Jetzt soll die Zeit des Zuhörens und Verstehens beginnen, und die Zeit, um der jüngeren Generation mit Rat und Tat beiseite zu stehen. Tragisch, wenn Altersschwerhörigkeit diesen Plänen einen Strich durch die Rechnung macht – tatsächlich sind rund 40 Prozent der über 60-Jährigen mittel- bis hochgradig hörgeschädigt. Statt eines bewegten und produktiven Lebensabends droht dann häufig soziale Isolation und Vereinsamung, denn bereits die Griechen der Antike wussten: „Wer blind ist, verliert den Kontakt zu den Dingen, wer aber taub ist, verliert den Kontakt zu den Menschen.”
Neben dem natürlichen Phänomen der Altersschwerhörigkeit gibt es einen wachsenden Anteil hörgeschädigter Jugendlicher: Experten gehen davon aus, dass in einigen Jahren rund zehn Prozent der Jugendlichen durch Lärm verursachte Hörschäden haben werden. Dabei gilt es mittlerweile als gesichert, dass laute Musik aus den Kopfhörern von Walkmen, in Diskotheken oder auf Konzerten das größte Übel ist. Prof. Eckhard Hoffmann von der Fachhochschule Aalen verweist auch auf die Gefahr durch Spielzeugpistolen oder Feuerwerkskörper: „Die Kinder feuern sie oft unmittelbar neben den Ohren ab – ein lauter Knall, durch den bleibende Schäden entstehen können.”
Ob Jugendlicher oder Rentner: Chirurgische oder medikamentöse Maßnahmen bessern das Problem in der Regel nicht. Allerdings können clevere digitale Hörgeräte den Betroffenen helfen, den Kontakt zu den Mitmenschen nicht zu verlieren.
Die Werbeaussagen in den Hochglanzprospekten der Hörgerätehersteller klingen verheißungsvoll: „Automatische Situationserkennung, adaptives Richtmikrofonsystem zur Optimierung der Sprachverständlichkeit und Signaloptimierung zur Reduzierung der Höranstrengung”. Der Laie fragt verwundert: Wozu der Firlefanz? Reicht die einfache Verstärkung der gesamten Geräuschkulisse nicht, damit Schwerhörige die Welt wieder verstehen? Leider nein – denn die meisten Hörstörungen sind so einmalig wie der Fingerabdruck eines Menschen. So kann mancher Schwerhörige das Zwitschern von Vögeln wie ein Gesunder wahrnehmen, einer einfachen Unterhaltung aber nicht folgen. Besonders problematisch wird es für ihn in einer lauten Umgebung, denn dann geht die Stimme des Gesprächspartners im Lärm buchstäblich unter. Ob Party, Verkehrslärm oder Arbeitsplatz: Laute Situationen gibt es in der betriebsamen Welt reichlich. Digitale Hörgeräte versuchen dieses Problem zu lösen, indem sie die Sprachsignale gezielt verstärken und gleichzeitig die störenden Hintergrundgeräusche unterdrücken.
Sie können diskret im Ohr (IdO-Geräte) oder hinter dem Ohr getragen werden (HdO-Geräte), und ihr Funktionsprinzip ist recht einfach: Für die exakte Erfassung der Geräuschkulisse haben sie mehrere integrierte gewöhnliche Mikrofone oder Richtmikrofone. Elektronische Bauteile digitalisieren die empfangenen Schallwellen und zerlegen sie über Mehrkanaltechnik in bis zu 20 verschiedene Frequenzbereiche. Diese digitalen Geräuschmuster werden dann von einem winzigen Computer ausgewertet. Die Berechnung der optimierten Schallmuster erfolgt ohne Zeitverlust entsprechend der jeweiligen Hörsituation und den individuellen Bedürfnissen des Hörgeräteträgers. Das Ergebnis wird verstärkt und über winzige Lautsprecher in seinen Gehörgang übertragen.
Schon die Digitalisierung der Geräusche und deren Verstärkung in einem Gerät von der Größe eines Fingerhuts ist eine technische Meisterleistung. Das beste aber ist die blitzschnelle Analyse und ständige Neuberechnung der digitalen Schallfrequenzmuster im Mini-Computer des Hörgeräts. Weil das wichtigste akustische Nutzsignal die menschliche Stimme ist, sind dabei leistungsfähige Algorithmen zur Unterscheidung von Sprache und störenden Hintergrundgeräuschen nötig. Aktuelle Hörgeräte versuchen automatisch folgende Störgeräusche zu unterdrücken:
• Gleichmäßige Hintergrundgeräusche, zum Beispiel in einem Auto oder Flugzeug.
• Unregelmäßige Hintergrundgeräusche, beispielsweise den Lärm spielender Kinder.
• Windgeräusche durch Luftbewegungen am Mikrofon.
• Akustische Rückkoppelung („Pfeifen”) des Hörgeräts.
Perfekt funktioniert das aber bislang nicht, und die digitalen Hörgeräte haben ihr Potenzial bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Für das Erkennen und Ausblenden von Störgeräuschen gilt deshalb genauso wie für Methoden zum Erkennen der menschlichen Stimme: Die Entwicklung leistungsfähiger Algorithmen steckt noch in den Kinderschuhen. Bei besonders lebhaften Gesprächen mit mehreren Beteiligten können die digitalen Hörgeräte ihre Vorteile häufig nicht ausspielen. Das Problem ist die Unterscheidung der verschiedenen Stimmen und deren Zuordnung zu den Sprechern.
Die Schwierigkeiten beim Auswerten dieses „Schallwellensalats” und der Entwicklung geeigneter Algorithmen beschreibt Dr. Volker Hohmann vom Kompetenzzentrum HörTech an der Universität Oldenburg: „Das ist etwa so, als sollte jemand anhand der am Ufer eines Sees auflaufenden Wellen sagen, wie viele und welche Boote auf dem See herumfahren.” So ist es kein Wunder, dass die Recheneinheit eines Versuchsgeräts der Oldenburger Hörforscher die Größe eines Aktenkoffers hat. Bei diesen Forschungen geht es nicht nur ums „Hören”, sondern auch ums „Verstehen”, denn was sich dabei in den kleinen grauen Zellen des Hörzentrums im Gehirn genau abspielt, ist bislang weitgehend rätselhaft. Immerhin werden erste Erkenntnisse bereits umgesetzt. Ziel der Oldenburger Hörforscher ist die Entwicklung eines „intelligenten Hifi-Hörgeräts”.
Aber auch aus einem anderen Grund haben die digitalen Hörgeräte den großen Durchbruch bis heute nicht geschafft: Ein High-End-Gerät schlägt bei der Anschaffung mit fast 4000 Euro zu Buche. Und bis es richtig sitzt, sind nicht selten bis zu 20 Sitzungen beim Hörakustiker fällig.
Wie bisher geholfen wurde
Bis Hörhilfen so klein und leistungsfähig wurden, dass sie unauffällig im Gehörgang des Ohrs verschwinden konnten, war es ein langer und beschwerlicher Weg. Bereits in der Antike wurde bei Hörproblemen zur Benutzung von „klingenden Röhren” geraten. Es dauerte aber bis zum 17. Jahrhundert, bis spanische Ärzte das Hörrohr allgemein einführten. Der Wunsch der Schwerhörigen nach einer handlichen und unauffälligen Hörhilfe sorgte bald für kuriose Erfindungen: Der Schalltrichter wurde für Damen unauffällig als Federhäubchen konstruiert und durch Schläuche zum Ohr geleitet. Etwas Ähnliches gab es für Herren: Bei ihnen wurde der Trichter geschickt in einem eleganten Zylinderhut versteckt. Wie herkömmliche Hörrohre waren auch diese Geräte wenig effektiv und umständlich in der Handhabung. Daran konnte die Verwendung hochwertiger oder exotischer Materialien – wie Elfenbein – nichts ändern.
Erst mit der Erfindung des Telefons durch Alexander Graham Bell im Jahr 1876 begann die Entwicklung von Hörgeräten, die diesen Namen verdienen. Etwa ab 1920 gab es die ersten alltagstauglichen Taschengeräte mit Röhrentechnik. Ab 1947 verhalf die Erfindung des Transistors den Hörgeräten zum Durchbruch, und in den fünfziger Jahren kamen erste Hinter-dem-Ohr-Geräte auf den Markt. Die neue Technologie ermöglichte immer kleinere Bauweisen: Schon bald fanden die ersten Geräte im Gehörgang des Ohrs Platz.
Bis Mitte der neunziger Jahre mussten sich Schwerhörige mit analogen Hörgeräten begnügen. Mit ihrer einfachen Verstärkerfunktion werden sie den Bedürfnissen der meisten Hörgeschädigten jedoch nicht gerecht, und die gesamte Geräuschkulisse klingt häufig unange- nehm verzerrt. Dieses Phänomen beschreiben Hörforscher als „Cocktail-Party-Effekt”: Auf einer lebhaften Party können sich Normalhörende gut auf einen Sprecher konzentrieren und Störgeräusche unterdrücken. Für Schwerhörige mit einem einfachen Hörgerät geht die Stimme des Sprechers dagegen in den Störgeräuschen unter. Die digitalen Hörgeräte wurden seit Mitte der achtziger Jahre entwickelt. Die ersten Prototypen waren allerdings noch zu groß und umständlich in der Handhabung. Erst zehn Jahre später wurden die digitalen Hörgeräte dank leistungsfähiger Minicomputer alltagstauglich.
Wohin die Reise geht
„In etwa zehn Jahren könnte jeder dank eines kleinen und bequemen Decoders im Ohr für Menschen und Geräte ständig erreichbar sein. Bei Schwerhörigkeit werden die Hörgerätefunktionen in dieses Allroundgerät integriert”, glaubt Günther Pausch, Innovationsmanager bei Siemens Audiologische Technik in Erlangen. Hat der „Knopf im Ohr” als ständiger Informationsmanager eine Zukunft?
Tatsächlich behandelt das angebrochene Zeitalter der Informationen das Gehör noch stiefmütterlich. Fast alles wird auf Bildschirmen von Computern, Geräten oder Maschinen angezeigt und muss mit dem Auge gelesen werden. Sollten viele Sprachforscher Recht behalten, dürfte sich dieses Ungleichgewicht in Zukunft zu Gunsten des Ohrs ändern. Statt stundenlang in unbequemer und ungesunder Haltung auf den Bildschirm eines Computers zu starren, könnte man sich in einigen Jahren bequem den Inhalt eines Dokuments, einer Internet- Seite oder einer E-Mail vorlesen lassen.
Auch Auto, intelligentes Haus, Unterhaltungselektronik oder Maschinen in der Industrie sollen in Zukunft die Sprache als Schnittstelle zum Menschen nutzen. „Wird diese Vision Wirklichkeit, fallen Hörgeräteträger nicht mehr auf. Das wäre ein Durchbruch, denn viele verzichten aus falschem Stolz aufs Tragen einer Hörhilfe”, sagt Pausch.
Bislang konzentrieren sich die Hörgerätehersteller auf die Verbesserung der herkömmlichen digitalen Hörgeräte. Die immer höhere Rechenleistung der Hörgerätecomputer wird den Hörgeschädigten in den nächsten Jahren Geräte bescheren, • die dank weiterentwickelter Algorithmen Störgeräusche noch besser als heute unterdrücken, • eine bessere Klangqualität haben und • dank Miniaturisierung der Bauteile noch kleiner und unauffälliger sein werden.
Traurig, aber wahr: Wegen der zunehmenden Überalterung unserer Gesellschaft und immer jüngerer Hörgeschädigter befindet sich die Hörgeräte-Industrie im Aufwind: 1998 wurden europaweit Hörgeräte im Wert von rund 1,1 Milliarden Euro verkauft. Im Jahr 2002 belief sich dieser Markt bereits auf mehr als 1,5 Milliarden Euro, und die Wachstumsrate ist enorm: rund neun Prozent jährlich. Daher wird die Hörgeräte-Industrie viel Geld in die Entwicklung besserer Geräte investieren – zum Nutzen der Hörgeschädigten.
Sebastian Moser




