Das erste “Bäh” des schottischen Klon-Schafs Dolly löste bei vielen Menschen einen Abwehr-Reflex aus: Wissenschaftler, Politiker, Philosophen und Journalisten der ganzen Welt blökten aufgeschreckt zurück, daß man nun alles tun müsse, um das absehbare Klonen von Menschen zu verbieten. Inzwischen ist das Echo verhallt, das Nachdenken hat eingesetzt. Die Öffentlichkeit nahm erstaunt zur Kenntnis, daß bestimmte Klon-Praktiken bei Pflanzen und Tieren seit Jahren Alltag sind. Und es werden immer mehr Stimmen laut, die das Klonen des Menschen nicht nur als zwangsläufige Folge des jetzt Machbaren sehen, sondern die es im Dienste optimaler medizinischer Betreuung sogar fordern.
Zur Erinnerung: Am 23. Februar trat der schottische Genetiker Prof. Ian Wilmut mit einem vierbeinigen Wollknäuel vor die Kameras – dem Produkt eines Versuches, bei dem das Erbgut eines Schafs in die Eizelle eines zweiten Schafs gespritzt wurde. Ein drittes Schaf wurde damit geschwängert und brachte das Lamm Dolly zur Welt. Der Name belegt britischen Humor: Die Genspende stammt aus einer Euterzelle. Bei der Taufe machten die Forscher die menschliche Mega-Milchdrüsenträgerin Dolly Buster zur Patin.
Die Verwendung eben dieser Euterzelle war die eigentliche Sensation. Die prinzipielle Klon-Methode, bei der ein Zellkern in eine andere Eizelle gebracht wird, funktioniert seit zehn Jahren. Allerdings hat man dazu bisher embryonale Zellen verwendet, aus denen sich prinzipiell noch der ganze Organismus entwickeln kann. Bis zur Geburt Dollys waren sich die Experten einig, daß dies mit einer ausgereiften Zelle nicht mehr möglich ist, weil darin die meisten genetischen Programme stillgelegt sind (siehe “Fokus Klonen”, Seite 64). Wilmut dagegen behauptet: “In zwei Jahren können wir das auch beim Menschen.”
Viele Fragen sind aber noch offen: Die Schotten konnten bisher nicht sicher ausschließen, daß sie anstelle der Euterzelle nicht doch vielleicht eine embryonale Stammzelle bei dem Versuch erwischt hatten. Wissenschaftlich anerkannt ist das Experiment auch erst, wenn es mindestens in einem anderen Labor der Welt wiederholt werden kann. Auch die Tatsache, daß es neben Dolly gleichzeitig 276 Fehlschläge in Wilmuts Labor gab, dämpfte die Euphorie. Von Routine kann beim Klonen also keine Rede sein.
Meldungen aus aller Welt zeigen das große Interesse, die neue Technik serienreif zu machen: Die Japaner experimentieren mit Klon-Kühen, in den USA sollen im Dezember die ersten Klon-Kälbchen aus Hautzellen geboren werden, die Araber versuchen, Rennkamele zu kopieren, die ersten Klone von Rhesusaffen – wenn auch noch aus embryonalen Zellen – sind schon zehn Monate alt. Gibt es überhaupt noch Grenzen, wenn schon nicht des Denkbaren, so doch des Machbaren?
Pflanzenzucht Felder voller grüner Klone
Was bei Dolly einen Dammbruch in der Tierzucht bedeuten könnte, ist bei der anderen Hälfte der Lebewelt, den Pflanzen, gang und gäbe. Genetisch gleiche Organismen entstehen bei ihnen ständig, wann immer sie sich durch Ableger vermehren. Alle Kartoffeln, die bei uns auf den Tisch kommen, stammen von wenigen Individuen ab. Alle Erdbeeren sind Klone. Weintrinker genießen das Produkt gepfropfter, also erbgleicher Reben. “Der Sinn dieser Technik ist, daß die Pflanzen gleichzeitig blühen und reifen, und daß die Früchte einfacher geerntet werden können”, sagt der Stuttgarter Pflanzengenetiker Prof. Hartwig Geiger.
“Natürlich erhöht die Gleichförmigkeit der Individuen auch die Anfälligkeit für Krankheiten und Schädlinge”, räumt Geiger ein. “Daher sind die Züchter immer auf der Suche nach neuen Varianten.” Manche Sorten von Äpfeln und Kartoffeln halten sich nur drei bis vier Jahre, andere dagegen zwanzig oder mehr.
Einen Schritt weiter als die Kultivierung von Ablegern geht die Züchtung von Sorten aus Zellkulturen. Auch das ist bei Pflanzen recht einfach. Grundlage ist die “Totipotenz” pflanzlicher Zellen: Nahezu alle ihrer wachsenden Gewebe können durch Behandlung mit Hormonen dazu gebracht werden, eine komplett neue Pflanze zu bilden. Warum dies bei Pflanzen funktioniert, bei höheren Tieren dagegen nicht, ist noch ein Rätsel.
Laut Dr. Ruth Wingender vom Institut für landwirtschaftliche Botanik der Universität Bonn werden Erdbeeren, Soja, Erbsen, Raps, Sonnenblumen und – seit Anfang dieses Jahrzehnts – Getreide, Maniok und Palmen aus Zellkulturen gezüchtet. Am häufigsten greifen Zierpflanzenzüchter auf diese Methode zurück. Ruth Wingender: “Wenn Sie heute ein Usambaraveilchen, eine Gerbera oder eine Orchidee kaufen, dann stammt diese mit Sicherheit aus Zellkulturen.”
“In Deutschland werden jedes Jahr von etwa 30 Firmen knapp 20 Millionen Pflanzen im Reagenzglas gezüchtet – alles Klone”, berichtet Dr. Walter Preil von der Bundesanstalt für Züchtungsforschung an Kulturpflanzen. “In den Niederlanden sind es noch viel mehr, allein etwa 22 Millionen Farne und 25 Millionen Lilien im Jahr.”
Der Biologe Michael Blanke von der Universität Bonn sieht die Reagenzglastechnik zumindest für den Obstbau allerdings mit Skepsis. “Das Klonen hat die Erwartungen nicht erfüllt. Bei vielen Nutzpflanzen treten Variationen auf, die von Züchtern und Verbrauchern nicht akzeptiert werden. Vor etwa fünf Jahren sind daher eine ganze Reihe von Zuchtlabors bankrott gegangen.”
Kernverpflanzung wie beim Klon-Schaf Dolly spielt dagegen bei der kommerziellen Pflanzenzucht keine Rolle. Nur ein paar Forscher testen, ob man damit gewünschte genetische Veränderungen besser im Erbgut von Pflanzen verankern kann.
Vorteile: Synchrone Blüh- und Reifezeit, identische Zierpflanzen, Früchte von gleicher Größe und gleichem Aussehen.
Nachteile: Genetische Verarmung, erhöhte Anfälligkeit gegenüber Schädlingen und Krankheiten.
Ethik: Das Klonen von Pflanzen ist weitgehend akzeptiert.
Gesetzliche Beschränkungen: Keine
Tierzucht Vierbeinige Pharmafabriken
In den USA ist der Kerntransfer beim Rind üblich, in Europa sind Stationen mit dieser Klon-Technik erst im Aufbau. Ähnlich sieht es bei der Herstellung eineiiger Zwillinge und Mehrlinge aus, dem Embryonen-Splitting (siehe “Fokus Klonen”, Seite 64). “Obwohl die Technik seit gut 15 Jahren bei landwirtschaftlichen Nutztieren praxisreif ist, hat sich das Embryonensplitting hierzulande bislang nicht durchgesetzt”, meint Prof. Heiner Niemann vom Institut für Tierzucht und Tierhaltung der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (FAL) in Mariensee. “Wenn man es überhaupt einsetzt, dann um nach einer Befruchtung im Reagenzglas mehreren tierischen Leihmüttern je einen Ableger des Wunschembryos einzupflanzen.”
Die Zeugung im Labor macht bei Rindern kaum noch Probleme, ihre Embryonen können tiefgefroren, transportiert und wieder aufgetaut werden. Schwierig ist dagegen der Transfer der Embryonen in die Gebärmutter eines künstlich für die Schwangerschaft präparierten Rindes. Viele der mühsam hergestellten Embryonen gehen wieder verloren.
Standard in der Rinderzucht ist die künstliche Besamung. Prof. Hermann Geldermann vom Institut für Tierhaltung und Tierzüchtung der Universität Hohenheim: “90 Prozent aller Geburten bei Rindern sind heute das Ergebnis dieser Technik. Bei Schweinen sind es 40 Prozent, Tendenz steigend, bei Pferden schnellte die Rate innerhalb der letzten zehn Jahre von 0 auf 50 Prozent.”
Aber bislang ist beispielsweise eine Bullenprüfung recht aufwendig. Um zu erfahren, ob ein Stier als Samenspender wirklich taugt, muß man zunächst seinen Samen gewinnen, dann Rinder damit befruchten und abwarten, bis der Nachwuchs herangewachsen ist. Nur wenn dieser ähnliche Fleischleistungen wie der Vater bringt – erkennbar nach vier bis fünf Jahren -, kommt der als Zuchtbulle in Frage.
Die Wartezeit könnte mit Klon-Techniken ê la Dolly verkürzt werden. Die sexuelle Vermehrung wäre überflüssig, ein Klon aus der Hautzelle eines Hochleistungstiers liefert die gleiche Menge Fleisch, Milch oder Wolle.
Das Hauptinteresse an der Klon-Forschung haben derzeit Unternehmen, die aus der Milch transgener Tiere pharmazeutische Wirkstoffe gewinnen wollen. PPL Therapeutics, jene schottische Firma, die am Roslin Institute die Entwicklung von Dolly finanziert hat, ist einer der Vorreiter beim “Pharming” (Kunstwort aus “Pharmaproduktion mit Farmtieren”).
Mit der Firma Genzyme Transgenics aus den USA ist sie derzeit im Wettlauf um die Zulassung des weltweit ersten Medikaments aus transgenen Tieren. PPL gewinnt aus der Milch transgener Schafe das Enzym Alpha-1-Antitrypsin, das Mukoviszidose-Patienten helfen soll. Seit kurzem ist das Präparat in der klinischen Prüfung. Bei den Konkurrenten aus den USA steckt menschliches Antithrombin III, ein Wirkstoff gegen Blutgerinnsel aus der Milch transgener Ziegen, bereits in einer fortgeschrittenen Phase der Prüfung.
PPL hat auch transgene Schafe gezüchtet, die menschliches Serumalbumin herstellen – zur Heilung bei schweren Verletzungen wie Verbrennungen. Zudem stehen Kühe als Lieferanten des Milcheiweißes Alpha-Lactalbumin bereit – für Babynahrung und Gesundheitskost.
Genzyme hat auch einen Vertrag mit der Fresenius AG aus Bad Homburg geschlossen. Die Amerikaner wollen ebenfalls menschliches Serumalbumin aus transgenen Kühen liefern. Genzyme gibt an, derzeit mehr als 25 verschiedene Proteine mit transgenen Tieren herstellen zu können, weltweit sollen es 43 sein, darunter Insulin und Wachstumshormone.
Andere Firmen – zum Beispiel Alexion aus New Haven, Connecticut – arbeiten an der gentechnischen Humanisierung von Schweinen, die einmal Organe für Transplantationen liefern sollen. Auch PPL hat ein ähnliches Vorhaben angekündigt.
Vorteile: Schnelle Produktion von Tieren mit bekannter Veranlagung. Wenige Tiere könnten mit ihrer Milch den Weltbedarf mancher Pharmaka decken.
Nachteile: Verarmung der Rassenvielfalt. Zum Nutzen des Menschen manipulierte Tiere hätten unter ähnlichen gesundheitlichen Folgen zu leiden wie die heutigen Inzuchttiere: labiles Immunsystem, häufige Entzündungen und andere Krankheiten.
Ethik: Klonen wäre die Einführung einer bei Säugetieren völlig widernatürlichen Fortpflanzungsart.
Gesetzliche Beschränkungen: Keine. In Deutschland muß nur dem Tierschutzgesetz – artgerechte Haltung – Genüge getan werden.
Artenschutz Recht auf Panda und Nashorn?
Midori starb im April 1995. Er war der letzte männliche in Japan lebende Japanische Ibis (Nipponia nippon). Wissenschaftler konservierten Gewebeteile Midoris bei minus 196 Grad. Sie hofften, eines Tages werde es möglich sein, DNA aus seinen Körperzellen in entkernte Eizellen eines anderen Vogels einzubringen. Was vor zwei Jahren wie Science-fiction schien, ist heute möglich: Demnächst könnte Midori als “gefiederte Dolly” auferstehen und für weiteren Nachwuchs sorgen.
Technisch steht dem Klonen seltener Arten fast nichts mehr im Wege. Leihmütter müssen nicht einmal aus der gleichen Spezies stammen. Hauskühe trugen schon Kälber von Gaur-Büffeln aus, Pferdestuten warfen Zebrafohlen. Südafrikanische Artenschützer erprobten die Leihmutterschaft sogar bei Wildtieren: Sie übertrugen befruchtete Eier von Rappen- auf Oryxantilopen.
Lediglich ein Wiedererwecken bereits ausgestorbener Arten ê la “Jurassic Park” scheint derzeit ausgeschlossen. Die DNA-Fetzen, die etwa in Museumspräparaten von Quagga-Zebras vorhanden sind, reichen dafür nicht aus.
Doch würde man den Arten damit wirklich helfen? Ist es sinnvoll, den Panda oder den Kondor zu erhalten, wenn er keinen natürlichen Lebensraum mehr hat? Wie verändert sich das Verhalten der Tiere, wenn sie von Menschen oder artfremden Leihmüttern aufgezogen werden? Wissen sie um Überlebenstricks und Feinde? Sind genetisch identische Populationen nicht extrem anfällig für Krankheiten?
Ähnliche Fragen trennen Gegner und Befürworter der Nachzucht in zoologischen Gärten. Die Abkömmlinge solcher Programme haben mit Klonen viel gemeinsam: Sie kennen ihren natürlichen Lebensraum nicht und zeigen häufig ein verändertes Verhalten. Manche Gehege-Populationen sind genetisch verarmt, da sie oft nur von wenigen Elterntieren abstammen. Doch immerhin 16 im Zoo gerettete Tierarten konnten bis heute erfolgreich ausgewildert werden (bild der wissenschaft 5/1994, “Tonis Minnefahrt”).
Gegner dieser Form des Artenschutzes führen ins Feld, daß in den Zoos “Arten ohne Raum” heranwüchsen, da überall auf der Welt die Natur weiter zerstört wird. Doch nach den Bevölkerungsprognosen der UNO wird die Zahl der Menschen in zirka 100 Jahren zu sinken beginnen. Mit Zoozucht, Embryonentransfer oder Klonen könnte die Spanne überbrückt werden, bis wieder mehr Lebensraum für Wildtiere zur Verfügung steht.
Auch die genetische Verarmung ist kein zwingendes Argument: Die 150000 Exemplare des Nördlichen See-Elefanten, die sich heute an der Küste Kaliforniens tummeln, stammen von gerade einigen Dutzend Tieren ab. Mehr waren nach dem massenweisen Abschlachten im 18. und 19. Jahrhundert nicht übrig geblieben. Auch andere Spezies haben solche genetischen Flaschenhälse hinter sich und leben munter weiter.
Im Zoo von Jersey in England steht neben dem Käfig des durch Zoozucht geretteten Mauritiusfalken ein Schild mit der Frage: Ist es den Aufwand wert? Die Antwort prangt groß gleich daneben: Ja! Denn noch immer gilt Voltaires Satz, daß “sämtliche Professoren der gelehrten Akademie keinen einzigen Käfer fabrizieren können”.
Zum Erhalt des Ökosystems Erde und zur Sicherung unseres eigenen Überlebens benötigen wir keinen Ibis, keinen Panda und kein Java-Nashorn. Doch die Akropolis und den Petersdom brauchen wir dafür ebenfalls nicht. Es ist eine kulturelle Entscheidung, ob Arten gerettet werden sollen.
Vorteile: Extrem rare Arten könnten erhalten werden.
Nachteile: Interessengruppen könnten die Technik als Argument mißbrauchen, Natur weiter zu zerstören.
Ethik: Wenn man Tiere essen darf, ist es auch erlaubt, sie zu klonen.
Gesetzliche Beschränkungen: Keine
Medizin Organe aus dem Kopierer
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Nach Schätzungen der Deutschen Stiftung Organtransplantation werden in Deutschland mindestens doppelt so viele Organe benötigt, wie derzeit jährlich transplantiert werden können. Für die USA weisen die Statistiken der Health Resources und Services Administration noch ungünstigere Zahlenverhältnisse aus: Ende 1994 standen nach 11000 Nierentransplantationen noch beinahe dreimal so viele Patienten auf der Warteliste. Mit dem Fortschritt in der Transplantationsmedizin wird der Bedarf weiter steigen. Ist es da nicht naheliegend, in geklonten Lebewesen, die als Organbanken dienen, einen Ausweg zu sehen?
Aufgrund recht ähnlicher Anatomie und Physiologie setzen vor allem britische Wissenschaftler ihre Hoffnungen auf das Schwein als Organspender für den Menschen. Um die akute Abstoßungsreaktion des Körpers gegenüber dem artfremden Organ zu vermeiden, werden die Spendertiere gentechnologisch mit Teilen menschlicher Zellen “humanisiert”. Bei der Übertragung solcher Schweineherzen auf Affen gibt es erste Erfolge.
Gelänge es, die Humanisierung zu perfektionieren und solche Schweine nach dem Dolly-Prinzip zu klonen, könnten Transplantationsmediziner zweifellos aus dem Vollen schöpfen – wenn da nicht noch andere Gefahren wären, beispielsweise die Übertragung von Viren. Daß krebsauslösende Viren aus Schweinen menschliche Zellen infizieren können, ist erwiesen. Virologen zufolge besteht damit das Risiko, daß Schweineviren aus übertragenen Organen den Menschen schwer schädigen, ähnlich wie der in Menschenaffen harmlose HI- Virus beim Menschen Aids auslöst.
Diese Probleme ließen sich umgehen, könnte man auf menschliche Klone zurückgreifen. Im embryonalen Zustand könnten sie tiefgefroren aufbewahrt werden, um im Notfall Blut, Knochenmark, Haut oder Hirnzellen zu liefern. Eine weitere Option wären Eigenklone: Für jeden Menschen könnte ein hirntoter Klon als Organkonserve auf Vorrat gehalten werden. Aber der Aufwand für Pflege und Aufzucht des Torsos als Lieferant ausgereifter Organe – Nieren, Herz, Bauchspeicheldrüse, Leber, Lunge, Magen und Darm – wäre sicher nur für wenige Reiche zu bezahlen.
Vorteile: Genug transplantierfähige Organe durch geklonte “humanisierte” Tiere. Keine Abstoßungsreaktionen bei Blut, Knochenmark und anderen Gewebszellen aus Eigenklonen.
Nachteile: Übertragung gefährlicher Viren bei der Verpflanzung von Organen geklonter Tiere. Handel mit Organen speziell für diesen Zweck geklonter Menschen.
Ethik: Der Mensch und sein Körper wird zur Ware. Eine Minderheit könnte die Unsterblichkeit anstreben, während jährlich Millionen von Menschen verhungern oder an prinzipiell leicht kurierbaren Krankheiten sterben, weil sie die Behandlung nicht bezahlen können.
Gesetzliche Beschränkungen: Keine für das Klonen von Tieren und die Nutzung von tierischem Gewebe. Durch das Embryonenschutzgesetz ist das Klonen von Menschen in Deutschland verboten, nicht aber in den meisten angelsächsischen Ländern (USA, Kanada, Australien).
Maß-Menschen Abschied vom Prinzip Zufall
“Was gibt es denn?” “Es wird ein Mensch gemacht. Wie sonst das Zeugen Mode war, erklären wir für eitle Possen. Wenn sich das Tier noch weiter dran ergetzt, so muß der Mensch mit seinen großen Gaben doch künftig höhern Ursprung haben.”
So wird Mephisto im zweiten Teil von Goethes Faust-Tragödie von Wagner belehrt, der soeben im Labor den Homunculus schafft. Das gleiche Argument hört man heute in der Klon-Debatte: Gerade dadurch würde sich künftig der Mensch vom Tier unterscheiden, daß er die Fortpflanzung nicht mehr dem Sex mit seiner zufälligen Verteilung von Erbanlagen überläßt. Ausgewählte Zellen mit Genen aus dem Katalog werden zum gewünschten Zeitpunkt aus dem Gefrierschrank geholt, kopiert und in die Gebärmutter einer Frau verpflanzt.
Das könnte die wirkliche Zukunft des Klonens von Menschen sein, nicht das Kopieren beliebig vieler Albert Einsteins oder Michael Schumachers. Was nicht heißt, daß man mit geeignetem Erbgut nicht besonders gute Sportler züchten könnte. Ein Klon von Boris Becker würde bei optimaler Betreuung und Förderung vielleicht ebenfalls ein guter Tennisspieler, aber eben nicht Boris II. Er würde anders reden, anders denken und anders handeln.
Soviel hat sich inzwischen herumgesprochen: Die Gene allein machen den Menschen nicht aus, Erziehung, Umwelt, selbst die Ernährung beeinflussen Charakter und Persönlichkeit. Ein Staat allerdings, der nur den Prestigewert von Medaillen im Auge hat, könnte daran denken, ein entsprechendes Programm anlaufen zu lassen.
Auch wird wohl niemand, der sich eine Kopie von aktuellen Schönheitsidealen wie Naomi Campbell oder Nastassja Kinski wünscht, Wert auf deren Charakter oder IQ legen. An die genetischen Informationen für das Äußere kann jeder kommen: Jedes benutzte Papiertaschentuch und jeder ausgespuckte Kaugummi enthalten verwertbare menschliche Zellen. Es gibt beliebig viele weitere Szenarien, in denen die Persönlichkeit des kopierten Menschen keine Rolle spielt.
Ethische Bedenken rücken oft in den Hintergrund, sobald die medizinischen Aussichten erörtert werden. Dann scheint es geradezu in der Verantwortung des Menschen zu liegen, die Möglichkeiten zu nutzen. Das Klonen wäre nur Mittel zum Zweck der Gentherapie. Auch hier haben sich die Voraussetzungen in diesem Frühjahr gewaltig verändert – mit dem geglückten Nachbau kompletter Chromosomen.
Bisher ist es eher Glückssache, wenn man es schafft, eine Erbkrankheit dadurch zu kurieren, daß man das defekte Gen an der richtigen Stelle des Erbguts durch eine funktionierende Einheit ersetzt. Trotzdem wird es weltweit derzeit bei 2000 Menschen versucht, die unter anderem an Muskeldystrophie, Bluterkrankheit, Mukoviszidose und ererbten Krebsarten leiden.
Dieses nachträgliche Reparieren würde bei künftigen Generationen mit der Technik des Mediziners Prof. Huntington Willard und seines Kollegen John Harrington aus Cleveland, Ohio, überflüssig. Sie machten vor, wie man mehrere Gene zu funktionierenden Chromosomen zusammenfügt, die sich ordentlich teilen und die notwendigen Informationen der Zelle zur Verfügung stellen.
Anfangs würde man damit vielleicht nur Paaren mit defekten Keimzellen helfen. Man könnte den Embryo reparieren, einige Exemplare auf Vorrat kopieren und einen Klon austragen lassen. Niemand müßte mehr mit dem Risiko leben, ein krankes Kind zur Welt zu bringen.
Der nächste Schritt wäre, gewünschte Erbanlagen zu Gen-Paketen zusammenzustellen, damit befruchtete Spender-Eizellen auszustatten und die Embryonen tiefgekühlt auf Vorrat zu halten. So wie heute bereits Samenbanken mit Spermien von Nobelpreisträgern und Olympiasiegern existieren, würde es dann Klonbanken geben. Der Unterschied wäre, daß die Klone aus dem Katalog mit viel größerer Wahrscheinlichkeit zum Wunschkind führen als der zufällige Genmix bei der Befruchtung selbst mit ausgesuchten Spermien.
In Deutschland steht das Embryonenschutzgesetz solchen Vorhaben noch im Wege, in anderen Ländern ruft man nach entsprechenden Verboten – aller Erfahrung nach vergebens. Erst 19 Jahre sind seit der heiß debattierten Geburt von Louise Brown vergangen, dem ersten Retortenbaby. Inzwischen gebären Großmütter ihre eigenen Enkel, eine Leihmutter in Italien geht gleichzeitig mit zwei Kindern verschiedener Eltern schwanger – wegen des doppelten Verdienstes. Auch das Lager derer, die sich positiv über das Klonen ausspricht, wächst von Tag zu Tag.
Vorteile: Die Menschheit kann sich von vielen Krankheiten befreien und für spezielle Arbeiten spezielle Klone züchten.
Nachteile: Die Toleranz gegenüber “Unperfektem” nimmt vermutlich ab.
Ethik: Ein Klon ist ein Mensch wie jeder natürlich Geborene, wie ein eineiiger Zwilling oder ein Retortenkind.
Gesetzliche Beschränkungen: In Deutschland verboten, in den meisten anderen Ländern nicht geregelt.
Sie haben das Wort
Zugegeben – es fällt schwer, sich beim Thema Klonen eine Meinung zu bilden, was der Mensch darf oder soll. Ist es etwas anderes, einen Erdbeer-Ableger herzustellen, als aus einem Embryo acht identische Kälber zu machen? Darf man zwar klonen, was die zufällige Vermischung von Keimzellen ergibt, aber Schafe und Kühe nicht so manipulieren, daß sie im Dienste des Menschen zu lebenden Pharmafabriken werden? Soll es erlaubt sein, erbkranke Embryonen des Menschen zu reparieren und davon Kopien anzulegen – eventuell sogar als Organspender -, nicht aber, Kinder nach Klon-Katalogen auszusuchen?
Was sagen Sie? Schreiben Sie uns, faxen oder E-mailen Sie Ihre Ansicht. Eine Auswahl der Briefe wird in einer der nächsten Ausgaben veröffentlicht. Je kürzer der Brief, um so größer ist die Chance auf einen Abdruck. Unter allen Einsendern verlosen wir zehn Bücher des neuen Bestsellers aus der Edition bild der wissenschaft: “Das Rätsel von Leib und Seele”.
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