von CHRISTIAN WOLF
Kann ein verlorener Finger wieder nachwachsen? Das geht auf jeden Fall – wenn man Kindern Glauben schenkt. Die meisten sehen das Leben generell positiv, auch wenn dieser Optimismus nicht immer der Realität entspricht. Das offenbaren Studien auf vielfache Weise.
Fragt man etwa Kindergartenkinder und Erstklässler nach ihrem Leistungsstand, äußern sie sich meist zuversichtlich – auch wenn Erzieherinnen und Lehrer das ganz anders sehen. Und sie überschätzen ihre Fertigkeiten, etwa wenn sie in einem Experiment gebeten werden zu überlegen, wie viele der gezeigten Bilder sie sich einprägen können. Das übersteigerte Selbstvertrauen ist dabei bemerkenswert widerstandsfähig: Selbst wenn die Kinder wiederholt die Erfahrung gemacht haben, dass sie sich weniger Bilder merken können, als sie dachten – sie bleiben zuversichtlich.
Meist laufen solche Studien in Form einer Befragung ab. Dabei sollen sich die Kleinen bestimmte Szenarien vorstellen und angeben, ob sie gut oder schlecht ausgehen. So zeigten Christi Bamford von der Jacksonville University in Florida und Kristin Hansen Lagattuta von der University of California bei einer ihrer Studien knapp 200 Fünf- bis Zehnjährigen ein Bild von einer Schatztruhe. Die Kleinen sollten sich dann eine Schatzsuche mit der eigenen Klasse vorstellen und angeben, ob sie selbst den Schatz finden würden oder jemand anderes. In der Mehrzahl der Fälle entschieden sich die Kinder dafür, dass sie selbst den Schatz aufspüren würden.
Die Psychologin Janet Boseovski von der University of North Carolina fand gemeinsam mit Kollegen heraus: Der überzogene Optimismus tritt bereits im Alter von etwa drei Jahren auf, erreicht in der mittleren Kindheit zwischen sechs und acht Jahren seinen Höhepunkt und lässt erst in der späten Kindheit ab neun Jahren nach.
Aus Fehlern lernen
Bei der Suche nach den Ursachen ging der Psychologe Tobias Hauser vom Max Planck UCL Centre for Computational Psychiatry and Ageing Research in London einer interessanten Spur nach. In einer im letzten Jahr veröffentlichten Studie baten er und seine Kollegen Kinder und Jugendliche, ein Computerspiel zu spielen. Darin sollten die jungen Probanden einem Astronauten helfen, eine Rakete zu verschiedenen Planeten im Universum zu steuern, auf denen es Goldmünzen einzusammeln galt. Die Planeten hatten ähnlich viele Goldschätze zu bieten. Zu Beginn jedes Versuchs sollten die jungen Teilnehmer überlegen, wie viel Münzen sie wohl erhalten würden.
Die Forscher untersuchten dabei das sogenannte Verstärkungslernen: Menschen lernen allgemein durch Versuch und Irrtum, ihre Erwartungen anzupassen. Das heißt in diesem Fall: Wenn ein Planet weniger Ausbeute gebracht hat als gedacht, sollte man beim nächsten Planeten ähnlich wenig erwarten. Doch wie sich herausstellte, überschätzten nicht nur die meisten Kinder tendenziell ihre Ausbeute, sondern auch die meisten Jugendlichen.





